Iran

440 Kilo Uran: Warum jetzt Ärger mit Iran droht

Irans brisantestes Geheimnis liegt wohl tief unter Atomanlagen verborgen. Genau dieses Uran macht für Netanjahu Frieden unmöglich.

11.05.2026, 10:47 Uhr

Netanjahu knüpft Kriegsende an Abtransport von Irans hochangereichertem Uran

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu macht ein Ende des Kriegs mit dem Iran nach eigener Darstellung davon abhängig, dass hochangereichertes Uran das Land verlässt. In der CBS-Sendung 60 Minutes sagte er, das Material müsse vollständig „aus dem Iran herausgebracht“ werden.

Das iranische Atomprogramm bleibt der zentrale Streitpunkt bei allen Versuchen, den Konflikt beizulegen. Fachleute gehen davon aus, dass die Islamische Republik über genügend Material verfügt, um mehrere Atombomben herstellen zu können. Besonders im Fokus stehen dabei rund 440 Kilogramm Uran mit einem Anreicherungsgrad von 60 Prozent.

Was über den Verbleib des Materials bekannt ist

Nach Einschätzung von IAEA-Chef Rafael Grossi dürfte der Großteil des Materials in unterirdischen Tunnelanlagen am Nuklearstandort Isfahan lagern. Weitere Bestände werden in der Anlage Natans vermutet. Seit den israelischen und US-Angriffen auf Irans Atomprogramm hat die Internationale Atomenergiebehörde jedoch keinen Zugang mehr zu den betroffenen Standorten. Eine unabhängige Kontrolle ist daher derzeit nicht möglich.

Bereits vor den ersten Angriffen im Juni 2025 hatte der US-Atomexperte David Albright gewarnt, der Iran könne Uran mit 60-prozentiger Anreicherung innerhalb weniger Wochen auf waffentaugliche 90 Prozent bringen. Für den eigentlichen Bau einer Atombombe wäre nach Experteneinschätzung allerdings mindestens ein halbes Jahr nötig, möglicherweise auch deutlich mehr Zeit.

Benjamin Netanjahu
Netanjahu bekräftigte im Gespräch mit dem US-Sender CBS in der Sendung «60 Minutes», das angereicherte Material müsse vollständig «aus dem Iran entfernt werden». (Archivbild) Quelle: Ronen Zvulun/Pool Reuters/dpa

Wie realistisch eine Bergung wäre

US-Präsident Donald Trump hatte in der Vergangenheit erklärt, das Uran notfalls bergen und in die Vereinigten Staaten bringen zu wollen. Aus Teheran kam daraufhin umgehend Ablehnung: Ein solcher Transfer in die USA sei nie zur Debatte gestanden.

IAEA-Generaldirektor Grossi sagte dem Sender PBS, eine Bergung sei grundsätzlich machbar, allerdings nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Das Uran liege in gasförmiger Form in zylinderförmigen Behältern vor. Das größte Risiko sei vor allem die Giftigkeit des Materials. Gegen radioaktive Belastung könnten vergleichsweise einfache Schutzmaßnahmen wie Atemschutzmasken helfen.

Warum ein militärischer Zugriff als extrem schwierig gilt

Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz hält einen gewaltsamen Zugriff auf die Lagerorte zwar theoretisch für denkbar, praktisch aber für kaum umsetzbar. Dafür müssten die Anlagen in Isfahan und Natans samt Umgebung über mehrere Tage hinweg kontrolliert werden – in feindlichem Gebiet und vermutlich unter anhaltenden Gegenangriffen. Hinzu komme die Gefahr verminter Areale.

Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sprach Citrinowicz von einem „extrem komplexen Vorgang“ mit ungewissem Ausgang. Wäre ein solcher Schritt einfach durchzuführen, so seine Einschätzung, wäre er vermutlich längst erfolgt.

Warum selbst eine Sicherung des Urans das Problem nicht lösen würde

Selbst wenn die vorhandenen Bestände gesichert würden, bliebe das Grundproblem bestehen. Der Iran verfügt weiterhin über weitere Tonnen Uran sowie über das technische Wissen, um sein Programm fortzuführen. Grossi hatte bereits darauf hingewiesen, dass die von Israel und den USA zerstörten Anreicherungsanlagen wieder aufgebaut werden könnten.

Teheran betont seit Jahren, keine Atomwaffen entwickeln zu wollen. Die IAEA verweist jedoch darauf, dass iranische Vertreter selbst erklärt hätten, das Land verfüge zumindest theoretisch über sämtliche Voraussetzungen zur Entwicklung solcher Waffen.

Warum das Uran auch für Trump zum politischen Prüfstein wird

Für US-Präsident Trump ist die Herausgabe des hochangereicherten Urans ein zentrales Verhandlungsziel. Seine Sprecherin Karoline Leavitt bezeichnete diesen Punkt zuletzt als eine der roten Linien Washingtons in den Gesprächen mit Teheran. Gelingt es nicht, die Bestände außer Landes zu bringen, dürfte es für Trump schwierig werden, ein Ende des Konflikts als außenpolitischen Erfolg zu verkaufen. An einem Punkt hält seine Regierung fest: Der Iran darf keine Atomwaffe besitzen.

Welche Position Teheran einnimmt

Der Iran signalisiert Bereitschaft zu weiteren technischen Gesprächen, verlangt dafür aber zunächst die Anerkennung seines Rechts auf ein eigenständiges Atomprogramm durch die USA. In diesem Fall, so Teheran, könne auch die Zusammenarbeit mit der IAEA wieder aufgenommen werden.

Außenminister Abbas Araghtschi brachte als Möglichkeit ins Spiel, das hochangereicherte Uran unter Aufsicht der IAEA zu verdünnen. Das zentrale Problem bliebe jedoch: Solange der Iran seine modernen Zentrifugen behält, könnte das Material theoretisch erneut auf waffenfähiges Niveau angereichert werden.

Als wirksamer gilt unter Experten eine andere Lösung: Das Material könnte in ein Drittland gebracht, dort verarbeitet oder in eine weniger sensible Form überführt werden. Russland hat angeboten, iranisches Uran zu übernehmen. Nach bisherigen Informationen lehnt Teheran jedoch auch diesen Weg ab.

Wozu Fachleute raten

Citrinowicz warnt eindringlich davor, das angereicherte Uran unter Kontrolle des iranischen Machtapparats zu belassen. Aus seiner Sicht wäre das schlechteste Szenario, wenn sich die USA aus der Region zurückziehen und die Überwachung des Programms im Wesentlichen auf Geheimdienstinformationen gestützt werden müsste. Dann bestehe das Risiko, dass der Iran innerhalb kurzer Zeit einen Atomtest durchführt.

Selbst ein Abkommen, das die iranische Führung politisch stärken könnte, sei aus seiner Sicht vorzuziehen – sofern es die Uranbestände wirksam begrenze oder deren Abtransport sicherstelle. Auch IAEA-Chef Grossi drängt auf eine dauerhafte diplomatische Lösung. Bleiben die Streitfragen um das iranische Uran ungelöst, könnte dies nach seiner Warnung in einen weiteren militärischen Konflikt münden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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