Politik

Merz wankt – will die Union jetzt Wüst als Kanzler?

Reformstau, Iran, Ukraine: Merz steht unter Dauerfeuer, sein Image bröckelt. Nutzt in der Union schon jemand die Gunst?

27.05.2026, 14:27 Uhr

Debatte um Merz: Auch Hendrik Wüst rückt als möglicher Kanzler ins Blickfeld

Für Friedrich Merz hätte der Termin im sauerländischen Hüsten eigentlich ein angenehmer Auftritt werden sollen. In der dortigen Schützenhalle wollte der CDU-Vorsitzende über das Thema „80 Jahre Neheim-Hüstener Programm“ sprechen – ein frühes Grundsatzpapier der Partei, das 1946 vom Zonenausschuss der CDU in der britischen Besatzungszone auf Einladung von Konrad Adenauer beschlossen wurde.

Doch statt historischer Rückschau gerät Merz zunehmend unter politischen Druck. Neben schwierigen Reformverhandlungen mit dem Koalitionspartner SPD und internationalen Krisen wird nun auch in der Union über seine Zukunft im Kanzleramt spekuliert. Im Zentrum der Diskussion steht dabei vor allem Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst.

Spekulationen über einen Wechsel im Kanzleramt

Ausgelöst wurde die Debatte durch Medienberichte, wonach in Teilen der CDU-Spitze und unter prominenten Christdemokraten über einen möglichen Austausch des Kanzlers gesprochen werde. Von konkreten Vorbereitungen sei zwar bislang keine Rede, doch allein die Diskussion zeigt, wie groß die Unruhe geworden ist.

Im Umfeld des Kanzlers stößt das auf scharfe Kritik. Dort werden entsprechende Überlegungen als politisch leichtfertig zurückgewiesen. Solche Gedankenspiele seien gefährlich, schadeten der Stabilität der Regierungsmehrheit und spielten letztlich eher der AfD in die Hände als der politischen Mitte. Zudem sei es bequemer, über Personalfragen zu reden, als sich mit heiklen Themen wie Steuerpolitik oder Pflegereformen auseinanderzusetzen.

Ministerpräsident Wüst in Auschwitz
Dass Wüst auf international schwierigem Parkett bestehen kann, zeigte er vergangene Woche bei seiner Reise nach Schlesien und seinem ersten Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. (Archivbild) Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Namen für ein mögliches Nachfolgeszenario

In Berlin kursieren dennoch verschiedene Varianten. Neben Wüst werden auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Unionsfraktionschef Jens Spahn als denkbare Alternativen genannt.

Ganz neu ist die Diskussion nicht. Innerhalb der CDU heißt es allerdings, ein Kanzlerwechsel sei derzeit kein ernsthaftes Thema. Auch gebe es keine Anzeichen dafür, dass Merz das Amt aus Frust selbst zur Verfügung stellen könnte.

Sollte es dennoch dazu kommen, müsste Merz entweder den Weg für eine Neuwahl des Kanzlers im bestehenden Bundestag selbst freimachen oder von führenden Parteifreunden dazu gedrängt werden. Gemeinsam mit der SPD könnten CDU und CSU dann einen neuen Kanzler wählen. Politisch wäre ein solcher Schritt jedoch kompliziert – schon innerhalb der Union, erst recht mit Blick auf die Zustimmung der Sozialdemokraten.

Wüst gilt derzeit eher als Mann für Düsseldorf

In Berliner CDU-Kreisen wird zudem darauf verwiesen, dass Wüst momentan kaum ein Interesse daran haben dürfte, von Düsseldorf nach Berlin zu wechseln. Einige Abgeordnete fragen sich sogar, wem es nützen könnte, seinen Namen gerade jetzt mit einem möglichen Kanzlerwechsel zu verknüpfen. Dahinter könnte auch die Absicht stehen, mögliche Ambitionen frühzeitig zu beschädigen.

