Trotz zahlreicher Reformen bleibt das deutsche Bildungssystem unter Druck. Der nationale Bildungsbericht zeigt zwar, dass sinkende Geburtenzahlen in den kommenden Jahren für weniger Kinder in Kitas und Schulen sorgen dürften. Von einer spürbaren Entlastung kann aber keine Rede sein: Sprachdefizite, soziale Ungleichheiten, der Ausbau von Ganztagsangeboten sowie der Umgang mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz halten das System weiter in Atem.
Mitautor Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sprach bei der Vorstellung des Berichts „Bildung in Deutschland 2026“ in Berlin von mehreren Herausforderungen, die sich überlagern und gegenseitig verstärken. Vieles sei in den vergangenen Jahren ausgebaut worden, etwa die frühe Bildung und die Ganztagsbetreuung. Was weiter fehle, sei jedoch eine abgestimmte Steuerung.
Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien machte deutlich, dass die Probleme nicht allein von Schulen gelöst werden könnten. Bildung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der Familien, Kitas, Kindertagespflege und Kinder- und Jugendhilfe gleichermaßen beteiligt seien.
Kitas: Weniger Kinder, aber weiter hoher Bedarf
In Kitas werden die Folgen des Geburtenrückgangs inzwischen deutlich sichtbar. Laut Bericht ist 2024 erstmals die Zahl der betreuten Kinder in Deutschland gesunken. In Ostdeutschland läuft diese Entwicklung bereits seit 2020, nun ist sie auch bei den unter Dreijährigen in Westdeutschland angekommen.
Trotzdem bedeutet das keine echte Entspannung. Der Anteil der Kinder eines Jahrgangs, die tatsächlich betreut werden, steigt weiter leicht an. Gerade bei den unter Dreijährigen gibt es vielerorts nach wie vor zu wenige Plätze, zudem unterscheiden sich die Bedingungen regional stark.
Prien bezeichnete die frühkindliche Bildung als entscheidend für die gesamte Bildungslaufbahn. Sie warb erneut für verbindliche Sprachtests und frühe Sprachförderung bereits im Kitaalter. Dazu wolle sie noch vor der Sommerpause einen Gesetzentwurf vorlegen.
Grundschulen: Rückgang ab 2027/28 erwartet
Auch an den Grundschulen rechnen die Autorinnen und Autoren mittelfristig mit sinkenden Schülerzahlen. Ursache sind neben dem Geburtenrückgang auch eine abnehmende Fluchtmigration. Ab dem Schuljahr 2027/28 wird diese Entwicklung zunächst im Primarbereich erwartet, später dann auch in den weiterführenden Schulen.
Doch auch hier fallen die Belastungen nicht automatisch weg. Der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung und Betreuung im Grundschulalter greift bereits ab dem kommenden Schuljahr zunächst für Erstklässler. Damit steigen Personal- und Ausstattungsbedarfe weiter. Zugleich bleibt die Nachfrage vieler Eltern nach Ganztagsangeboten hoch und kann vielerorts noch immer nicht vollständig gedeckt werden.
Schulbildung: Leistungen sinken, Chancen bleiben ungleich
Der Bericht „Bildung in Deutschland“, der seit 20 Jahren im Zweijahresrhythmus erscheint und als umfassende Bestandsaufnahme von der frühen Bildung bis zur Hochschule gilt, bestätigt erneut zwei zentrale Probleme: Die Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften gehen insgesamt zurück. Außerdem hängen Bildungschancen in Deutschland weiterhin stark vom Elternhaus ab.
Zu viele junge Menschen verfehlen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren grundlegende Kompetenzstandards und Abschlüsse. Laut Bericht ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss auf acht Prozent der entsprechenden Altersgruppe gestiegen. Das sei nicht hinnehmbar, betonte Prien.
Maaz warnte, dass sich darin langfristige strukturelle Defizite des deutschen Bildungssystems zeigten. Um Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft zu verringern, haben die Länder für die Jahre 2024 bis 2026 insgesamt 347 Maßnahmen beschlossen, auf Bundesebene kamen 13 weitere Maßnahmen hinzu. Aus Sicht des Berichts reicht das jedoch nicht aus, wenn es an einem koordinierten Vorgehen und klaren Zielen fehlt.
Berufsbildung: Tiefstand bei Ausbildungsabschlüssen
Auch im Bereich der beruflichen Bildung zeigt der Bericht Probleme auf. Die Zahl der Ausbildungsplätze sinkt, zugleich finden suchende Betriebe und Bewerber oft nicht zusammen. Hinzu kommen mehr abgebrochene Ausbildungen und nicht bestandene Prüfungen. Mit rund 492.000 erfolgreichen Ausbildungsabschlüssen wurde zuletzt ein neuer Tiefstand erreicht.
Hochschulen: Erst mehr Studienanfänger, später demografischer Effekt
An den Hochschulen dürfte die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger laut Bericht zunächst weiter steigen und voraussichtlich den bisherigen Höchststand von 520.000 übertreffen. Erst danach werde sich der demografische Wandel auch dort stärker bemerkbar machen.
Zugleich verweist der Bericht auf die wachsende Bedeutung internationaler Studierender für den Fachkräftebedarf in Deutschland. Schon heute entfallen 29 Prozent aller Master- und Promotionsabschlüsse in den MINT-Fächern auf ausländische Studierende – vorausgesetzt, sie bleiben nach dem Abschluss im Land.
Digitalisierung und KI als zusätzliche Herausforderung
Ein weiteres Schwerpunktthema ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren verändert KI das Lernen und Lehren grundlegend. Digitalisierung sei deshalb längst nicht mehr nur eine Frage der technischen Ausstattung. Es gehe vielmehr darum, Lernen, Wissenserwerb und Bildung im Zeitalter von KI neu zu durchdenken.
Insgesamt zeichnet der Bildungsbericht das Bild eines Systems, das trotz einzelner Reformfortschritte weiter mit tief sitzenden Problemen ringt. Weniger Kinder in Kitas und Schulen könnten zwar perspektivisch etwas Druck aus dem System nehmen – viele der zentralen Herausforderungen bleiben jedoch bestehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion