Politik

Darum wird Südamerika für Wadephul heikel

Rohstoffe, Mercosur, Trump: Warum Wadephuls Reise nach Lateinamerika für Deutschland heikler ist, als es zunächst scheint.

01.07.2026, 14:19 Uhr

Wadephul unterzeichnet Abkommen in Buenos Aires

Deutschland und Argentinien wollen ihre Zusammenarbeit im Bergbau- und Rohstoffsektor deutlich ausbauen. Außenminister Johann Wadephul unterzeichnete in Buenos Aires gemeinsam mit seinem argentinischen Kollegen Pablo Quirno eine entsprechende Absichtserklärung.

Wadephul sagte nach dem Termin, angesichts von Handelskonflikten und Krisen müsse Deutschland wirtschaftlich breiter und widerstandsfähiger werden. Ziel der Bundesregierung ist es vor allem, die starke Abhängigkeit von China bei seltenen Erden und anderen kritischen Mineralien zu verringern, die für Zukunftstechnologien wichtig sind.

Zugleich bemüht sich Berlin in Lateinamerika um engere Werte- und Handelspartnerschaften. Hintergrund sind auch die Belastungen im Verhältnis zu den USA unter Präsident Donald Trump, dessen Zollpolitik als schwer berechenbar gilt.

Rohstoffe für Batterien, Chips und Industrie

Argentinien verfügt über große Vorkommen an Gold, Silber und Lithium, auf die rund 95 Prozent der Bergbauexporte entfallen. Hinzu kommen neue Projekte zur Förderung von Kupfer und Lithium. Gerade Lithium ist ein Schlüsselrohstoff für Batterien, wie sie in Elektroautos, Smartphones, Laptops sowie in der Solar- und Windenergie gebraucht werden.

Wadephul machte in Buenos Aires deutlich, dass Deutschland Chips für Mobiltelefone, Lithium für E-Batterien und Metalle für die Industrie brauche. Kritische Abhängigkeiten bei Rohstoffexporten dürften aus seiner Sicht nicht als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Auch ausufernde Zolldrohungen seien ein Risiko für stabile Lieferketten.

Nach seinen Worten kann Deutschland vor allem mit Technologie zur Verarbeitung der Rohstoffe punkten. Berlin wolle dazu beitragen, dass auch in Argentinien zusätzliche Kapazitäten zur Weiterverarbeitung entstehen. Das sei für beide Seiten vorteilhaft. Zugleich betonte er, dass deutsche Investitionen an Umwelt- und Sozialstandards gebunden sein sollen.

Buenos Aires sieht gemeinsame Interessen und Werte

Quirno hob hervor, Argentinien bringe die natürlichen Ressourcen ein, Deutschland seine technologische Stärke. Beide Länder könnten daher nicht nur wirtschaftlich voneinander profitieren, sondern seien auch politisch durch gemeinsame Grundüberzeugungen verbunden.

Der argentinische Minister verwies dabei unter anderem auf die Verteidigung von Freiheit, Leben und Privateigentum. Außerdem betonte er die gemeinsame Verurteilung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Mercosur als Signal für Freihandel

Wadephul und Quirno warben in Buenos Aires auch für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Die Vereinbarung gilt in Berlin als klares Bekenntnis zu offenen Märkten und zugleich als Gegenmodell zu protektionistischen Zollmaßnahmen aus Washington.

Wadephul hatte das Abkommen bereits als Signal für Freihandel statt Zölle und für Wettbewerb statt Protektionismus beschrieben, ohne Trump direkt zu nennen. Für die Bundesregierung bleibt das ein diplomatischer Balanceakt, weil weder Kanzler Friedrich Merz noch der Außenminister das Verhältnis zu den USA zusätzlich belasten wollen.

Mit Blick auf den Nato-Gipfel in Ankara in der kommenden Woche hofft Berlin vielmehr auf ein klares Zeichen aus Washington, dass die USA weiter fest an der Seite ihrer europäischen Verbündeten stehen. Wadephul hatte deshalb zu Beginn seiner Südamerikareise zunächst einen Zwischenstopp in Washington eingelegt, um dort für die deutschen Nato-Positionen zu werben.

Nach Angaben der EU-Kommission würde das Mercosur-Abkommen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay einen gemeinsamen Markt mit rund 720 Millionen Menschen schaffen. Zudem sollen Zölle in Milliardenhöhe sinken und der Austausch von Waren und Dienstleistungen durch weniger Handelsbarrieren erleichtert werden.

Argentinien zwischen Deutschland, China und den USA

Mehr als 190 deutsche Unternehmen sind bereits in Argentinien aktiv. Dennoch bleibt China für Buenos Aires ein unverzichtbarer Partner, auch weil die Regierung gegenüber Peking einen pragmatischen Kurs verfolgt. Zudem hat Argentinien mit den USA ein Handels- und Investitionsabkommen geschlossen und eine engere Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen vereinbart.

Trotzdem sehen beide Seiten noch erheblichen Spielraum für zusätzliche Kooperation mit Deutschland. Quirno betonte, Argentinien arbeite zwar auch mit den USA an verlässlichen und zukunftsfesten Wertschöpfungs- und Versorgungsketten, verfüge aber über genügend Ressourcen, um die westlichen Industriestaaten insgesamt mit kritischen Rohstoffen zu versorgen. Wadephul stellte zugleich klar, dass Deutschland sich dabei nicht in Konkurrenz zu den USA sehe.

Freiheitskämpfer gewürdigt, weitere Termine in Buenos Aires

Zum Auftakt seines Besuchs legte Wadephul am Denkmal für den Freiheitskämpfer José de San Martín einen Kranz nieder. Der Anführer aus den Unabhängigkeitskriegen des 19. Jahrhunderts steht in Argentinien bis heute für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Am Nachmittag stand für den Außenminister außerdem ein Besuch im Stadion des Fußballklubs River Plate auf dem Programm. Geplant war zudem ein Termin an der Gedenkstätte Parque de la Memoria, die an die Opfer der Militärdiktatur erinnert.

Brasilien-Besuch wohl ohne alten Streit

Im weiteren Verlauf seiner Südamerikareise will Wadephul am Donnerstag und Freitag nach Brasilien weiterreisen. Dort dürfte die Verstimmung über die umstrittenen "Stadtbild"-Äußerungen von Kanzler Merz aus dem vergangenen November inzwischen weitgehend abgeklungen sein.

Merz hatte sich nach der Weltklimakonferenz über die arme Amazonas-Stadt Belém in einer Weise geäußert, die in Brasilien vielfach als herablassend verstanden wurde. Auch Präsident Luiz Inácio Lula da Silva kritisierte den Kanzler damals. Später näherten sich beide Seiten beim G20-Gipfel in Johannesburg wieder an.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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