Israel spricht nach Messerattacke im Cockpit von Flydubai-Flug von vereiteltem Terrorversuch
Nach dem gewaltsamen Zwischenfall an Bord eines Flydubai-Flugs nach Tel Aviv geht die israelische Regierung von einem versuchten Terroranschlag aus. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, einer der Piloten habe auf seinen Kollegen eingestochen, als sich die Maschine am Morgen Israel näherte. Nach seiner Darstellung wollte der Mann das Flugzeug mit den Passagieren an Bord zum Absturz bringen. Verteidigungsminister Israel Katz sprach von einem „versuchten dschihadistischen Anschlag“, der nur durch das mutige Eingreifen israelischer Passagiere verhindert worden sei.
Das in Dubai gestartete Flugzeug konnte nach dem Vorfall im saudi-arabischen Tabuk notlanden. Am Abend erreichten die Passagiere dann mit einer Ersatzmaschine sicher den Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv, wo Angehörige sie in Empfang nahmen. Der direkte Weiterflug aus Saudi-Arabien nach Israel gilt als ungewöhnlich, da beide Länder keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten.
Maschine sendete Notfallcodes und landete in Tabuk
Flydubai bestätigte eine Auseinandersetzung im Cockpit von Flug FZ1073. Nach Angaben der staatlichen emiratischen Fluggesellschaft wurde die Maschine von einer zweiten Besatzung, die sich in der Kabine befand, sicher in Tabuk gelandet.
Der Flughafen Tabuk teilte mit, dass der Kapitän und der Erste Offizier mit Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht wurden. Zu weiteren Verletzten gab es zunächst keine offiziellen Angaben. Flydubai erklärte, alle Passagiere und Crewmitglieder seien in Sicherheit.
Zuvor soll das Flugzeug zunächst den Notfallcode 7700 und anschließend den Code 7500 gesendet haben. Der erste steht für eine Luftnotlage, der zweite wird bei einer möglichen Entführung verwendet. Saudi-arabische Behörden äußerten sich zunächst nicht öffentlich zu dem Geschehen an Bord.
Israels Medien berichteten von 174 Passagieren an Bord, darunter 27 Kinder. Netanjahu sagte, fast alle Fluggäste seien Israelis gewesen.
Netanjahu: Angreifer wollte Flugzeug zum Absturz bringen
Nach Angaben Netanjahus wurde der mutmaßliche Angreifer festgenommen und wird derzeit von saudischen Sicherheitsbehörden befragt. Zudem habe der Regierungschef die israelischen Sicherheitskräfte angewiesen, sich auf „potenzielle weitere Bedrohungen“ einzustellen. Nähere Angaben dazu machte er nicht.
Nach israelischer Einschätzung soll es sich um einen Einzeltäter gehandelt haben. Wie der Sender Kan unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, gibt es bislang keinen Hinweis darauf, dass ein Staat oder eine Terrororganisation hinter dem Vorfall stehen könnte.
Flydubai erklärte, die Hintergründe und Motive des Vorfalls seien weiter unklar. Die Fluggesellschaft rief dazu auf, Spekulationen zu vermeiden, solange die Ermittlungen andauern.
Berichte über Sturzflug und Eindringen ins Cockpit
Das Portal ynet berichtete, die Maschine sei zu Beginn des Vorfalls steil in die Tiefe gegangen. Laut Netanjahu schilderte ihm ein Passagier in einem Telefonat, das Flugzeug habe zu trudeln begonnen und sei in einen Sturzflug geraten.
Demnach gelang es dem Passagier gemeinsam mit einem Besatzungsmitglied, ins Cockpit vorzudringen. Dort hätten sie den Angreifer überwältigt, während dieser versucht habe, Bordinstrumente zu beschädigen. Netanjahu sprach von „Helden“, die mit außergewöhnlicher Geistesgegenwart und Mut viele Menschenleben gerettet und eine schwere Katastrophe verhindert hätten.
In Videos aus dem Flugzeug waren teils blutverschmierte Menschen zu sehen. Ein Foto aus der gelandeten Maschine soll einen Passagier mit blutbeflecktem Hemd zeigen. Anfangs war lediglich von einer Schlägerei zwischen Kapitän und Copilot die Rede gewesen.
Panik an Bord und Video aus der Kabine
Passagiere beschrieben dramatische Szenen. Eine Israelin sagte dem Sender N12, in der Kabine habe große Angst geherrscht, es habe „Schreie und Panik“ gegeben. Mehrere Männer, darunter auch Israelis, seien aufgestanden und hätten den Angreifer überwältigt. Den Fluggästen gehe es inzwischen gut, doch die Lage hätte auch anders enden können.
Eine weitere Passagierin berichtete, sie habe Schreie gehört und später viel Blut im Cockpit gesehen. Zeitweise habe man geglaubt, den Flug nicht zu überleben.
In sozialen Medien in Israel verbreitete Aufnahmen sollen die bangen Momente an Bord zeigen, als das Flugzeug in den Sturzflug geriet. Berichten zufolge verlor die Maschine dabei innerhalb von rund einer Minute etwa 4000 Meter an Höhe. In dem Video sind verängstigte Passagiere zu sehen; eine Frau fragt unter Tränen immer wieder auf Hebräisch: „Was ist passiert?“ Über Lautsprecher werden die Fluggäste aufgefordert, auf ihren Sitzen zu bleiben.
Widersprüchliche Angaben zur Herkunft der Piloten
Zur Herkunft der beteiligten Piloten gab es weiter widersprüchliche Angaben. ynet berichtete, der tatverdächtige Copilot stamme aus dem Oman, der angegriffene Pilot soll demnach Inder sein. Eine offizielle Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.
Zuvor hatte es geheißen, der Pilot sei Russe und der Copilot Ukrainer. Das russische Generalkonsulat in Dubai widersprach dieser Darstellung laut der staatlichen Agentur Tass. Nach Angaben der Airline habe sich kein russischer Staatsbürger an Bord befunden.
Flydubai und der politische Hintergrund
Flydubai ist eine Billigfluggesellschaft mit Sitz am Drehkreuz Dubai. Nach Unternehmensangaben umfasst ihre Flotte knapp 100 Flugzeuge vom Typ Boeing 737; angeflogen werden Ziele in 56 Ländern in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien.
Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten Israel 2020 im Rahmen eines Normalisierungsabkommens anerkannt. Seitdem wurde die Zusammenarbeit unter anderem in Wirtschaft und Verteidigung ausgebaut. Dubai ist in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Reiseziel für Israelis geworden. Netanjahu war erst am Sonntag auf Einladung von Präsident Mohammed bin Sajid in die Emirate gereist.
Zwischen Israel und Saudi-Arabien bestehen weiterhin keine offiziellen diplomatischen Beziehungen. Nach Medienberichten gibt es jedoch in einigen Bereichen eine Zusammenarbeit hinter den Kulissen. Eine mögliche Normalisierung gilt seit dem Gaza-Krieg als deutlich unwahrscheinlicher.
Historisch bemerkenswert ist der Vorfall auch deshalb, weil nach israelischen Medienberichten das letzte Passagierflugzeug auf dem Weg nach Israel bereits 1972 entführt worden war: Damals wurde eine Sabena-Maschine auf dem Flug von Brüssel nach Tel Aviv von palästinensischen Terroristen gekapert. Nach der Landung stürmten israelische Spezialkräfte das Flugzeug und überwältigten die Entführer.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber