Hitlers Geburtshaus in Braunau ist nun Polizeistandort
Das Geburtshaus Adolf Hitlers im oberösterreichischen Braunau am Inn wird jetzt von der Polizei genutzt. Mit der neuen Funktion will die Republik Österreich verhindern, dass das Gebäude nahe der deutschen Grenze weiter ein Anziehungspunkt für Rechtsextreme bleibt. Der Umbau dauerte mehrere Jahre und kostete rund 20 Millionen Euro.
Vor Ort gibt es trotzdem Skepsis, ob sich damit wirklich jede problematische Aufmerksamkeit erledigt hat. „Die Neugierigen werden zu Hitlers Geburtstag aber immer noch kommen“, sagte eine 66-jährige Frau, die mit Bekannten aus Aachen vor dem Haus stand und ihren Namen nicht nennen wollte.
Welche Bedeutung hat das Gebäude?
In dem Haus wurde Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren. Seine Familie blieb dort allerdings nur wenige Monate und zog danach innerhalb Braunau weiter, bevor sie zeitweise auch in Passau lebte. Das Areal mit Nebengebäuden und Innenhof umfasst rund 3.000 Quadratmeter und war lange in Privatbesitz.
Künftig arbeiten dort Dienststellen der Polizeiinspektion und des Bezirkspolizeikommandos. Nach Angaben der Behörden werden rund 50 Beamtinnen und Beamte an dem Standort Dienst tun.
Warum wurde das Haus umgebaut?
Bis 2011 war in dem Gebäude unter anderem eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung untergebracht. Weil die Eigentümerin einem nötigen Umbau wegen geänderter Anforderungen nicht zustimmte, folgte ein längerer Rechtsstreit. 2017 wurde das Areal schließlich enteignet.
Eine Expertenkommission sprach sich weder für einen Abriss noch für ein Museum aus. Empfohlen wurde stattdessen eine bauliche Umgestaltung mit möglichst geringem Wiedererkennungswert, damit der Ort für die rechtsextreme Szene seinen Symbolwert verliert.
Aus Sorge, dass Bauteile oder Schutt als NS-Andenken gesammelt werden könnten, wurde die Baustelle besonders überwacht. Der Bauschutt wurde direkt vor Ort zerkleinert und mit anderem Material vermischt. Nach Angaben des Chefhistorikers des Innenministeriums, Stephan Mlczoch, wurde das Material anschließend an einem unbekannten Ort gelagert.
Wie stark war die Anziehungskraft auf Neonazis?
Der Geburtsort des späteren Diktators zog immer wieder Einzelpersonen oder kleine Gruppen aus dem rechtsextremen Umfeld an. So wurden am 20. April 2024 laut Berichten zwei deutsche Paare registriert, die Blumen in Fensternischen ablegten, dort für Fotos posierten und bei denen einer Frau ein Hitlergruß vorgeworfen wird. Bereits 2021 soll ein damals 57-jähriger Mann aus Berlin vor dem Haus einen Kranz niedergelegt haben.
Aus Sicht des Staates sind aber nicht nur solche offenen Vorfälle problematisch. Als besonders heikel gelten Besucher, die aus neonazistischen Motiven anreisen, ohne dabei sofort aufzufallen.
Was hat sich nun verändert?
Das Gebäude sieht heute architektonisch deutlich anders aus als früher. Genau das war politisch gewollt: Das Haus soll nicht mehr als identitätsstiftender Ort für Neonazis wahrgenommen werden.
Zugleich gilt die Nutzung als Polizeidienststelle als entscheidender Vorteil. Das Haus wird videoüberwacht, und Polizeikräfte sind ständig vor Ort. Wer sich verdächtig vor dem Gebäude aufhält, werde kontrolliert und angesprochen, sagte Bezirkspolizeikommandant Stefan Haslberger.
Ein vergleichbares Beispiel gibt es auch in München: Dort wird Hitlers frühere Neun-Zimmer-Wohnung am Prinzregentenplatz seit vielen Jahrzehnten als Polizeiwache genutzt.
Gibt es Kritik an der Lösung?
Ja. Einige Fachleute hätten sich an diesem Ort eine deutlich offensivere Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und den Verbrechen des Regimes gewünscht. Auch weiterhin gibt es Forderungen, zumindest eine mehrsprachige Informationstafel in der Nähe des Hauses anzubringen.
Der Historiker Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins für Zeitgeschichte Braunau, bezeichnete das als das Mindeste. Bislang erinnert vor allem ein 1989 errichteter Gedenkstein vor dem Gebäude an die NS-Herrschaft. Der Stein stammt aus dem Steinbruch des Konzentrationslagers Mauthausen und trägt die Inschrift: „Für Frieden Freiheit und Demokratie – Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“.
Auch Braunaus Bürgermeister Johannes Waidbacher räumt ein, dass es in dieser Frage kaum eine Lösung mit vollständiger Zustimmung geben dürfte. Eine Regelung, die allen gerecht werde, sei kaum vorstellbar.
Wie wird andernorts mit dem NS-Erbe umgegangen?
Als häufig genanntes Beispiel gilt Nürnberg, einst Stadt der Reichsparteitage der Nationalsozialisten. Das dortige Dokumentationszentrum wird international beachtet, weil es die NS-Architektur nicht verherrlicht, sondern historisch einordnet.
Nach Angaben der Stadt kommen jedes Jahr rund 300.000 Menschen aus aller Welt dorthin, um sich über die NS-Vergangenheit zu informieren. Gerade weil kaum noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen leben, gewinnen solche authentischen Orte und ihre Einordnung an Bedeutung.
Für welche Verbrechen stehen Hitler und das NS-Regime?
Adolf Hitler war verantwortlich für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, in dem mindestens 60 Millionen Menschen starben. Besonders hohe Verluste erlitt die damalige Sowjetunion. Im Holocaust ermordeten die Nationalsozialisten aus rassistischen und antisemitischen Motiven rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden sowie zahlreiche weitere Verfolgte aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Minderheiten.
Nach Kriegsende wurden in den Nürnberger Prozessen mehrere führende Nationalsozialisten zum Tode verurteilt. Hitler selbst entzog sich dem, indem er sich im April 1945 im Führerbunker kurz vor dem Ende des Krieges das Leben nahm.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber