Circus Roncalli feiert 50 Jahre – Bernhard Paul blickt auf ein Lebenswerk
Akrobaten schweben unter der Zirkuskuppel, Clowns spielen schiefe Töne, aus farbenprächtigen Kostümen werden riesige Blütenformen, dazu liegt der Duft von Popcorn in der Luft: Im Circus Roncalli taucht das Publikum für rund zweieinhalb Stunden in eine märchenhafte Gegenwelt ein. „Das ist einer der wenigen Plätze, an denen kleine Kinder und Intellektuelle zusammen lachen“, sagt Direktor Bernhard Paul bei der Begrüßung in Köln. In seiner Heimatstadt und am Stammsitz begeht der Zirkus auch sein 50-jähriges Bestehen.
Wenige Tage zuvor sitzt Paul in seinem mit allerlei Sammlerstücken und Kuriositäten gefüllten Haus auf dem Gelände des Winterquartiers in Köln-Mülheim. Im Gespräch erinnert sich der 78-Jährige mit der markanten Mähne an den 18. Mai 1976 zurück, als Roncalli in Bonn zum ersten Mal auftrat.
Am Tag der Premiere wurde noch gearbeitet
Paul sagt, er habe die damaligen Eindrücke bis heute exakt im Kopf: die Menschen, den Geruch von Sägespänen, die Stimmung. Für ihn sei der Moment kaum fassbar gewesen. Schon als Kind habe er davon geträumt, einen eigenen Zirkus zu schaffen – und plötzlich sei dieser Traum Wirklichkeit geworden. Fertig geworden sei damals alles in letzter Minute: Selbst am Tag der Uraufführung habe er noch den Kassenwagen gestrichen. Die vielen Gefühle hätten ihn beinahe überwältigt.
Seine Kindheit in Österreich beschreibt Paul nicht als leicht. Wegen seiner roten Haare, der Sommersprossen und der Brille sei er oft verspottet worden. Wenn jedoch ein Zirkus in seiner Heimatstadt Station machte, sei das für ihn eine Art Zuflucht gewesen. Die Kinder der Artisten hätten mit ihm die Schule besucht, er sei zum Essen eingeladen worden, und der als Clown geschminkte Vater habe mit am Tisch gesessen. Damals habe er zum ersten Mal gespürt, wo er eigentlich hingehöre.

Nach schwierigen Jahren gelingt in Köln der Neuanfang
Nach dem Studium des Grafikdesigns gab Paul seinen Beruf als Art Director auf, um den Kindheitstraum zu verwirklichen. Gemeinsam mit dem Multimediakünstler André Heller entwickelte er ein Konzept, das klassischen Zirkus mit Poesie und absurdem Theater verband. Doch kurz nach dem vielversprechenden Beginn in Bonn kam es zum Zerwürfnis, und die beiden trennten sich im Streit.
Für Paul folgten harte Jahre. Erst mit Unterstützung des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger als Geldgeber kam die Wende. 1980 gelang Roncalli in Köln mit dem Programm „Reise zum Regenbogen“ der Neustart.
Nostalgie, Romantik und ein eigener Stil
Im Unterschied zu vielen anderen Zirkussen setzte Paul früh auf eine ganz eigene Handschrift: nostalgisch, verspielt und romantisch. Zirkuswagen wurden mit goldenen Verzierungen geschmückt, ein ausgefeiltes Lichtkonzept entwickelt, Artisten erhielten maßgeschneiderte Kostüme, und ein Orchester sorgte für den passenden Klang. Neben spektakulären Nummern fanden auch poetische Momente Platz im Programm. Jahrelang war etwa der Schweizer Pantomime Pic mit seiner „Seifenblasen-Poesie“ einer der großen Publikumslieblinge.
Roncalli wuchs schnell und machte sich auch außerhalb Deutschlands einen Namen. 1986 gastierte der Zirkus als erstes westliches Unternehmen dieser Art in Moskau. Später folgten Auftritte in Sevilla, Brüssel, Amsterdam und schließlich New York. Einen Wunsch hat Paul dennoch bis heute: Ein Gastspiel in Paris.
Prominente zog es immer wieder in die Manege
Schon früh war Roncalli ein Anziehungspunkt für bekannte Persönlichkeiten – nicht nur im Zuschauerraum, sondern teilweise auch im Programm. So sang Schauspieler Heinz Rühmann dort 1984 sein „Lied vom Clown“. Zwei Jahre später trat die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth nach einer verlorenen Wette bei „Wetten, dass..?" als Clown auf. 2010 stand auch der frühere Bayern-Präsident Uli Hoeneß in der Manege und verkörperte einen Ritter.
Seit 2018 verzichtet Roncalli vollständig auf Tiere
Zu Beginn gehörten bei Roncalli noch Raubkatzen zum Repertoire. In den 1990er Jahren verabschiedete sich der Zirkus jedoch von Löwen und Tigern, 2018 folgten auch Pferde und Ponys. Für Paul war klar, dass Tiernummern nicht mehr in die Zeit passten. Die anhaltenden Proteste von Tierschützern hätten gezeigt, dass dieses Kapitel beendet sei.
Viele andere Zirkusunternehmen halten dagegen weiterhin an Tierdressuren fest. Ralf Huppertz, Vorsitzender des Verbands deutscher Circusunternehmen, betont, Tiere seien ein klassischer Bestandteil des Zirkus. Das Wohl der Tiere werde durch Kontrollen der Veterinärämter an jedem Gastspielort überprüft. Nach seiner Schätzung gibt es in Deutschland noch rund 250 Zirkusbetriebe.
Clowns stehen im Zentrum – auch wegen Bernhard Paul
Seit der offizielle Name Circus-Theater Roncalli lautet und Tiernummern der Vergangenheit angehören, liegt der Fokus noch stärker auf Akrobatik und vor allem auf Clowns. Letztere spielten bei Roncalli von Anfang an eine zentrale Rolle – auch, weil Paul selbst eine besondere Leidenschaft dafür hat. Er sagt von sich, er habe immer Clown sein wollen. Früher stand er oft selbst als „Zippo“ in der Manege. Der italienische Ausnahmeclown Francesco Caroli gehörte bis kurz vor seinem Tod mehrere Jahre zum Ensemble, Weißclown „Gensi“ alias Fulgenci Mestres ist bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten Teil von Roncalli.
Aus dem Zirkus wurde ein breit aufgestelltes Unternehmen
Längst ist aus Roncalli weit mehr als nur ein reisender Zirkus geworden. Heute gehört dazu ein größeres Eventgeschäft mit mehreren Bereichen, darunter das Düsseldorfer Apollo-Varieté. Zudem organisiert das Unternehmen Weihnachtsmärkte, etwa in Hamburg und Hannover, und produziert weitere Shows mit unterschiedlichen Künstlern.
An Ruhestand denkt Bernhard Paul weiterhin nicht. Solange er gesund sei und einen klaren Kopf habe, wolle er weitermachen, sagt er. Auch die Zukunft des Unternehmens ist aus seiner Sicht gesichert: Seine drei Kinder Adrian, Vivian und Lili arbeiten bereits mit und sollen eines Tages das Werk ihres Vaters fortführen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion