Wirtschaft

Flughafen-Chaos: Was Reisende jetzt wissen müssen

Mega-Chaos am Airport: Das neue EU-Grenzsystem sorgt für endlose Schlangen – und selbst Deutschland ist nicht verschont.

04.07.2026, 05:30 Uhr

Europas Flughäfen schlagen Alarm wegen neuer EU-Grenzkontrollen

An vielen europäischen Flughäfen spitzt sich die Lage nach Einschätzung des Branchenverbands ACI zu. Reisende müssten teils bis zu fünf Stunden warten, in Terminals und auf dem Vorfeld bildeten sich lange Schlangen, und Anschlussflüge würden verpasst. Neben dem starken Sommerreiseverkehr gilt vor allem das neue EU-Grenzsystem als Ursache, das an den Außengrenzen des Schengenraums aufwendigere Kontrollen nötig macht.

Welche Kontrollen sind gemeint?

Seit Oktober 2025 führt die EU schrittweise das digitale Ein- und Ausreisesystem EES (Entry-Exit-System) für Menschen aus Nicht-Schengen-Staaten ein. Dabei werden bei jedem Grenzübertritt biometrische Daten wie Fingerabdrücke und ein Foto sowie die Passinformationen erfasst. Das dauert derzeit pro Person länger als die frühere Abfertigung. Dafür entfällt künftig der Passstempel. Nach Angaben der EU-Kommission wurden in den ersten Monaten bereits tausende Einreisen verweigert und mehrere hundert verdächtige Personen erkannt.

Wo liegen derzeit die Probleme beim EES?

Der Hauptengpass besteht darin, dass viele Schritte des neuen Verfahrens aktuell direkt am Flughafen erledigt werden müssen. Vor der eigentlichen Kontrolle stehen Selbstbedienungsterminals, an denen Reisende ihre Daten vorab eingeben sollen. Allerdings ist die nötige Technik offenbar nicht in allen EU-Staaten gleich gut vorbereitet. Eine EU-App, mit der Passagiere ihre Angaben schon vor der Reise erfassen könnten, wird bislang nur in Schweden und Portugal genutzt. Ein Sprecher der Bundespolizei sagt, die Abfertigung brauche schlicht mehr Zeit, am Personal fehle es aus ihrer Sicht aber nicht.

Flughafen Frankfurt
Der Frankfurter Flughafen ist die größte Schengen-Außengrenze in Deutschland. (Archivbild) Quelle: Boris Roessler/dpa

Was gilt für Menschen aus dem Schengenraum?

Zum Schengenraum zählen die Kerngebiete von 25 EU-Ländern sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Für Deutsche und Bürger anderer Schengen-Staaten gilt das neue EES bei Ein- und Ausreise nicht. Für Reisen innerhalb des Schengenraums kommen andere Verfahren zum Einsatz. Die Bundespolizei am Flughafen Frankfurt empfiehlt etwa die Nutzung von Easypass. Dabei wird der Pass gescannt und das Gesicht automatisch mit dem Live-Bild abgeglichen. Grenzbeamte greifen nur bei Auffälligkeiten oder Stichproben ein. Längere Wartezeiten entstehen dort nach Angaben der Behörden nicht.

Wie reagieren die EU-Staaten bislang?

Vor allem Flughäfen in typischen Urlaubsländern wie Griechenland, Portugal und Italien, aber auch in Frankreich und Belgien, haben die biometrische Erfassung zeitweise ausgesetzt. Damit sollten offenbar zusätzliche Verzögerungen und weiterer Ärger bei Touristen vermieden werden, insbesondere bei Reisenden aus Großbritannien. Britische Medien berichteten, dass etwa in Griechenland und Portugal die Kontrollen teilweise auf das Nötigste reduziert wurden, um Urlauber nicht abzuschrecken.

Nach den EU-Regeln ist ein solcher Schritt zulässig, wenn etwa Personal oder Infrastruktur fehlen und sich große Menschenmengen stauen. Vorgesehen ist das eigentlich nur für sechs Stunden, die Ausnahme kann jedoch immer wieder verlängert werden.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Im Vergleich zu anderen Ländern funktioniert das Verfahren in Deutschland bislang relativ stabil. Die EU hatte Deutschland vor einigen Wochen sogar als Vorbild bezeichnet. Trotzdem wurden laut Bundespolizei auch hier in einzelnen Fällen Kontrollen vorübergehend ausgesetzt. Der Flughafen Frankfurt rät betroffenen EES-Reisenden, mindestens drei Stunden vor dem Abflug am Terminal zu sein.

Gerade bei der Ausreise kommt es jedoch immer wieder zu langen Warteschlangen. Der Betreiber Fraport versucht gegenzusteuern, indem mehr Personal in den Terminals unterwegs ist, damit sich EU-Bürger nicht versehentlich in die falschen Reihen einordnen. Aletta von Massenbach, Chefin des Berliner Flughafens und Vorsitzende des Flughafenverbands ADV, spricht von deutlich längeren Abfertigungszeiten und teils unzumutbar langen Wartezeiten.

Wie bewertet die EU-Kommission die Situation?

Trotz anhaltender Kritik hält die Europäische Kommission an ihrer Linie fest und bewertet das System insgesamt als funktionierend. Ein Sprecher erklärte am Mittwoch, in den meisten Mitgliedstaaten seien die Folgen für Reisende begrenzt. Wo Staaten nicht ausreichend Infrastruktur oder Kapazitäten bereitstellen könnten, sei Brüssel bereit zu helfen. Mit Blick auf die Sommerferien soll es außerdem in den kommenden Tagen Gespräche mit Branchenvertretern geben. Laut Kommission hatten alle Mitgliedsländer vor dem Start des Systems ihre Bereitschaft signalisiert.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumte am Freitag ein, dass noch technische Probleme gemeinsam mit den Mitgliedstaaten gelöst werden müssten. Das System ändere jedoch nicht die Ein- und Ausreiseregeln, sondern schaffe mehr Transparenz.

Was fordern die Flughäfen?

Der europäische Flughafenverband ACI verlangt, dass die Mitgliedstaaten in den reisestarken Monaten Juli und August die EES-Kontrollen notfalls vollständig aussetzen dürfen. Außerdem fordert der Verband eine Übergangsregel, mit der Grenzbehörden das Verfahren bei besonders großem Andrang stoppen können. Diese Notlösung solle erst entfallen, wenn das EES und die Vorab-App überall zuverlässig funktionieren.

Der deutsche Flughafenverband ADV appelliert an das Bundesinnenministerium und die Bundespolizei, die bereits vorhandenen Spielräume konsequent auszuschöpfen. ADV-Chefin von Massenbach betont, Europas Sicherheitsstruktur müsse hohe Standards sichern, ohne den Luftverkehr und die Reisequalität internationaler Passagiere unnötig zu belasten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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