Pisa gilt in Deutschland als die wohl bekannteste internationale Bildungsuntersuchung. Spätestens seit dem schlechten Abschneiden im Jahr 2000 und dem damaligen sogenannten Pisa-Schock ist die Studie fest im öffentlichen Bewusstsein verankert. Im Auftrag der OECD werden seither im Abstand von rund drei Jahren weltweit Hunderttausende 15-Jährige getestet.
Mit den Ergebnissen von 2025 folgt nun der nächste Dämpfer: Deutschlands Werte fallen so schwach aus wie noch nie seit Beginn der Erhebung – sogar niedriger als bei der ersten Untersuchung vor 25 Jahren. Auch der Abstand zwischen Jugendlichen aus sozial besser und schlechter gestellten Familien hat sich weiter vergrößert. Viele Jahre an Reformdiskussionen scheinen damit nur begrenzte Wirkung gezeigt zu haben. Doch was sagen die Daten genau aus – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Was ist die Pisa-Studie?
Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“. Dabei bearbeiten 15-jährige Schülerinnen und Schüler standardisierte, computergestützte Tests von etwa zwei Stunden Dauer. Untersucht werden die Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Jedes Mal steht eines dieser Felder besonders im Mittelpunkt – 2025 waren es die Naturwissenschaften. Zusätzlich wurde diesmal auch modellbasiertes Problemlösen als Teil des Lernens in einer digitalen Welt geprüft.
In Deutschland nahmen im April und Mai 2025 knapp 6.700 Jugendliche teil. Weltweit wurden mehr als 760.000 Schülerinnen und Schüler aus 91 Staaten und Regionen getestet, darunter sämtliche 38 OECD-Mitgliedsländer.
Wie hat Deutschland abgeschnitten?
Nach Angaben der in Deutschland zuständigen Forscherinnen und Forscher von der Technischen Universität München erreichen Jugendliche hierzulande in allen drei Bereichen ihre bislang schwächsten Pisa-Werte.
Im Durchschnitt lagen die Ergebnisse bei:
- 486 Punkten in den Naturwissenschaften
- 465 Punkten im Lesen
- 464 Punkten in Mathematik
Damit fällt Deutschland in allen Bereichen noch hinter die bereits schwachen Werte von 2022 zurück. Zum Vergleich: Japan kam auf 538 Punkte in Naturwissenschaften, 503 Punkte im Lesen und 525 Punkte in Mathematik.
Ganz abgehängt ist Deutschland dennoch nicht: In allen drei Bereichen liegt das Land ungefähr im OECD-Mittel und teilweise leicht über dem EU-Durchschnitt. In den Naturwissenschaften schnitt Deutschland im Schnitt etwa besser ab als Frankreich oder Spanien. Ähnliche Relationen zeigen sich auch in Mathematik und beim Lesen.
Allerdings beobachten die Forschenden in fast allen OECD-Staaten einen negativen Trend. Dennoch liegen mehrere Länder weiterhin deutlich vor Deutschland – darunter Großbritannien, Kanada und die baltischen Staaten.
Hat der Pisa-Schock von 2000 nichts verändert?
Doch, Wirkung hatte er durchaus. Nach den schwachen Ergebnissen zu Beginn der 2000er Jahre verbesserten sich die deutschen Pisa-Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften zunächst spürbar – etwa bis 2012. Seit 2015 zeigt die Entwicklung jedoch wieder nach unten, seit 2018 sogar besonders deutlich.
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht der Forschenden der steigende Anteil von Jugendlichen, denen grundlegende Fähigkeiten fehlen. Rund ein Drittel der 15-Jährigen erreicht im Lesen und in Mathematik keine ausreichenden Basiskompetenzen. In den Naturwissenschaften betrifft das etwa ein Viertel. Bei ungefähr jedem fünften Jugendlichen fehlen grundlegende Kenntnisse sogar in allen drei Bereichen zugleich. Seit 2015 hat sich dieser Anteil in Lesen und Mathematik laut Studie verdoppelt.
Woher kommt der Abwärtstrend?
Der deutsche Pisa-Studienleiter Samuel Greiff von der TU München sieht mehrere Ursachen. Nach den Verbesserungen der 2000er Jahre hätten die Bildungsreformen an Schwung verloren, Bildung habe politisch und gesellschaftlich nicht mehr denselben Stellenwert gehabt. Zugleich hätten sich die Lebensbedingungen junger Menschen stark verändert – durch die Corona-Pandemie, soziale Medien, mehr Ablenkung und den Lehrkräftemangel.
Zudem sei die Schülerschaft heute vielfältiger zusammengesetzt. Zuwanderung spiele dabei zwar eine Rolle, entscheidend sei laut Greiff aber etwas anderes: Die eigentliche Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit oder ohne Migrationshintergrund, sondern zwischen Kindern und Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien.
Genau hier habe das deutsche Bildungssystem weiterhin ein Problem: Es gleiche unterschiedliche Startbedingungen nicht ausreichend aus. Viele andere Untersuchungen kämen zu einem ähnlichen Ergebnis. Andere Staaten schafften es besser, aus unterschiedlichen Voraussetzungen eine Stärke zu machen. In Deutschland gelinge das bislang nur unzureichend.
Was könnte helfen?
Das Forschungsteam nennt drei zentrale Ansatzpunkte:
-
Frühe Förderung schon vor der Schule
Schwierigkeiten beim Lernen sollten möglichst früh erkannt und gezielt angegangen werden. Besonders wichtig sei die sichere Beherrschung der Unterrichtssprache, weil sie die Grundlage für den Erfolg in fast allen Fächern bilde. -
Unterricht stärker an Daten ausrichten
Gemeint sind regelmäßige Lernstandsüberprüfungen, die nicht in erster Linie für Noten gedacht sind, sondern Lehrkräften helfen sollen, frühzeitig gegenzusteuern. So könnten Rückstände schneller erkannt und individueller aufgearbeitet werden. Als Vorbild nennt Greiff vor allem Kanada. -
Mehr Ressourcen für besonders belastete Schulen
Schulen mit vielen Kindern in schwierigen sozialen Lebenslagen sollten gezielter unterstützt werden. Wenn Schulen sehr unterschiedliche Herausforderungen bewältigen müssten, dürften sie nicht überall gleich ausgestattet sein, so die Mahnung der Forschenden.
Unterm Strich zeigt Pisa 2025 für Deutschland eine ernüchternde Bilanz: Die Leistungen sinken, soziale Unterschiede nehmen zu, und ein wachsender Teil der Jugendlichen verfehlt grundlegende Bildungsziele. Gleichzeitig machen die Daten aber auch deutlich, an welchen Stellen Politik und Schulen ansetzen könnten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber