Politik

104. Katholikentag – was jetzt wirklich bleibt

Hat die Kirche noch Einfluss – oder ringt sie nur mit sich selbst? Was vom 104. Katholikentag wirklich bleibt.

17.05.2026, 04:00 Uhr

Die Lieder sind verklungen, der Weihrauch ist verflogen, die prominenten Gäste wieder abgereist. Nach fünf Tagen mit rund 74.000 Besuchern stellt sich nach dem 104. Katholikentag in Würzburg die Frage: Welche Impulse bleiben?

Wird die katholische Stimme noch gehört?

Wenn ein Papst in Rom die Kriegspolitik der USA kritisiert, findet das weltweit Gehör. Doch wie groß ist die Wirkung kirchlicher Stimmen in Deutschland, wenn sie Sozialabbau anprangern oder den Umgang mit Geflüchteten kritisieren? Rund um den Katholikentag hatten Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) und weitere Unionspolitiker gefordert, die Kirche solle sich stärker auf Spiritualität und weniger auf Tagespolitik konzentrieren.

Gerade der Konflikt zwischen Papst Leo XIV. und US-Präsident Donald Trump zeigt aus Sicht vieler Teilnehmer aber, dass kirchliche Einmischung auch jenseits des politischen Alltagsbetriebs Wirkung entfalten kann. Die Theologin Marianne Heimbach-Steins verwies darauf, dass der Papst immer wieder auf die Grundlinien des Evangeliums zurückkomme.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, nannte den Papst einen „unerschrockenen Anwalt des Friedens“ – auch dann, wenn Mächtige versuchten, ihn lächerlich zu machen. Zugleich bekräftigte Wilmer seinen Satz: Das Evangelium sei „Politik pur“.

Dennoch bleibt das Grundproblem bestehen: Wie kann die Kirche bei anhaltend hohen Austrittszahlen gesellschaftlich relevant bleiben? In vielen Regionen sind katholische und evangelische Christen längst in der Minderheit. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sieht darin aber kein entscheidendes Hindernis. Wichtig sei vor allem, dass Menschen eine klare Position hörten – unabhängig davon, wie groß die Kirche noch sei.

Die Reformer brauchen Geduld

Mit einer Menschenkette machten Reformgruppen in Würzburg erneut Druck für Veränderungen in der katholischen Kirche. Im Zentrum stand vor allem die Forderung, Frauen den Zugang zu Weiheämtern zu ermöglichen. Für viele Reformorientierte wäre eine katholische Bischöfin ein historischer Schritt, für konservative Kreise bleibt das kaum vorstellbar.

Wie groß die Sehnsucht nach Bewegung in dieser Frage ist, zeigte sich auch beim Schlussgottesdienst: Als Katrin Brockmöller, Direktorin des katholischen Bibelwerks, an die biblische Apostelin Junia erinnerte, gab es starken Applaus.

Schon beim vergleichsweise kleineren Reformprojekt einer deutschen Synodalkonferenz ist jedoch Geduld gefragt. In diesem Gremium sollen Bischöfe und Laien künftig gemeinsam beraten und entscheiden. Doch nicht alle Bischöfe unterstützen das Vorhaben, und aus Rom gibt es bislang keine klare Linie. Wilmer zeigte sich in Würzburg zwar zuversichtlich, bat aber um Geduld. Das Thema „Frauen in Diensten und Ämtern“ bleibe weiter auf der Tagesordnung.

Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), machte zugleich deutlich, wie hoch der Einsatz ist: Ein Stoppsignal aus dem Vatikan wäre aus ihrer Sicht katastrophal.

Wer gehofft hatte, vom Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Mario Grech, in Würzburg konkrete Aussagen zu den deutschen Reformplänen zu hören, wurde enttäuscht. Seine Äußerungen blieben allgemein.

Die große Wunde: der Missbrauchsskandal

Schon kurz vor Beginn des Katholikentags hatte Stetter-Karp vor wachsender Gleichgültigkeit beim Thema Missbrauch gewarnt. Sie beklagte eine zunehmende Müdigkeit – nicht nur in der Kirche, sondern auch in Medien und Gesellschaft. Immer häufiger werde gefragt, wann dieses Thema endlich erledigt sei.

In Würzburg blieb der Missbrauchsskandal dennoch sichtbar präsent, sowohl in Diskussionsforen als auch in einer Kunstinstallation. Kritische Töne kamen auch aus der Politik. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, die Kirche sei nach Bekanntwerden des Skandals nur schwer in die Gänge gekommen.

Der Würzburger Bischof Franz Jung betonte bei einer Podiumsdiskussion dagegen, er hätte sich mehr staatliches Engagement bei der Aufarbeitung gewünscht. Das hätte auch die Kirche entlasten können.

Klimaschutz rückte wieder ins Blickfeld

Klimaschutz war vor einigen Jahren eines der beherrschenden Themen, ist in vielen öffentlichen Debatten inzwischen aber in den Hintergrund gerückt – teils wird er politisch sogar offen zurückgewiesen. Beim Katholikentag spielte die Klimapolitik dennoch eine wichtige Rolle.

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer lobte ausdrücklich, dass Bundeskanzler Friedrich Merz in Würzburg endlich einmal gezielt zur Klimapolitik befragt wurde. Das sei überfällig gewesen.

Auch ZdK-Präsidentin Stetter-Karp kritisierte, dass Nachhaltigkeit in der aktuellen Bundesregierung zu wenig Raum bekomme. Umso wichtiger sei es, weiter darüber zu sprechen. Wilmer unterstrich in einem Fernsehinterview, die Kirche müsse Anwältin der Erde sein. Sie müsse den „Schrei der Schöpfung“ hören und aufmerksam bleiben, wenn verantwortungslos mit der Umwelt umgegangen werde.

Extreme Kräfte – nicht eingeladen, aber trotzdem Thema

Vertreter und Mandatsträger der AfD waren zum offiziellen Programm des Katholikentags nicht eingeladen. Inhaltlich war die Partei dennoch präsent. Wilmer sagte, angesichts nationalistischer Aussagen der AfD, die an die dunkelsten Kapitel der Geschichte erinnerten, könne die Kirche nicht schweigen.

Auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) äußerte sich klar und bezeichnete die AfD mit Blick auf ihr Programm für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als sehr kirchenfeindlich. ZdK-Generalsekretär Marc Frings mahnte mit Blick auf die anstehenden Wahlen im Herbst, es gehe um sehr viel.

Über viele Debatten hinweg zog sich die Sorge vor wachsender gesellschaftlicher Spaltung und dem Erstarken extremistischer Kräfte. Stetter-Karp formulierte den Appell, der von Würzburg ausgehen solle, so: In einer Zeit, in der Ressentiments salonfähig würden, müsse es heißen: „Hab Mut! Steh auf! Erhebe deine Stimme gegen diese unheilvollen Entwicklungen.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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