Die Zahl gemeldeter Drohnen an deutschen Flughäfen ist im ersten Halbjahr deutlich gestiegen. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung (DFS) wurden an den 15 internationalen Verkehrsflughäfen in den ersten sechs Monaten 166 Sichtungen registriert. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 101 Meldungen. Die meisten Vorfälle ereigneten sich im Umfeld der Airports.
Am häufigsten wurden Drohnen am Hauptstadtflughafen BER gesichtet. Dort zählte die DFS 28 Fälle, in sieben Situationen musste der Flugbetrieb zeitweise ausgesetzt werden. Im gesamten Jahr zuvor hatte es am BER lediglich acht entsprechende Meldungen gegeben. Knapp dahinter folgt der Flughafen Frankfurt mit 27 Sichtungen im ersten Halbjahr 2026.
Warum die Zahlen bundesweit steigen, geht aus den Daten nicht eindeutig hervor. Für Berlin sieht die DFS jedoch einen möglichen Grund in einem neuen Ortungssystem der Bundespolizei, mit dem Drohnen schneller und zuverlässiger erkannt werden könnten. Eine offizielle Stellungnahme der Bundespolizei dazu lag zunächst nicht vor.
Sprengstoffdrohne in Leipzig löst Alarm aus
Besonders brisant ist der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle. Dort wurde in der Nacht zum Mittwoch auf der südlichen Start- und Landebahn eine mit Sprengstoff versehene Drohne entdeckt. Sicherheitskreisen zufolge lag sie in der Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs. Spezialkräfte der Bundespolizei machten den Sprengsatz unschädlich.
Der Fund hat bundesweit Alarm ausgelöst. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) reiste nach dem Vorfall aus dem Urlaub nach Leipzig und sprach von einer verschärften Sicherheitslage.
Dobrindt warnt vor möglichem hybriden Anschlagsszenario
Dobrindt sieht in dem Fall ein mögliches „hybrides Anschlagsszenario“. Gemeint sind Bedrohungen, die nicht offen militärisch auftreten, sondern verdeckt Verunsicherung erzeugen sollen – etwa durch Sabotage, Spionage, Cyberangriffe oder politische Einflussnahme.
Mit direkten Schuldzuweisungen hielt sich der Minister zurück. Er sagte jedoch, Deutschland befinde sich in einem Wettbewerb, der „möglicherweise auch fremde Mächte“ einschließe, die zu erheblicher Verunsicherung beitragen wollten. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm (CDU), erklärte, es spreche vieles dafür, dass die Bedrohung eines hybriden Kriegs inzwischen auch Deutschland erreicht habe.
Sicherheitsbehörden melden verschärfte Lage
Nach Einschätzung Dobrindts hat sich die Sicherheitslage in Deutschland insgesamt verschärft. „Die Gefahrenlage ist nicht mehr abstrakt, sie ist hoch“, sagte er nach einem Treffen mit Sicherheitsbehörden in Leipzig.
Nach Angaben einer Sprecherin gibt es bei Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern derzeit ein erhöhtes Hinweisaufkommen. Die Hinweise reichten von Auskundschaftung, Ausspähung und Sabotage an kritischer Infrastruktur über Cyberangriffe bis hin zur Planung physischer Gewalt gegen Vertreter aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Generell werden laut Bundesregierung seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich mehr illegale Drohnen über kritischen Infrastrukturen in Deutschland gesichtet.
Nicht nur Flughäfen im Fokus
Die Bedrohung betrifft nach Einschätzung der Behörden nicht nur Flughäfen. Als mögliche Ziele gelten vor allem Bereiche der kritischen Infrastruktur – also Einrichtungen, deren Ausfall gravierende Folgen für Versorgung und Sicherheit hätte. Dazu zählen unter anderem Energie- und Wasserversorgung, Ernährung, Finanzwesen, Telekommunikation, Entsorgung, staatliche Verwaltung sowie Transport und Verkehr.
Politik setzt auf neue Gesetze und bessere Abwehr
Bund und Länder haben zuletzt mehrere Maßnahmen auf den Weg gebracht. Zu Jahresbeginn verabschiedete der Bundestag das Kritis-Dachgesetz, das Betreibern kritischer Infrastrukturen strengere Vorgaben für Schutz und Abwehr macht.
Nach den Drohnenstörungen am Münchner Flughafen im Herbst wurde zudem bei der Bundespolizei ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern eingerichtet. Dort sollen Sicherheitsbehörden, Bundeswehr und Nachrichtendienste Informationen austauschen und Einsätze koordinieren – nach Angaben Dobrindts auch im Fall Leipzig.
Hinzu kommt eine im Frühjahr beschlossene Änderung des Luftsicherheitsgesetzes: Damit können die Länder die Bundeswehr leichter um Amtshilfe bei der Abwehr von Drohnen bitten.
Forderungen nach mehr Technik und klaren Zuständigkeiten
Trotzdem sehen Politiker und Experten weiteren Handlungsbedarf. Nach Angaben des Flughafenverbands warten mehrere wichtige Flughäfen noch immer auf die vom Innenministerium zugesagte Ausstattung mit Systemen zur Detektion und Abwehr von Drohnen.
CDU-Innenpolitiker Throm sagte, beim Aufbau von Schutzmaßnahmen gegen hybride Angriffe mache man Fortschritte. Offene Fragen gebe es aber weiter bei den Zuständigkeiten zwischen Bundeswehr, Landespolizeien und Bundespolizei. Auch die Beschaffung der nötigen Technik hänge von den Herstellern ab.
Der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz fordert ebenfalls klare Zuständigkeiten sowie ein tägliches Lagebild. Sabotage- und Spionagefälle müssten zentral dokumentiert, kommuniziert und gebündelt werden, um Ermittlungen und Gefahrenabwehr zu verbessern.
Auch die Gewerkschaft der Polizei drängt auf klarere gesetzliche Grundlagen, eine bessere Ausstattung der Behörden und den Aufbau einer bundesweiten Drohnenabwehr-Infrastruktur.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber