Jens Spahn vergleicht seine Rolle selbst mit der von Knorpel: Als Vorsitzender der größten Koalitionsfraktion müsse er Druck aus verschiedenen Richtungen abfedern — aus Regierung, Partei und eigener Fraktion. Seine Aufgabe sei es, Gegensätze auszubalancieren, Lösungen durchzusetzen und dabei belastbar zu bleiben. Im Podcast mayway sprach er Anfang April von sehr intensiven ersten Monaten, zog insgesamt aber ein positives Fazit.
Heute steht Spahn seit genau einem Jahr an der Spitze der Unionsfraktion. Am Nachmittag stellt er sich den 208 Abgeordneten von CDU und CSU erneut zur Wahl. Anders als viele andere Fraktionen bestimmt die Union ihre Führung bereits nach einem Jahr neu und nicht erst zur Halbzeit der Legislatur. Wer gewählt wird, bleibt anschließend regulär bis zur nächsten Bundestagswahl im Amt — also noch drei Jahre, sofern die schwarz-rote Koalition Bestand hat.
Seit fast einem Vierteljahrhundert im Parlament
Obwohl Spahn mit 45 Jahren noch unter dem Durchschnittsalter des Bundestags liegt, gehört er zu den erfahrensten Abgeordneten. Bereits 2002, im Alter von 21 Jahren, zog er als damals jüngster Unionsabgeordneter in den Bundestag ein. Damit gehört er dem Parlament inzwischen seit fast 24 Jahren an — also länger als die Hälfte seines Lebens.
Zwischen 2017 und 2021 war er Gesundheitsminister im Kabinett von Angela Merkel. Nach dem Wahlsieg der Union im vergangenen Jahr wurde er auch als möglicher Wirtschaftsminister gehandelt. CDU-Chef Friedrich Merz entschied sich jedoch dafür, ihn an die Spitze der Fraktion zu setzen — ein Amt, das im Machtgefüge der Koalition erheblichen Einfluss besitzt.
Schwieriger Start mit der gescheiterten Richterwahl
Spahns erste Monate im neuen Amt verliefen keineswegs reibungslos. Besonders das Scheitern der Wahl der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht fiel auf ihn zurück. Kritiker warfen ihm vor, den Widerstand in den eigenen Reihen zu spät erkannt zu haben. Spahn selbst bezeichnete den 10. Juli 2025 als einen der heftigsten Tage seiner politischen Laufbahn — vergleichbar nur mit besonders belastenden Momenten während der Corona-Pandemie.
Trotz solcher Rückschläge gilt Spahn als jemand, den politische Krisen nicht leicht aus dem Tritt bringen. Das zeigte sich auch bei der Debatte um die umstrittenen Maskenkäufe aus seiner Zeit als Gesundheitsminister, die ihn noch bis in die laufende Legislatur beschäftigte. Nach eigener Aussage brauche es sehr viel, um ihn ernsthaft aus der Bahn zu werfen.
Bewährungsprobe im Streit um die Rente
Als wohl größte Belastungsprobe seiner bisherigen Amtszeit gilt der Konflikt um das Rentengesetz von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas im Herbst. Damals formierte sich vor allem in der Jungen Union Widerstand. Während Merz offensiv auf Konfrontation setzte, lag es an Spahn, die nötigen Stimmen in der Fraktion zusammenzubringen. Dafür suchte er das Gespräch mit den kritischen jungen Abgeordneten einzeln.
Berichten zufolge soll er dabei auch harten Druck ausgeübt und mit Konsequenzen bei Listenplätzen gedroht haben. Spahn wies diese Darstellung in dieser Zuspitzung zurück. Er spreche klar und freundlich, sagte er, Drohungen gebe es nicht. Zugleich machte er deutlich, dass in solchen Gesprächen selbstverständlich auch mögliche Folgen und Szenarien thematisiert würden.
Vom Unsicherheitsfaktor zum Stabilitätsgaranten
Nach einem holprigen Auftakt hat sich Spahns Position deutlich gefestigt. Sein Rückhalt in der Fraktion gilt inzwischen als belastbar. Zudem tritt er heute sichtbar selbstbewusster auf als zu Beginn der Koalition und ist häufiger in Fernsehinterviews präsent. Während er anfangs noch als möglicher Schwachpunkt im Unionslager gesehen wurde, bezeichnet er sich inzwischen selbst als „Stabilitätsanker“ der Koalition — gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, wie er in einem Doppelinterview mit der Süddeutschen Zeitung sagte.
Dass sich Spahns Stellung verbessert hat, hängt auch mit der Entwicklung an der Spitze der Regierung zusammen. Bundeskanzler Merz konnte anfangs vor allem außenpolitisch Akzente setzen und sich als dynamischer Regierungschef profilieren. Ein Jahr nach Start der Koalition geriet er jedoch innen- wie außenpolitisch stärker unter Druck. Die Unsicherheit über das Zusammenspiel zwischen Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) hat dazu geführt, dass die Bedeutung der beiden Fraktionschefs Spahn und Miersch gewachsen ist.
Skepsis beim Koalitionspartner bleibt
Trotz seiner gefestigten Stellung gibt es auf SPD-Seite weiterhin Vorbehalte gegenüber Spahn. In der engeren Führungsriege der Union gilt er als derjenige, dem am ehesten zugetraut wird, die politische Abgrenzung zur AfD zumindest minimal aufzuweichen. Öffentliche Schritte in diese Richtung hat er bislang allerdings nicht unternommen.
Spahns Leitlinie: „Muss“
Für den schwierigen Alltag der Koalition verfolgt Spahn einen betont pragmatischen Ansatz. Er fasst ihn gern in einem einzigen, knapp westfälischen Wort zusammen: „Muss.“ Gerade im komplizierten ersten Jahr der schwarz-roten Zusammenarbeit habe ihm dieses Prinzip Orientierung gegeben. Im Podcast mayway sagte er, die Koalition müsse funktionieren — auch wenn die Zusammenarbeit bisweilen hart, unerquicklich und mühsam sei.
Wie stark seine Unterstützung in der Fraktion tatsächlich ist, wird sich bei der heutigen Wahl zeigen. Ein solides Ergebnis gilt als wahrscheinlich, auch weil die Union ihren Fraktionschef vor den anstehenden Auseinandersetzungen mit der SPD über zentrale Reformthemen wie Steuern und Rente kaum geschwächt sehen möchte.
Bei seiner bisherigen Wahl zum Fraktionschef erreichte Spahn 91,3 Prozent. Auf die Frage, ob diesmal wieder eine Neun vor dem Komma stehen müsse, antwortete er zuletzt lediglich, er freue sich auf „ein gutes Ergebnis“.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion