Berlin
Der zweimalige Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe ist neuer Staatsminister für Sport im Bundeskanzleramt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stellte den 44-Jährigen als Nachfolger von Christiane Schenderlein vor, deren Wechsel ins Gesundheitsministerium bereits vor der Sommerpause angekündigt worden war.
Bei seiner Vorstellung präsentierte sich Rauhe im dunklen Anzug neben dem Kanzler mit seiner Ernennungsurkunde – ein ungewohntes Bild für viele Sportfans, die ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten vor allem aus dem Kanu-Rennsport kennen. Nun wechselt der gebürtige Berliner vom Wasser in die Politik.
Mit der Besetzung des Postens ist der Umbau der Bundesregierung nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn abgeschlossen. Das Sportressort im Kanzleramt war die letzte noch offene Personalie. Beim Deutschen Olympischen Sportbund hatte es zuletzt Unmut darüber gegeben, dass die Stelle mehr als einen Monat unbesetzt war.
Olympia-Bewerbung und Spitzensport im Mittelpunkt
Merz sieht in Rauhes neuer Aufgabe vor allem ein großes Ziel: die deutsche Bewerbung um Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044. Bei der Vorstellung im Kanzleramt machte der Kanzler deutlich, dass Deutschland die Bewerbung mit voller Entschlossenheit verfolgen wolle und die gesamte Bundesregierung dahinterstehe.
Eine wichtige Wegmarke steht bereits kurz bevor: Am 26. September will der DOSB bei einer Sonder-Mitgliederversammlung in Baden-Baden entscheiden, welche deutsche Stadt oder Region ins Rennen um Olympische und Paralympische Spiele gehen soll. Zur Auswahl stehen Berlin, München sowie die Region Rhein-Ruhr mit Köln als Zentrum. Die Entscheidung des IOC über die Spiele 2036 wird Mitte 2029 erwartet.
Auch Rauhe stellte die Olympiabewerbung in den Mittelpunkt seiner künftigen Arbeit. Zugleich kündigte er an, sich für bessere Bedingungen im Leistungssport und für das Ehrenamt einzusetzen. Der Sport habe ihm in seinem Leben sehr viel gegeben, nun wolle er etwas zurückgeben, sagte Rauhe. Damit aus Talent wieder Gold werde, solle die Spitzensportreform konsequent vorangetrieben werden.
Merz betonte zudem, mit der Berufung Rauhes ein Zeichen setzen zu wollen, dass die Bundesregierung den Sport als wichtiges Aufgabenfeld begreife. Schon vorab hatte der Kanzler erklärt, er habe bewusst jemanden mit eigener sportlicher Erfahrung für das Amt gewollt. Auf X schrieb Merz, für Erfolg brauche es Leistung und Leidenschaft – das wisse ein zweifacher Olympiasieger. Bekanntgegeben wurde die Personalie auch in einem kurzen Instagram-Video.
Lob kam vom DOSB: Präsident Thomas Weikert erklärte, ein Olympiasieger mit jahrzehntelanger Erfahrung als Sportsoldat, Vereinsmensch und Athletenvertreter am Kabinettstisch gebe dem Sport und dem ehrenamtlichen Engagement Rückenwind.
Kritik und Spekulationen um die Nachfolge
Anders als zwischenzeitlich erwartet, entschied sich Merz für einen Mann. Zudem stammt Rauhe zwar aus Berlin, ist aber in West-Berlin aufgewachsen. Seine Vorgängerin Schenderlein kommt aus Ostdeutschland. Gerade deshalb hatte ihre Ablösung in ostdeutschen CDU-Landesverbänden deutliche Kritik ausgelöst.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte Schenderlein als eines der erfolgreichsten Kabinettsmitglieder der Regierung Merz bezeichnet. Sachsen-Anhalts Regierungschef Sven Schulze brachte für die Nachfolge die Präsidentin des Landessportbundes Sachsen-Anhalt, Speerwurf-Olympiasiegerin Silke Renk-Lange, ins Gespräch.
Etwas abgefedert wurde die Debatte durch weitere Personalentscheidungen im Kanzleramt: Philipp Amthor aus Mecklenburg-Vorpommern ist neuer Staatsminister für die Beziehungen zu den Ländern, zudem gehört mit Kanzleramtschefin Nina Warken nun eine Frau zum engsten Führungskreis um Merz.
Vor der Entscheidung waren auch andere Namen im Gespräch. Unter anderem galt die frühere Fußballerin Nadine Keßler als mögliche Nachfolgerin. Zudem hatte die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein öffentlich Interesse an dem Amt signalisiert.
Gold zum Karriereende in Tokio
Rauhe zählt zu den prägenden deutschen Kanuten der vergangenen Jahrzehnte. Der heute in Potsdam lebende 44-Jährige war vor allem auf den Sprintdistanzen über 200 und 500 Meter stark.
Seinen ersten Olympiasieg feierte er 2004 in Athen im Zweier-Kajak. Den emotionalen Höhepunkt seiner Laufbahn erlebte er bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021, als er zum Abschluss seiner Karriere mit dem Vierer-Kajak Gold gewann. Danach flossen bei ihm die Tränen. Insgesamt sammelte Rauhe 31 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften und gewann Titel in allen Bootsklassen vom Einer bis zum Vierer.
Einsatz für Athleten nach der Karriere
Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn arbeitete der Sportsoldat gemeinsam mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) an der Weiterentwicklung von Rennkanus. Gleichzeitig engagierte er sich verstärkt für die Interessen von Athletinnen und Athleten.
Seit 2023 gehört Rauhe der Athletenkommission des Europäischen Olympischen Komitees an. Schon zuvor hatte er sich dafür ausgesprochen, das Sportressort im Bundeskanzleramt mit einer eigenen Ministerin oder einem eigenen Minister zu besetzen. Nun übernimmt er dieses Amt selbst. Im Januar hatte er noch aus den Händen von Christiane Schenderlein das Silberne Lorbeerblatt erhalten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber