Nur noch wenige Orte im heutigen Kaliningrad erinnern an das alte Königsberg. Besonders eindrucksvoll ist die Kant-Insel, der frühere Kneiphof.
Mitten im Pregel erhebt sich der rund 50 Meter hohe Dom. Fast 700 Jahre nach seiner Errichtung ist der Backsteinbau noch immer das Wahrzeichen der heute westlichsten Großstadt Russlands. Das Umfeld des Doms gehört bei Einwohnern und Besuchern der russischen Ostsee-Exklave zu den beliebtesten Zielen.
An der Rückseite des Doms liegt das Grab von Immanuel Kant. Vor allem junge Brautpaare suchen den Ort häufig auf. Blumen am Grab zeigen, dass der Philosoph, der Vernunft und Moral in den Mittelpunkt seines Denkens stellte, auch in Russland bis heute verehrt wird.
Die Universität der Ostseemetropole, die an die frühere Albertina anknüpft, trägt seit 2005 Kants Namen. In der kalten Jahreszeit wird rund um den Dom an kleinen Buden sogar Glühwein ausgeschenkt, der als „Kant-Wein“ angeboten wird.
Gleichzeitig ist das frühere Zentrum am Kneiphof heute eher an den Rand des städtischen Lebens gerückt. Große Teile Kaliningrads sind von sowjetischen Wohnblöcken geprägt. Sie machen ebenso wie der Name deutlich, dass die Stadt, die viele Deutsche vor allem durch Königsberger Klopse kennen, seit 80 Jahren zu Russland gehört.
Als sowjetische Truppen im April 1945 Königsberg einnahmen, war von der einst stolzen Hansestadt, die 1255 vom Deutschen Orden gegründet worden war, kaum noch etwas übrig.
Residenzstadt der Preußen und zeitweise russisch beherrscht
In den fast sieben Jahrhunderten deutscher Geschichte zuvor erlebte Königsberg Blütezeiten und Krisen. Die Stadt war Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens und später Residenz preußischer Fürsten. 1701 krönte sich Kurfürst Friedrich III. dort selbst zum König Friedrich I. in Preußen.
Wenig später traf die große Pest die Stadt schwer: Fast 10.000 Menschen und damit etwa ein Viertel der Bevölkerung starben. Einige Jahrzehnte danach besetzten russische Truppen Königsberg im Siebenjährigen Krieg. Von 1758 bis 1762 stand die Stadt unter russischer Herrschaft, bis Zar Peter III. Ostpreußen an Friedrich II. zurückgab.
So verheerend wie im Zweiten Weltkrieg wurde Königsberg jedoch nie zuvor getroffen. Das nationalsozialistische Deutschland hatte unter Adolf Hitler den Krieg begonnen, wollte im Osten „Lebensraum“ erobern und brachte Zerstörung und Vernichtung über viele Völker. Am Ende traf die Gewalt mit voller Wucht auch die Deutschen selbst – besonders in Königsberg.
Im Zweiten Weltkrieg fast völlig vernichtet
Britische Luftangriffe zerstörten 1944 die Altstadt nahezu vollständig. Schloss, Universität und Dom wurden zu Trümmern. In der anschließenden Schlacht um das zur Festung erklärte Königsberg wurde auch der Rest der Stadt verwüstet.
Als die Rote Armee im April 1945 einmarschierte, standen fast nur noch Ruinen. Vor dem Krieg hatten mehr als 360.000 Menschen in der Stadt gelebt, am Ende waren es weniger als 50.000. Viele mussten Zwangsarbeit leisten, zahlreiche starben an Hunger und Erschöpfung. Die letzten Deutschen wurden 1948 aus Ostpreußen vertrieben.
Josef Stalin, der sich auf der Potsdamer Konferenz den nördlichen Teil Ostpreußens als Kriegsbeute gesichert hatte, ließ Russen in der Region ansiedeln. Das Gebiet, das zunächst Kjonigsbergskaja Oblast hieß, wurde bewusst Russland zugeschlagen und nicht dem ebenfalls zur Sowjetunion gehörenden Litauen. Aus Moskauer Sicht galt die baltische Republik, die sich die Sowjetführung erst wenige Jahre zuvor im Hitler-Stalin-Pakt angeeignet hatte, als politisch unzuverlässig.
Umbenennung nach einem sowjetischen Parteifunktionär
Ostpreußen sollte die militärische Position des Kremls in Europa absichern. Deshalb wurde auch der Hafen in Pillau weiter ausgebaut und zum Hauptstützpunkt der sowjetischen Ostseeflotte gemacht.
Um den Anspruch auf die strategisch wichtige Region auch symbolisch festzuschreiben, folgte die Umbenennung: Aus Pillau wurde Baltijsk, und Königsberg erhielt am 4. Juli 1946 nach dem Tod des sowjetischen Politikers Michail Kalinin den Namen Kaliningrad.
Kalinin, der von 1923 bis 1946 formell Staatsoberhaupt der Sowjetunion war, hatte allerdings keinerlei besondere Verbindung zu der Stadt. Benennungen nach verstorbenen oder sogar noch lebenden Parteigrößen waren in der Sowjetunion, besonders unter Stalin, weit verbreitet.
Sechs Städte trugen zeitweise Stalins Namen, darunter das bekannte Stalingrad, heute Wolgograd. Auch Kalinins Name fand sich mehrfach auf sowjetischen Landkarten: Insgesamt fünf Orte wurden nach ihm benannt. Neben Kaliningrad war vor allem Kalinin bekannt, das heutige Twer.
Anders als Twer bekam Kaliningrad in der Perestroika seinen historischen Namen nicht zurück. Zwar sprachen sich auch dort viele für eine Rückbenennung aus. Doch in Moskau galt ein solcher Schritt als zu heikel, weil er Debatten über eine mögliche Rückgabe der Exklave an Deutschland befeuern konnte. Stattdessen wurde längere Zeit sogar ernsthaft der Name „Kantgrad“ diskutiert.
„Kantgrad“ als Alternative
Der Vorschlag sollte nicht nur den berühmtesten Sohn der Stadt ehren, sondern auch eine Brücke nach Europa schlagen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Kaliningrad faktisch zu einer russischen Insel zwischen westlich orientierten Nachbarn. Viele Bewohner blickten nach Westen, und Moskau versuchte, die Region als Modellgebiet und neues „Fenster nach Europa“ zu entwickeln.
Eine Zeit lang brachte das greifbare Vorteile. Es gab eine Zugverbindung und eine Flugverbindung nach Berlin. Zugleich wuchs das Interesse an der vorsowjetischen Geschichte. Engagierte Kräfte bauten den seit dem Krieg zerstörten Dom wieder auf – auch mit Unterstützung aus Deutschland.
Mit der zunehmenden Konfrontation nach der russischen Annexion der Krim 2014 endeten diese Annäherungsversuche. Aus der möglichen Brücke wurde wieder ein militärisch geprägter Vorposten. Kaliningrad ist heute so stark aufgerüstet wie kaum noch seit sowjetischen Zeiten. Die deutsche Vergangenheit spielt offiziell nur noch eine geringe Rolle – im Alltag nennen viele Einwohner ihre Stadt jedoch weiter liebevoll „Kenig“.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber