Politik

Deutsche und Amerika: Das Liebes-Aus?

Faszination USA: Für Deutsche war Amerika immer Sehnsuchtsort und Schreckbild zugleich. Mit Trump II droht jetzt der Bruch.

03.07.2026, 05:00 Uhr

Zwischen Freiheitsmythos und Entfremdung: Das schwierige deutsche Verhältnis zu Amerika

Über viele Jahrzehnte hinweg war „Amerika“ für zahlreiche Deutsche weit mehr als nur der Name eines Landes. Es stand für Freiheit, Aufbruch und Schutz. Der aus Bad Kreuznach stammende Joseph Hilsenrath erinnerte sich noch im hohen Alter daran, wie er 1941 nach Jahren der Flucht vor den Nationalsozialisten als Kind die Freiheitsstatue aus dem Atlantiknebel auftauchen sah. Dieses Erlebnis, sagte er später in einem Fernsehinterview unter Tränen, habe ihn nie mehr losgelassen.

Heute ist von diesem Versprechen viel verblasst. In den vergangenen anderthalb Jahren haben Bilder von vermummten Einsatzkräften der US-Einwanderungsbehörde ICE bei teils tödlichen Razzien das Bild der Vereinigten Staaten stark beschädigt. Kritiker zogen dabei sogar Vergleiche zur Gestapo und sprachen von „Nazi-Methoden“. Statt als Leitmacht der freien Welt erscheinen die USA inzwischen vielen als Staat, der sich autoritären Strukturen annähert.

Gleichzeitig bleibt die kulturelle Anziehungskraft der Supermacht enorm. In Deutschland wird aufmerksam verfolgt, was Donald Trump im Weißen Haus als Nächstes tut, während US-Popkultur ungebrochen erfolgreich ist. Die Öffentlichkeit fiebert Großereignissen um Stars wie Taylor Swift entgegen, Serien wie Stranger Things oder Euphoria erzielen hohe Streamingzahlen, und auch American Football sowie Basketball gewinnen hierzulande weiter an Popularität. Genau darin zeigt sich die Widersprüchlichkeit des deutschen Amerikabildes.

US-Einwanderungsbehörde ICE - Minneapolis
Das rücksichtslose Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE und das martialische Aussehen insbesondere des früheren Befehlshabers in Minneapolis, Gregory Bovino, provozierte in vielen Ländern Nazi-Vergleiche (Archivbild). Quelle: Dave Decker/ZUMA Press Wire/dpa

Zwei Amerikas: Anspruch und Realität

Der Tübinger Amerikanist Michael Butter spricht von zwei verschiedenen Amerikas. Auf der einen Seite stehe das reale, unvollkommene Land, in dem soziale Ungleichheit, Rassismus und Diskriminierung nie wirklich überwunden worden seien und teils sogar zugenommen hätten. Auf der anderen Seite gebe es die Idee Amerikas als Wertegemeinschaft: ein Land, das nicht auf Herkunft, sondern auf gemeinsamen Überzeugungen beruht, die älteste Demokratie der Welt. Je nach Blickwinkel rücke mal das eine, mal das andere Amerika in den Vordergrund.

Ähnlich sieht es der Historiker Volker Depkat, der mit dem Podcast Amerika verstehen bekannt wurde. Für ihn bewegten sich die deutschen Vorstellungen von den USA schon immer zwischen Sehnsucht und Schrecken. Lange galten die Vereinigten Staaten als Inbegriff der Moderne — politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. Fortschrittlich eingestellte Deutsche hätten oft nach Amerika geschaut, während konservative Kreise diese Form der Moderne eher ablehnten.

Vom ehemaligen Feind zum Vorbild

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Menschen in Westdeutschland unmittelbar mit Amerikanern in Berührung. Die Luftbrücke, Hilfslieferungen und der Marshallplan trugen dazu bei, dass aus dem einstigen Kriegsgegner schnell eine bewunderte Schutzmacht wurde. Der „American Way of Life“ stand für Freiheit, Zukunft und Modernität. Orte wie New York, Kalifornien oder Hollywood entwickelten in Deutschland beinahe einen mythischen Klang.

Allerdings gab es zugleich heftige Vorbehalte. In gebildeten bürgerlichen Kreisen wurde noch lange gegen vermeintlich gefährliche Tanzmoden oder gewaltverherrlichende Comics polemisiert. Der Vorwurf, Amerika sei ein Land ohne eigentliche Hochkultur, war damals weit verbreitet. Rock’n’Roll und Mickey Mouse galten manchen als Gegenbild zu Goethe und Schiller. Erst mit der Liberalisierung der Bundesrepublik eigneten sich immer mehr Westdeutsche amerikanische Popkultur selbstverständlich an.

Depkat zufolge wird vieles, was aus den USA stammt, heute gar nicht mehr als spezifisch amerikanisch empfunden, sondern als Teil einer gemeinsamen westlichen Kultur. Deshalb sei es für viele kein Widerspruch, Donald Trump entschieden abzulehnen und dennoch Hollywoodfilme zu lieben.

Faszination auch hinter dem Eisernen Vorhang

In der DDR wurden die USA offiziell als imperialistischer Hauptgegner dargestellt. Dennoch träumten auch dort viele davon, eines Tages die Rocky Mountains oder die Wolkenkratzer Manhattans mit eigenen Augen zu sehen. Zu ihnen gehörte in jungen Jahren auch Angela Merkel.

Einen Höhepunkt der deutschen Amerika-Begeisterung markierte die Zeit John F. Kennedys. Sein Satz „Ich bin ein Berliner“ prägte sich tief ins kollektive Gedächtnis ein. Ebenso blieben die Bilder nach seiner Ermordung haften: die schwarze Limousine, Jackie Kennedy im blutverschmierten rosa Kostüm und der salutierende kleine John F. Kennedy Jr. am Grab in Arlington. Doch schon bald trübten der Vietnamkrieg und später der Watergate-Skandal das strahlende Bild der USA.

Zwischen Bewunderung und Enttäuschung

Seitdem schwankt die deutsche Sicht auf Amerika immer wieder stark zwischen Faszination und Ablehnung. Unter Präsident George W. Bush kühlte das Verhältnis deutlich ab. Mit Barack Obama kam es dann zu einer regelrechten Gegenbewegung: Noch vor seiner Wahl feierten ihn im Sommer 2008 mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule.

Nach Einschätzung Depkats schien sich in Obama das deutsche Idealbild Amerikas noch einmal zu verkörpern. Deutsche hätten über lange Zeit eigene Hoffnungen auf Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert — oft ohne dass dies viel mit den tatsächlichen Verhältnissen dort zu tun gehabt habe. Amerikaskepsis sei deshalb häufig Ausdruck enttäuschter Liebe: die Enttäuschung darüber, dass das Land nicht so ist, wie man es sich gewünscht hat. Wer lange idealisiert, schlägt bei Ernüchterung leicht ins Gegenteil um.

Ein ähnlicher Reflex war nach dem Wahlsieg Joe Bidens zu beobachten. Für einen Moment schien Donald Trump nur noch ein Fall für die Gerichte zu sein und das „eigentliche“ Amerika zurückzukehren. Doch Trumps zweite Amtszeit könnte laut Butter einen noch tieferen Einschnitt bedeuten. Es seien inzwischen Verbindungen abgerissen, und selbst viele traditionell proamerikanische Deutsche hätten erkannt, dass sich die USA dauerhaft stärker von Europa weg orientieren. Das Verhältnis verändere sich grundlegend.

Eine alte Wertegemeinschaft bricht weg

Wie es nun weitergeht, ist offen. Butter hält die Lage für zu instabil, um verlässliche Vorhersagen zu treffen. Sollte das politische System der USA weiter ins Wanken geraten, könne das irgendwann auch Folgen für die kulturelle Ausstrahlung des Landes haben. Wenn Amerika sich zu weit von seinem eigenen Ideal entferne, verliere es womöglich auch auf anderen Feldern an Glanz.

Für Depkat ist bereits klar, dass die Vorstellung einer transatlantischen Wertegemeinschaft der Vergangenheit angehört. Diese werde nicht zurückkehren. Die Entfremdung zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten habe nicht erst mit Trump begonnen, doch er wirke nun wie eine Abrissbirne, die kaum noch etwas stehen lasse. Der angerichtete Schaden sei nicht mehr rückgängig zu machen. Was am Ende vielleicht bleibe, sei allein die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung — jene Idee, mit der vor 250 Jahren alles begann.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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