Politik

Kann Lula Brasilien jetzt noch retten?

Bolsonaro wittert den Sieg, Lula kämpft mit Massenkundgebungen ums Comeback. Kann er Brasiliens Wahl noch drehen?

25.10.2026, 05:00 Uhr

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva steht vor einer heiklen Aufgabe: Wenn er eine vierte Amtszeit gewinnen will, muss er auch Menschen für sich gewinnen, die ihm eigentlich kritisch gegenüberstehen. Zuletzt kamen an der Copacabana in Rio de Janeiro Tausende zusammen, um seine Kandidatur zu unterstützen. Unter ihnen war auch Andrea, die Lula nach eigenen Angaben nie aktiv unterstützt hat, aber eine Rückkehr der Familie Bolsonaro an die Macht verhindern möchte.

An diesem Sonntag fällt die Entscheidung, ob der 80-Jährige Präsident bleibt oder ob ihn sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro ablöst. Beide Lager polarisieren stark. Bolsonaro geht jedoch mit Vorteilen in die Stichwahl: In der ersten Runde lag der 45-jährige Sohn des früheren Präsidenten mit mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula. Außerdem erhielt er Rückendeckung von mehreren ausgeschiedenen Bewerbern. Damit stellt sich die Frage, ob Lula in den letzten Tagen noch aufholen kann.

Copacabana als Wahlkampfbühne

Im Schlussspurt setzt Lula auf bekannte Unterstützer und Mobilisierung im ganzen Land. An der Copacabana traten prominente Künstler wie Caetano Veloso auf, während sich die berühmte Strandpromenade in einen Ort politischer Kundgebungen verwandelte. Auf Transparenten und Schildern war unter anderem zu lesen: „Fanatismus ist kein Argument“. Auch in São Paulo, Brasília und weiteren Städten gingen Anhänger des Präsidenten auf die Straße.

Doch auch Flávio Bolsonaro versucht, besonders in Regionen mit schwächerem Abschneiden neue Stimmen zu holen, etwa im ärmeren Nordosten. In Fortaleza inszenierte er seine Auftritte mit Feuerwerk und Funk-Musik beinahe wie einen Karnevalszug. Inhaltlich setzt er auf einen harten Sicherheitskurs. Kriminelle Banden würden entweder festgenommen oder von der Polizei „neutralisiert“, kündigte er an. Zudem brachte er eine chemische Kastration von Vergewaltigern ins Spiel. Das Thema Sicherheit beschäftigt viele Menschen in Brasilien stark.

Vor der Stichwahl in Brasilien
Flávio Bolsonaro mobilisiert seine Anhänger. (Archivbild) Quelle: Andre Penner/AP/dpa

Mehrere Beobachter sehen deshalb Bolsonaro im Vorteil. Er kann auf Unterstützung aus Teilen der politischen Mitte und des rechten Spektrums bauen.

Reichen Lulas soziale Erfolge?

Lula verweist im Wahlkampf auf positive Entwicklungen bei Wirtschaft und Sozialem. Die Arbeitslosigkeit erreichte einen historischen Tiefstand, die Armut sank und der reale Mindestlohn stieg. Kurz vor der Stichwahl wurde außerdem das Ende der weit verbreiteten Sechs-Tage-Woche beschlossen: Künftig soll grundsätzlich an fünf Tagen gearbeitet werden.

Doch solche Kennzahlen führen nicht automatisch zu Zustimmung. Maximilian Hedrich, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro, sagt, für viele Brasilianer zähle weniger das statistische Wirtschaftswachstum als vielmehr das, was am Monatsende tatsächlich im Geldbeutel bleibe. Hohe Lebenshaltungskosten, Unsicherheit im Alltag und Korruptionsvorwürfe seien für viele unmittelbarer spürbar.

Hinzu komme eine weit verbreitete politische Erschöpfung. Lula prägt die brasilianische Politik seit Jahrzehnten. Für seine Anhänger steht er für sozialen Aufstieg, für seine Gegner verkörpert er die Arbeiterpartei PT und die mit ihr verbundenen Korruptionsskandale. Gleichzeitig profitiert Flávio Bolsonaro von einem generellen Rechtsruck im Land: Schon in der ersten Runde konnte das rechte Lager im Kongress deutlich zulegen.

Ein Wahlkampf voller Angriffe

Wie scharf der Ton inzwischen ist, zeigte das erste direkte TV-Duell. Flávio Bolsonaro sagte zu Lula, Brasilien werde ihn „in Rente schicken“. Lula konterte mit Spott und warf seinem Kontrahenten vor, nie wirklich gearbeitet zu haben und Arbeiter nur aus Büchern zu kennen. Bolsonaro hatte sich das Wort „corrupto“ auf die Hand geschrieben und zeigte es demonstrativ in Richtung des Präsidenten. Lula wiederum bezichtigte seinen Gegner, Kontakte zur organisierten Kriminalität zu haben.

Besonders provokant wurde es, als Bolsonaro fragte, warum 73 Prozent der Gefangenen Lula gewählt hätten. Der Präsident antwortete, er wolle 100 Prozent – „auch von deinem Vater“. Ex-Präsident Jair Bolsonaro wurde wegen versuchten Staatsstreichs zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt und steht derzeit unter Hausarrest. Wählen darf er nicht. Sein Sohn verspricht ihm im Fall eines Sieges eine Amnestie und kündigte an, Jair Bolsonaro solle ihm dann sogar die Präsidentenschärpe überreichen.

Für einen Teil der Bevölkerung beweist die Verurteilung des Ex-Präsidenten, dass Brasiliens Demokratie wehrhaft ist. Andere sehen darin politische Verfolgung. Flávio Bolsonaros Kampagne ist deshalb eng mit dem Schicksal seines Vaters verknüpft.

Auch außerhalb der TV-Duelle greifen beide Seiten einander an. Lula bot an, seine Bank- und Steuerdaten sowie die seiner Familie offenzulegen, wenn Flávio Bolsonaro dasselbe tue. Zudem beschuldigte sein Team den Facebook-Mutterkonzern Meta, Inhalte seiner Kampagne schlechter zu behandeln. Meta wies den Vorwurf politischer Parteilichkeit zurück.

Vor einem Wahllokal in Rio de Janeiro zeigte sich bereits in der ersten Runde, wie groß die Frustration bei manchen Wählern ist. Manuel Herreira sagte, er habe genug von Brasiliens Politik. Es sei immer dieselbe Auseinandersetzung zwischen Lula und Bolsonaro, und er sei es leid. Vor jeder Wahl würden große Versprechen gemacht, die am Ende doch nicht eingehalten würden. Er wollte deshalb ungültig abstimmen.

Am Sonntag entscheidet sich nun, ob Lula eine weitere Amtszeit erhält oder ob Brasilien mit Flávio Bolsonaro einen politischen Kurswechsel erlebt. Für viele Wähler geht es weniger um Begeisterung als um die Frage, welchem der beiden Kandidaten sie trotz aller Zweifel am ehesten ihre Stimme geben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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