Politik

250 Jahre USA: Warum der amerikanische Traum zerbricht

War der amerikanische Traum nur eine Illusion? 250 Jahre nach der Unabhängigkeit wirken Freiheit und Chancen unerreichbar.

03.07.2026, 05:00 Uhr

Amerikanischer Traum zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Was ist eigentlich der „amerikanische Traum“ – und lebt diese Idee heute noch? Wer in den USA nachfragt, bekommt sehr unterschiedliche Antworten. Das zeigt sich selbst in einem kleinen Park in Philadelphia, nur wenige Schritte von einem Ort entfernt, an dem vor 250 Jahren Geschichte geschrieben wurde.

Dort verabschiedeten Vertreter der 13 Kolonien am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung und trennten sich offiziell von Großbritannien. Damit begann die Geschichte der Vereinigten Staaten.

Hoffnung für die einen, Enttäuschung für die anderen

Für Aaron aus Philadelphia ist der amerikanische Traum vor allem eines: Hoffnung. Er beschreibt ihn als den dauerhaften Glauben daran, dass jeder Tag die Möglichkeit bietet, dem eigenen Ziel näherzukommen. Zwar sehe dieser Traum für jeden Menschen anders aus, doch die Chance, ihn zu verfolgen, sei entscheidend.

Ganz anders klingt es bei Adriana und ihrem Freund Richard, die einige Bänke weiter sitzen. Sie halten die Vorstellung gleicher Chancen auf Wohlstand und auf grundlegende Absicherung – etwa beim Zugang zu medizinischer Versorgung – für eine Illusion. Richard meint, in Wahrheit profitierten davon vor allem weiße Menschen aus der Mittelschicht. Für ihn habe sich der amerikanische Traum inzwischen in einen „amerikanischen Albtraum“ verwandelt.

Umfragen zeichnen ein düsteres Bild

Diese skeptische Sicht spiegelt sich auch in Erhebungen wider. Laut einer repräsentativen Umfrage des Pew Research Center glauben nahezu 60 Prozent der US-Bürger, dass die besten Zeiten ihres Landes bereits vorbei sind.

Independence Hall in Philadelphia
Die Unabhängigkeitserklärung wurde in der Independence Hall in Philadelphia unterzeichnet. Quelle: Franziska Spiecker/dpa

Eine weitere Studie des Instituts zeigt zudem: Mehr als die Hälfte der Erwachsenen rechnet bis 2050 mit einer schwächeren Wirtschaft, geringerem internationalem Einfluss der USA und einer noch stärkeren politischen Spaltung. Vor allem jüngere Menschen blicken pessimistischer in die Zukunft als ältere Generationen.

Aufstieg durch harte Arbeit? Für viele kaum noch erreichbar

Ein Grund für diese Zweifel sind die schwierigen wirtschaftlichen Perspektiven. Die klassische Vorstellung, dass man es mit Fleiß gesellschaftlich nach oben schaffen kann, gerät zunehmend unter Druck. Inflation und tief verwurzelte Ungleichheiten erschweren vielen Menschen den Alltag.

Wohnen, Lebensmittel, Gesundheitsversorgung und Hochschulbildung werden teurer, während viele Einkommen nicht im gleichen Maß steigen. Zwar gibt es einzelne Erfolgsgeschichten, etwa im Zuge des KI-Booms. Doch viele andere kämpfen schlicht darum, finanziell über den Monat zu kommen.

Für die 51-jährige Janis aus Philadelphia bedeutet der amerikanische Traum inzwischen vor allem, leben zu können, Essen zu kaufen und Rechnungen zu bezahlen. Schon das sei heute schwer genug.

Migration, Arbeitsmarkt und steigende Preise

Ökonomen sehen einen Teil der hohen Verbraucherpreise auch im Rückgang der Migration. Menschen aus dem Ausland, die oft für geringere Löhne arbeiten als viele US-Bürger, sind ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Arbeitsmarktes. Wegen der strengen Einwanderungspolitik unter Präsident Donald Trump meiden jedoch inzwischen mehr Arbeitskräfte die USA.

Für Unternehmen, landwirtschaftliche Betriebe und Restaurants bedeutet das höhere Lohnkosten, um Personal zu finden. Diese Mehrkosten schlagen sich wiederum in höheren Preisen für Waren und Dienstleistungen nieder. Dadurch wird es für viele Haushalte noch schwieriger, Geld zurückzulegen.

Geburtsrecht bleibt bestehen

Trump hatte außerdem versucht, das in der Verfassung verankerte Geburtsrecht stark einzuschränken. Direkt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit unterzeichnete er dazu eine entsprechende Anordnung. Der Supreme Court stoppte dieses Vorhaben jedoch kürzlich.

Das höchste Gericht entschied, dass Kinder, die in den Vereinigten Staaten geboren werden, weiterhin automatisch die US-Staatsbürgerschaft erhalten – auch dann, wenn ihre Eltern sich illegal oder nur vorübergehend im Land aufhalten.

Kurz vor dem 250. Jubiläum der USA bekräftigte das Gericht damit ein zentrales Versprechen des Landes. Der Vorsitzende Richter John Roberts schrieb in der Begründung, Staatsbürgerschaft bedeute gestern wie heute das Recht, Rechte zu haben und voll an der politischen Gemeinschaft teilzunehmen.

Der unerfüllte Traum von Gleichheit

Schon vor mehr als 60 Jahren hatte Martin Luther King gleiche Rechte für alle Amerikaner eingefordert. In seiner berühmten Rede von 1963 sagte er, er träume von einem Land, in dem seine Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden.

Mit dieser Vision sprach King einen Kernkonflikt der USA an. Das Land war damals von Rassentrennung, tiefem gesellschaftlichem Rassismus und systematischer Benachteiligung schwarzer Menschen geprägt.

Zwar folgten später wichtige Fortschritte wie der Voting Rights Act von 1965, der das Wahlrecht von Minderheiten schützen sollte. Doch mit einer jüngeren Entscheidung zur Neuziehung von Wahlkreisen hat der Supreme Court diesen Schutz zuletzt wieder geschwächt.

Ein Ideal, an das viele weiter glauben

Im Jubiläumsjahr 2026 zeigt sich: Der amerikanische Optimismus hat deutliche Risse bekommen. Einer repräsentativen Umfrage des Milken Center for Advancing the American Dream zufolge glaubt nicht einmal mehr die Hälfte der Befragten – 46 Prozent – an echte Chancengleichheit im Land.

Gleichzeitig sagen 58 Prozent, dass der amerikanische Traum auch 250 Jahre nach der Unabhängigkeit noch nicht verwirklicht ist. Dennoch halten 78 Prozent es weiterhin für wichtig, nach diesem Ideal zu streben.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass viele Menschen in den USA den amerikanischen Traum noch immer als erstrebenswert ansehen. Der Glaube daran, dass er sich heute tatsächlich für jeden verwirklichen lässt, ist jedoch deutlich schwächer geworden.

Janis bringt diese Entwicklung knapp auf den Punkt: Man müsse heute enorm hart arbeiten, oft sogar zwei Jobs gleichzeitig haben. Alles sei teurer geworden – und genau das mache die Lage so bedrückend.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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