Wüst stärkt bei Türkei-Besuch Opposition und Zivilgesellschaft den Rücken
Zum Ende seiner dreitägigen Reise in die Türkei hat Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst die bedrängte Opposition im Land demonstrativ unterstützt. In Istanbul sagte der CDU-Politiker, zu einem vollständigen Bild der Lage in der Türkei gehöre es zwingend dazu, auch mit Vertretern der Opposition und mit Akteuren der Zivilgesellschaft zu sprechen. Wer in offizieller Funktion in das Land reise, solle solche Gespräche nicht nur führen, sondern müsse es tun.
Nach Wüsts Worten wünschen sich oppositionelle Politiker und gesellschaftliche Gruppen ausdrücklich, dass ihre Anliegen in offiziellen Kontakten angesprochen werden. Genau das habe er getan. Diese Form der Unterstützung werde als Stärkung wahrgenommen, sagte er.
Gespräche mit Erdogan, Ministern und Regierungskritikern
Bereits zu Wochenbeginn hatte Wüst in Ankara politische Termine absolviert. Dabei kam es auch zu einem unerwarteten Treffen mit Präsident Recep Tayyip Erdogan. Insgesamt sprach er mit vier Ministern, traf aber ebenso Vertreter der Opposition, gegen die die türkischen Behörden teils hart vorgehen.
Internationale Aufmerksamkeit hatte zuletzt vor allem die Inhaftierung von Ekrem Imamoglu ausgelöst, einem prominenten Erdogan-Gegner und früheren Bürgermeister von Istanbul. Gegen ihn stehen unter anderem Vorwürfe der Korruption und der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Raum. Seine Unterstützer sehen darin ein politisch motiviertes Verfahren und werfen Erdogan vor, mithilfe der Justiz einen gefährlichen Rivalen ausschalten zu wollen. Die türkische Regierung bestreitet jeden Einfluss auf die Gerichte.

Direkt nach seiner Unterredung mit Erdogan hatte sich Wüst in Menschenrechtsfragen noch deutlich zurückhaltender geäußert. Solche Themen würden eher nicht öffentlich, sondern vertraulich besprochen, sagte er damals. Öffentliche Aussagen könnten den Spielraum eher einengen. Mit seiner nun offenen Unterstützung für Opposition und Zivilgesellschaft setzte er zum Abschluss der Reise jedoch einen klar anderen Akzent.
Erleichterungen bei Visa für türkische Geschäftsreisende
Am letzten Reisetag standen die Wirtschaftsbeziehungen im Mittelpunkt. Gemeinsam mit der Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Serap Güler, kündigte Wüst bei einer Wirtschaftskonferenz weitere Erleichterungen für türkische Geschäftsleute bei der Einreise nach Deutschland an.
Seit August 2025 existiert bereits ein besonderes Verfahren für als besonders verlässlich eingestufte türkische Firmen mit engem Deutschlandbezug. Bislang profitieren davon rund 400 Unternehmen. Dieser Kreis soll nun erweitert werden. Vor allem Mitgliedsfirmen des türkischen Außenwirtschaftsverbands DEIK mit Deutschlandbezug sollen künftig ebenfalls einbezogen werden.
Wüst bezeichnete den Schritt als starkes und vor allem konkretes Signal für den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen. Aufwendige und langwierige Visaverfahren hätten die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen über Jahre erschwert. Wenn künftig mehr türkische Firmen ihre Aktivitäten in Deutschland verlässlicher planen könnten, schaffe das die Basis für neue Investitionen und engere Kooperationen. In Nordrhein-Westfalen haben etwa 1.300 türkische Unternehmen ihren Sitz — mehr als in jedem anderen Bundesland.
Mehrere Vereinbarungen zwischen Unternehmen
Während des Aufenthalts wurden mehrere Abkommen im wirtschaftlichen Bereich geschlossen. Dazu gehört eine Rahmenvereinbarung zur Förderung von Handel und Investitionen sowie zur Vermittlung neuer Geschäftskontakte.
Auch einzelne Unternehmen und Institutionen vereinbarten eine intensivere Zusammenarbeit: Der Flughafen Köln/Bonn und der Flughafen Istanbul Sabiha Gökcen wollen gemeinsam an der Weiterentwicklung ihres Betriebs arbeiten. Der Duisburger Hafen plant zusammen mit den türkischen Firmen Arkas und Mars Logistics, den Güterverkehr zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei auszubauen. Zudem verständigten sich die Messe Düsseldorf und der türkische Gießereiverband auf eine Beteiligung türkischer Unternehmen an einer Metallmesse im kommenden Jahr.
Nach Angaben der Landesregierung entfällt etwa ein Fünftel des gesamten deutsch-türkischen Handels auf Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2025 wurden zwischen beiden Ländern Waren im Wert von 11,2 Milliarden Euro gehandelt.
Begegnung mit einem Gastarbeiter der ersten Generation
Hintergrund der Reise ist der 65. Jahrestag des sogenannten Anwerbeabkommens. Dieses hatte 1961 den Zuzug von fast 900.000 türkischen Arbeitskräften nach Deutschland innerhalb von zwölf Jahren eingeleitet.
Zum Abschluss traf Wüst am Bosporus den 91-jährigen Sabri Aydin, einen der ersten sogenannten Gastarbeiter. Aydin war 1961 nach Deutschland gekommen, um in Duisburg unter Tage zu arbeiten.
Wüst sagte zudem, er wolle sich über die Reise auch mit Bundeskanzler Friedrich Merz abstimmen. Auf die Frage, wie sehr ihm die Rolle als Ministerpräsident im Ausland gefalle, antwortete er, es bereite ihm jeden Tag Freude, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zu sein — unabhängig davon, wo der Tag beginne. Wüst wird seit einiger Zeit als möglicher Nachfolger von Merz gehandelt, der nach Niederlagen bei drei Landtagswahlen stark unter Druck steht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber