Politik

Die P-Frage im Gepäck: Aigner auf Bosnien-Reise

Aigner in Bosnien: Routinebesuch oder heimlicher Schritt Richtung Schloss Bellevue? Die Gerüchteküche brodelt.

03.07.2026, 05:00 Uhr

Die Debatte um eine mögliche Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin verfolgt Ilse Aigner sogar bis nach Bosnien-Herzegowina. Auch in Srebrenica, wo eine Gedenkstätte und ein Museum an den Mord an mehr als 8.000 Menschen im Juli 1995 erinnern, kommt das Thema zur Sprache. Dort hält der Verein Mütter von Srebrenica um Munira Subasic die Erinnerung an das Verbrechen lebendig. Mit ihr spricht Aigner am zweiten Tag ihrer Reise über das damalige Leid und darüber, welche Konsequenzen daraus für die Zukunft gezogen werden müssen.

Dabei bringt Subasic die CSU-Politikerin in eine ungewohnte Situation. Gleich mehrfach spricht die fast 80-Jährige offen an, worüber in Deutschland seit Längerem spekuliert wird: ob Aigner als eine von mehreren Frauen erste Bundespräsidentin werden könnte. Subasic sagt sogar, sie wünsche sich das und bete dafür. Aigner reagiert äußerst vorsichtig, bedankt sich und erklärt lediglich, dazu könne sie derzeit nichts sagen.

Empfang durch den Staatspräsidenten

Dass Aigner ausgerechnet jetzt wieder mit dem Landtagspräsidium im Ausland unterwegs ist, nährt neue Mutmaßungen. Manche sehen darin den Versuch, sich mit internationalen Auftritten für eine mögliche Kandidatur zu profilieren. In Sarajevo wird sie tatsächlich von Staatspräsident Denis Becirovic empfangen – ein Termin, der protokollarisch keineswegs selbstverständlich ist.

Hintergrund ist die anstehende Wahl eines neuen Staatsoberhaupts: Am 30. Januar 2027 muss die Bundesversammlung einen Nachfolger für Frank-Walter Steinmeier bestimmen. Nach bisherigen Ankündigungen soll die schwarz-rote Koalition im Herbst einen gemeinsamen Vorschlag präsentieren. Vieles deutet darauf hin, dass diesmal erstmals eine Frau in Schloss Bellevue einziehen könnte.

Aigner in Srebrenica
In Srebrenica gedachte Aigner des Massakers mit Tausenden Toten vor 31 Jahren. Quelle: Christoph Trost/dpa

Wer kommt infrage?

Weil die Union in der Bundesversammlung die stärkste Kraft stellt, richtet sich der Blick vor allem auf Politikerinnen aus CDU und CSU. Da andere prominente Namen zuletzt an Wahrscheinlichkeit verloren haben, werden besonders drei Frauen genannt: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bildungsministerin Karin Prien und eben Ilse Aigner.

Aigner bringt viel politische Erfahrung mit. Die 61-Jährige war Landes- und Bundespolitikerin, Ministerin und verfügt über ein breites Netzwerk. Zudem gilt sie als gut vernetzt in Richtung Kanzler Friedrich Merz. In ihrem Amt als Landtagspräsidentin hat sie sich den Ruf erworben, über Parteigrenzen hinweg arbeiten zu können, nahbar zu sein und verbindlich aufzutreten. Ein möglicher Schwachpunkt: Im Vergleich zu klassischen Außenpolitikern ist ihre internationale Erfahrung begrenzt.

Mehr Präsenz im Ausland

Gerade diesen Nachteil scheint Aigner ausgleichen zu wollen. Vor einem Jahr reiste sie in die Ukraine und besuchte Kiew sowie Butscha, einen Ort schwerster Kriegsverbrechen. Danach standen Besuche in den USA und in Indien auf dem Programm. Nun folgt Bosnien-Herzegowina mit Stationen in Sarajevo und Srebrenica – politisch sensible Orte.

Auch ihre möglichen Mitbewerberinnen setzen außenpolitische Akzente. Klöckner war zuletzt unter anderem in Israel, der Ukraine, Litauen, Estland und den USA. Prien wiederum reiste mit Steinmeier nach Österreich und war ebenfalls in Israel, den USA und Kanada unterwegs.

Aigners Stärke: Nähe zu Menschen

In Bosnien-Herzegowina zeigt sich, worin Aigners besondere Stärken liegen. Sie wirkt unkompliziert, offen und zugewandt. Gerade im Austausch mit Munira Subasic wird deutlich, dass sie schnell Vertrauen herstellen kann. Weniger bekannt ist sie dagegen als große Rednerin – ein Punkt, den ihre Unterstützer ihr aber kaum anlasten.

Zu Fragen nach einer möglichen Kandidatur äußert sie sich weiterhin ausweichend. Nur auf die allgemeinere Frage, welche Eigenschaften das nächste Staatsoberhaupt mitbringen sollte, wird sie etwas konkreter. In Srebrenica sagt Aigner, für die Zukunft sei es entscheidend, Brücken zu bauen, Menschen zusammenzuführen und Versöhnung zu ermöglichen. Sie selbst verstehe sich als jemand, der offen auf andere zugehe, Kompromisse suche und zusammenführen wolle. Genau das gehöre zum Kern der Demokratie – einer Demokratie, die in Europa zunehmend unter Druck gerate.

"Diese Frage stellt sich jetzt nicht"

An anderer Stelle betont Aigner zwar, dass es durchaus an der Zeit wäre für eine Frau an der Spitze des Staates. Sobald sie jedoch direkt gefragt wird, ob sie selbst bereitstünde, verweist sie immer wieder darauf: "Diese Frage stellt sich jetzt nicht."

Fest steht: Spätestens im Herbst müssen CDU, CSU und SPD klären, auf wen sie sich verständigen wollen. Ob Aigner, Klöckner oder Prien am Ende das Rennen machen – oder doch eine ganz andere Persönlichkeit, vielleicht aus der Justiz oder sogar ein Mann -, ist derzeit offen. Aufmerksamkeit erregte allerdings CSU-Chef Markus Söder, als er dem Münchner Merkur sagte, sollte Ilse Aigner wollen, habe sie seine volle Sympathie und Unterstützung.

Am Rande bemerkenswert: Würde Aigner tatsächlich Bundespräsidentin, sähen ihre Reisen künftig wohl deutlich anders aus. Zum Termin nach Sarajevo flog ihre Delegation noch ganz gewöhnlich mit der Billigfluglinie Ryanair.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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