Gleichzeitig gibt es in der Union seit Längerem Stimmen, die Wüst grundsätzlich für kanzlerfähig halten. Als Pluspunkte werden seine Regierungserfahrung und seine Fähigkeit genannt, auch mit den Grünen zusammenzuarbeiten – beides Eigenschaften, die für künftige Koalitionen im Bund wichtig sein könnten.

Bereits 2024 war Wüst als möglicher Kandidat für Berlin gehandelt worden. Damals stellte er sich öffentlich hinter Merz, nachdem dieser als Kanzlerkandidat feststand. Offiziell äußert sich Wüst bis heute nicht zu möglichen Ambitionen aufs Kanzleramt. Der 50-Jährige ist vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden und betont immer wieder, wie wichtig ihm Zeit mit der Familie sei – ein Aspekt, der im Kanzleramt kaum vereinbar wäre.

Vorsichtiger Kurs und kontrollierter Auftritt

Wüst gilt als Politiker, der Fehler möglichst vermeidet. Bei seiner Reise nach Schlesien in der vergangenen Woche und seinem ersten Besuch im früheren deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zeigte er, dass er auch auf sensiblen internationalen Feldern sicher auftreten kann.

In Nordrhein-Westfalen inszeniert sich der Ministerpräsident als nahbarer Landesvater. Er führt seine Regierung eher präsidial, hält sich aus offenen Streitigkeiten heraus und überlässt wenig dem Zufall. Öffentliche Provokationen vermeidet er, ebenso spontane Ausflüge jenseits vorbereiteter Botschaften.

Für seine ruhige Art des Regierens wird Wüst häufig gelobt. Anders als in Berlin dringen Konflikte aus der schwarz-grünen Landesregierung in Düsseldorf nur selten nach außen. Koalitionsrunden verlaufen meist diskret und ohne öffentlich sichtbare Eskalation.

Auch die NRW-Koalition bleibt nicht ohne Probleme

Trotzdem ist die Landesregierung keineswegs frei von Belastungen. Vor der wichtigen Landtagswahl Ende April 2027 hat das Bild der stabilen Koalition zuletzt Kratzer bekommen.

So trat Familien- und Flüchtlingsministerin Josefine Paul von den Grünen zurück, nachdem sie wegen ihrer Kommunikation zum Terroranschlag von Solingen 2024 massiv unter Druck geraten war. Hinzu kommt derzeit eine Affäre um mutmaßliches Führungsversagen und Machtmissbrauch im Verantwortungsbereich von Bauministerin Ina Scharrenbach von der CDU. Außerdem gab es über Monate Proteste gegen die geplante Reform der Kita-Strukturen in NRW.

AfD gewinnt auch im Westen an Stärke

Parallel dazu legt die AfD auch in Nordrhein-Westfalen weiter zu. Bei den Kommunalwahlen 2025 steigerte sie ihr landesweites Ergebnis auf 14,5 Prozent und erreichte damit fast das Dreifache ihres vorherigen Werts. Aktuelle Umfragen zur Landtagswahl sehen die Partei inzwischen bei 17 bis 20 Prozent.

In Düsseldorf wird dieser Aufstieg auch mit dem Zustand der konfliktreichen schwarz-roten Bundesregierung in Berlin in Verbindung gebracht. Doch selbst Wüsts vergleichsweise geräuschloser Regierungsstil scheint das Wachstum der AfD im Westen bislang nicht stoppen zu können.

Gleichzeitig steht die CDU in Nordrhein-Westfalen unter Wüst laut Umfragen mit 32 bis 34 Prozent weiterhin deutlich besser da als die Union im Bund. Schon 2024 hatte sich Wüst mit Blick auf Berlin eine Hintertür offengehalten. Damals sagte er, ein Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen sei grundsätzlich immer auch ein möglicher Kanzlerkandidat – und man solle im politischen Geschäft niemals etwas vollständig ausschließen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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