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Warum Salzburgs neues Handke-Stück fesselt

Was macht Handkes neues Stück so besonders? Zwei Stars tragen seinen Gedanken-Spaziergang zu einer umjubelten Premiere.

28.07.2026, 06:47 Uhr

Als Peter Handke am Ende des Abends auf die Bühne kommt, steht das Premierenpublikum auf. Langer Beifall brandet auf, dazwischen sind vereinzelte Bravo-Rufe zu hören. Der österreichische Literaturnobelpreisträger, dessen Werk seit jeher kontrovers diskutiert wird, wendet sich Jens Harzer zu und umarmt ihn sichtbar bewegt. Der Eindruck liegt nahe: Handke zollt ihm große Anerkennung. Denn Harzer und Marina Galic, seine Bühnenpartnerin und Ehefrau, tragen das neue Stück „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ mit bemerkenswerter Intensität.

Erwartete Uraufführung bei den Salzburger Festspielen

Die Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen, entstanden gemeinsam mit dem Berliner Ensemble, war mit besonderer Spannung erwartet worden. Handke, inzwischen 83 Jahre alt, bleibt auch in diesem 2025 erschienenen Text seiner eigenen Form treu. Das Werk folgt keiner klassischen Handlung. Der Suhrkamp Verlag beschreibt es als ein Bühnenstück ohne Sprecherwechsel, als Drama ohne herkömmliche Struktur und als Lied ohne Refrain.

Aus dem Monolog wird ein Duett

Regisseur Jossi Wieler, der wie Jens Harzer seit Langem mit Handkes Texten vertraut ist, verwandelt den Stoff mit leichter Hand in ein Zwei-Personen-Stück. Aus dem monologischen Grundton und den eingestreuten Selbstgesprächen entsteht auf der Bühne ein präzises Zusammenspiel zwischen Harzer und Galic. Beide spielen mit Ernst, aber auch mit einer auffallenden Leichtigkeit. Vor allem Harzer gelingt es, den im Text eher verborgenen Witz sichtbar zu machen und ihm auf der Bühne komödiantische Konturen zu geben.

Peter Handke kam zur Uraufführung seines neuen Stücks
«Schnee von gestern, Schnee von morgen» handelt von den Gedanken eines Flaneurs. Quelle: Bernd Weißbrod/dpa

Diese Zurückhaltung entspricht auch dem Ton des Stücks, das eher zu Gelassenheit als zu Zuspitzung rät. Dramatisiert werden soll nichts mehr – das Drama, so scheint der Text zu sagen, ist ohnehin längst im Gang.

Gedankengänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Schon der Untertitel – „Das Lautwerden des einen Kreuz- und Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“ – macht deutlich, dass Handke dem Publikum einiges an Konzentration abverlangt. Wer dem Abend folgt, muss Freude an verschlungenen Gedankengängen mitbringen, an Überlegungen über Vergangenes, Gegenwärtiges und Kommendes. Der zentrale Spaziergänger weiß um die eigene Endlichkeit. Das Stück kreist immer wieder um Vergänglichkeit und die Einsicht, dass selbst ein geglücktes Leben letztlich nicht zu gewinnen ist.

Handkes Auftrag an Markus Hinterhäuser

Den Text hatte Handke zunächst Markus Hinterhäuser überlassen, dem damaligen Intendanten der Salzburger Festspiele. Bei der Präsentation des Festivalprogramms im Dezember 2025 erinnerte sich Hinterhäuser daran, wie Handke ihn angerufen und von einem neuen Text erzählt habe. Er könne damit verfahren, wie er wolle, habe der Autor sinngemäß gesagt. Hinterhäuser ist inzwischen im Streit ausgeschieden, doch das diesjährige Festivalprogramm trägt noch deutlich seine Handschrift.

Zur Vorbereitung der Inszenierung reisten Wieler, Harzer und Galic zu Handke nach Chaville bei Paris. Wieler sprach später von einem gemeinsamen, offenen Erkunden des Stücks. Galic schilderte dabei auch den Alltag des Schriftstellers: Handke gehe täglich im Wald spazieren und kenne die Vögel, die ihm dort begegnen.

Sinnsuche im Wald und in der Sprache

Was der Autor auf diesen Wegen sieht, empfindet und denkt, hat er in dem rund 70 Seiten langen Text verdichtet. Immer wieder taucht darin auch die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. In spielerischen, teils skurrilen Aufzählungen fragt das Ich, wozu es eigentlich geboren sei – zu den unterschiedlichsten Rollen und Tätigkeiten, vom Schornsteinfeger bis zum Schuhlöffelsammler.

Die Bühne im Salzburger Landestheater bleibt weitgehend leer. Einige verstreute Möbelstücke liegen herum, eher als Material für das Spiel denn als bedeutungsvoller Teil eines konkreten Schauplatzes. Entscheidend sind nicht Dekor oder Ausstattung, sondern Sprache, Rhythmus und Präsenz der Darstellenden.

Vertraute Interpreten eines Handke-Texts

Harzer und Galic, beide Mitglieder des Berliner Ensembles, halten das Publikum über weite Strecken in Bann. Mit Handkes Werk sind sie seit Jahren eng vertraut und standen unter anderem bereits in „Immer noch Sturm“ auf der Bühne. Der 54-jährige Harzer zählt ohnehin zu den prägenden Schauspielern im deutschsprachigen Theater. Seit 2019 trägt er den Iffland-Ring, den ihm Bruno Ganz testamentarisch vermacht hatte. Einem breiteren Publikum ist Harzer zudem als Psychiater Anno Schmidt aus der Serie „Babylon Berlin“ bekannt.

Ein Perspektivwechsel zum Schluss

Gegen Ende hält der Text noch eine Wendung bereit. Die Perspektive verschiebt sich: An die Stelle des Ich-Erzählers tritt ein Beobachter, der mögliche Bilder vom weiteren Weg des Flaneurs entwirft. Mal scheint der Wanderer von Fichtenzweigen in den Wald gelockt zu werden, mal wird er auf dem Wochenmarkt mit einer schönen Frau gesehen, mal sitzt er als letzter Fahrgast im allerletzten Nachtbus. Und immer wieder taucht er nur noch schemenhaft auf – stolpernd quer durch eine Steppe, ohne dass jemand sagen könnte, wann genau er noch unterwegs war und wann nicht mehr.

So bleibt am Ende ein Abend, der weniger erzählt als denkt, weniger Handlung entwickelt als Wahrnehmung in Sprache verwandelt – und gerade darin seine Wirkung entfaltet.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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