Experten streiten über längere gemeinsame Grundschulzeit in Bayern
Im Bildungsausschuss des bayerischen Landtags ist kontrovers darüber beraten worden, ob eine längere gemeinsame Schulzeit in der Grundschule zu mehr Chancengleichheit führen könnte. Einigkeit bestand jedoch in einem Punkt: Individuelle Förderung müsse deutlich früher beginnen, möglichst schon vor dem Schuleintritt.
Bereits im frühen Kindesalter zeigten sich Unterschiede beim Wortschatz und bei mathematischen Grundlagen, sagte der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, Michael Schwägerl. Wer Bildungsgerechtigkeit dauerhaft stärken wolle, müsse deshalb früh ansetzen – mit guter frühkindlicher Bildung, gezielter Sprachförderung, früher Diagnose und dem systematischen Aufbau von Kompetenzen.
Verbände lehnen tiefgreifende Strukturänderung ab
Eine umfassende Reform des bayerischen Schulsystems sehen Schwägerl und Ulrich Babl vom Bayerischen Realschullehrerverband kritisch. Nach ihrer Einschätzung liegt die Stärke des gegliederten Schulsystems im Freistaat gerade darin, unterschiedliche Bildungswege zu ermöglichen. So könne man verschiedene Lernvoraussetzungen, Lerntempi und Interessen besser berücksichtigen.
Der Bildungsforscher Kai Maaz widersprach dieser Sicht teilweise. Internationale Studien und Metaanalysen zeigten seiner Aussage nach klar, dass eine frühe Aufteilung auf verschiedene Schularten soziale Ungleichheiten beim Bildungserfolg verstärke – und zwar nicht nur mit Blick auf das Abitur oder den Hochschulzugang. Zugleich gebe es keine belastbaren Belege dafür, dass Leistungsgewinne tatsächlich auf die frühe Trennung der Schülerinnen und Schüler zurückzuführen seien, so der Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
Forscher sehen Chancen besonders für sozial benachteiligte Kinder
Auch leistungsstarke und hochbegabte Kinder könnten in einem System mit längerem gemeinsamen Lernen gut gefördert werden, betonte Petra Stanat vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Stand der Forschung könne dadurch der Einfluss des Elternhauses auf den Bildungserfolg sinken, ohne dass das erreichte Kompetenzniveau zwangsläufig leide.
Stanat verwies dabei auf deutliche soziale Unterschiede in Bayern: Kinder aus Familien mit höherem sozialem Status hätten dort eine dreimal so hohe Chance, ein Gymnasium zu besuchen, wie Kinder aus sozial schwächeren Haushalten. In Ländern wie Berlin oder Brandenburg sei dieser Unterschied geringer; dort liege die relative Chance lediglich beim Doppelten.
Unterrichtsqualität bleibt entscheidend
Gleichzeitig warnte Stanat davor, von einer längeren gemeinsamen Schulzeit automatisch bessere Bildungsgerechtigkeit zu erwarten. Erfahrungen aus anderen Bundesländern hätten gezeigt, dass Strukturreformen allein nicht ausreichten. Entscheidend sei, dass sich auch die Qualität des Unterrichts an eine vielfältigere Schülerschaft anpasse.
Auf einen weiteren Punkt machte Gabriele Weigand von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe aufmerksam. Gerade bei sozial benachteiligten Kindern blieben vorhandene Fähigkeiten oft unerkannt. Längeres gemeinsames Lernen könne hier helfen, solche Potenziale besser sichtbar zu machen und gezielt zu fördern. Kinder hätten dann mehr Zeit zu zeigen, was in ihnen steckt, und Lehrkräfte mehr Möglichkeiten zum Beobachten, Diagnostizieren und Unterstützen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber