Der Berliner Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak zieht sich nach anhaltender Kritik an seinen Kontakten ins Berliner Clan-Milieu nun vollständig aus dem Innenausschuss des Bundestags zurück. Das teilte er auf der Plattform X mit.
„Ich möchte nicht, dass meine Kolleginnen und Kollegen und ihre wichtige parlamentarische Arbeit durch Angriffe auf meine Person zusätzlich belastet werden. Deshalb gebe ich meinen Sitz im Innenausschuss ab.“
Seine Mitarbeit in dem Gremium hatte Koçak wegen der Vorwürfe bereits zuvor ruhen lassen.
Zugleich wies der Abgeordnete den Vorwurf zurück, selbst kriminell zu sein oder organisierte Kriminalität zu unterstützen.
„Ich bin weder kriminell noch unterstütze ich organisierte Kriminalität.“
Gleichzeitig räumte er eigenes Fehlverhalten ein. Im Umgang mit seinem Kontakt zur Familie Remmo sei er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden. Er habe einen Fehler gemacht, sei in der konkreten Situation naiv und überfordert gewesen und übernehme dafür die Verantwortung.
Umstrittene Chatnachrichten
Koçak war nach bekannt gewordenen freundschaftlichen Chatnachrichten mit Firas Remmo, einem Sohn aus einer dem Clan-Milieu zugerechneten Großfamilie, unter Druck geraten. Nach dem von Remmo veröffentlichten angeblichen Inhalt bat Koçak auch um Unterstützung von „allen euren Leuten“ bei der Verbreitung eines Videos von ihm.
Diesen Vorgang hatte der Linken-Politiker bereits zuvor als Fehler bezeichnet. Zwischenzeitlich zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und ließ seinen Sitz im Innenausschuss bereits ruhen.
Kontakt entstand nach Instagram-Aufruf
Neu bekannt wurde nun auch, wie der Kontakt nach Koçaks Schilderung zustande kam. Wie die „Zeit“ berichtet, hatte eine Antifa-Gruppe zu Jahresbeginn um neue Handys gebeten. Koçak veröffentlichte daraufhin bei Instagram die Frage, ob jemand ein Smartphone abzugeben habe.
Darauf hätten sich mehrere Menschen gemeldet, darunter auch Firas Remmo. Laut dem Bericht antwortete dieser auf Koçaks Anfrage mit einem Hilfsangebot. Koçak reagierte demnach mit einem roten Herz, bat um Zusendung und schickte die Adresse seines Büros.
Koçak sagte der „Zeit“, er habe damals nicht gewusst, mit wem er schrieb. Es sei „blöd“ von ihm gewesen, nicht genauer nachzusehen, wer hinter dem Kontakt stecke.
Treffen im Büro der Familie Remmo
Später kam es den Schilderungen zufolge zu einem Treffen im Büro der Familie Remmo. Dort sei Koçak nach eigener Darstellung auch Issa Remmo begegnet, den er aus den Medien kannte. Erst in diesem Moment habe er erkannt, mit wem er es zu tun hatte. Er sprach von einer „überfordernden Situation“.
Nach dem Treffen habe es laut Bericht weitere Kontakte gegeben, denen Koçak nach eigener Aussage eher ausgewichen sei. Die „Zeit“ schreibt jedoch auch, dass sich diese Darstellungen nicht unabhängig überprüfen ließen. Die Familie Remmo habe sich auf Fragen der Zeitung nicht geäußert.
Weitere Kritik wegen Foto von Wahlparty
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt Koçak durch Fotos in sozialen Medien, auf denen er bei einer Neuköllner Linken-Wahlparty neben Ibrahim Ibrahim zu sehen ist. Nach Angaben des Vereins democ, der sich mit demokratiefeindlichen Bewegungen befasst, handelt es sich bei ihm um einen langjährigen Aktivisten der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP). Die Organisation wird in der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft.
Debatte über „Clankriminalität“ bleibt umstritten
Koçak befasst sich politisch seit Jahren mit dem Thema sogenannter Clankriminalität – zunächst im Berliner Abgeordnetenhaus, später auch im Bundestag. Der Begriff ist umstritten, weil Kritiker darin eine Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund allein aufgrund von Herkunft und Familienzugehörigkeit sehen.
Auch die Linke lehnt die Bezeichnung weitgehend ab. Koçak hält das Vorgehen der Behörden in diesem Feld für rassistisch und stigmatisierend. Auf die Frage, ob er die betroffenen Personen nicht kennen müsse, sagte er laut „Zeit“, er brauche diese Leute nicht zu kennen, um die politische Arbeit dazu zu machen.
Seit 2025 im Bundestag
Koçak war bei der Bundestagswahl 2025 erstmals in den Bundestag eingezogen, nachdem er das Direktmandat in Berlin-Neukölln gewonnen hatte. Zuvor gehörte er der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus an.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber