Eine Woche nach der tödlichen Gewalttat in Stade laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft weiter auf Hochtouren. Viele Fragen zum Tod von sechs Menschen in der Jugendhilfeeinrichtung sind noch offen. In Untersuchungshaft sitzt bislang nur der 45 Jahre alte Hauptverdächtige.
Kein dringender Tatverdacht gegen Partnerin und Begleiterin
Gegen die 34-jährige Lebensgefährtin des mutmaßlichen Schützen und dessen Begleiterin sieht die Staatsanwaltschaft Stade derzeit keinen dringenden Tatverdacht. Das Verfahren werde zwar gegen alle drei wegen des Verdachts auf Mord geführt, die mögliche Beteiligung der beiden Frauen könne aber noch nicht abschließend bewertet werden, teilte die Behörde mit.
Seit vergangenem Montag werde untersucht, ob und in welcher Form die Frauen an der Tat beteiligt gewesen sein könnten. Welcher konkrete Tatvorwurf sich daraus ergeben könnte, sei nach Angaben von Sprecherin Julia Pirk bislang offen.
Hauptverdächtiger in U-Haft
Der 45-Jährige mit türkischer Staatsangehörigkeit sitzt wegen des Verdachts des sechsfachen Mordes in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in der Stadt westlich von Hamburg vier Frauen und zwei Männer getötet zu haben. Anlass des Treffens soll ein Gespräch über das Sorgerecht für sein drei Monate altes Kind gewesen sein.
Nach bisherigen Erkenntnissen stammt der Mann aus dem Raum Hannover. Der genaue Ablauf der Schüsse in der Einrichtung werde weiterhin rekonstruiert. Unter den Toten sind den Angaben zufolge drei Mitarbeiter aus der Region Hannover sowie drei Menschen, die in der Einrichtung in Stade arbeiteten.
Frühere Vorwürfe und internationale Anfragen
Berichte, wonach der Verdächtige bereits in der Türkei in Haft gesessen haben soll, wollte die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Zu möglichen Vorverurteilungen des mutmaßlichen Schützen lägen derzeit keine gesicherten Erkenntnisse vor, hieß es. Die offiziellen Wege der internationalen Zusammenarbeit in Strafsachen seien inzwischen aufgenommen worden. Ob ein Auslieferungsantrag eine Rolle spielen könnte, ist nach Angaben der Behörde derzeit nicht bekannt.
Unabhängig davon führt die Staatsanwaltschaft Hannover ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen den Mann. Er soll am 22. April im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter wegen eines Schütteltraumas an der Medizinischen Hochschule Hannover Ärzten gegenüber aggressiv geworden sein und ihnen verbal gedroht haben.
Sorgerechtsstreit um das Baby noch nicht entschieden
Im Streit um das Sorgerecht für das Kind steht zudem noch eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle aus. Beide Elternteile hatten Beschwerde gegen ein familiengerichtliches Eilverfahren des Amtsgerichts Neustadt am Rübenberge eingelegt.
Das Amtsgericht hatte unter anderem angeordnet, dass die Mutter und ihre Tochter gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Außerdem wurde den Eltern die Gesundheitssorge entzogen.
Rolle der Begleiterin weiter unklar
Nach bisherigen Erkenntnissen soll die Begleiterin des Mannes den Fluchtwagen gefahren haben. Dabei handelt es sich nach Medienberichten um die Schwiegermutter des niedersächsischen Migrationsbeauftragten Deniz Kurku. Die 65-Jährige soll eine enge Verbindung zur Familie des Verdächtigen haben; Berichten zufolge ist sie die Patentante des Kindes.
Ob die Frau von möglichen Tatplänen wusste und welche Rolle sie tatsächlich spielte, ist nach Angaben der Ermittler weiter unklar. Die Polizei stoppte das Fluchtauto mit Schüssen.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies stellte sich nach Bekanntwerden der mutmaßlichen Verwicklung hinter Kurku. Dieser habe richtig gehandelt, indem er den Sachverhalt offen gemacht habe; persönliche Schuld treffe ihn nicht, so Lies.
Debatte über Schutz von Beschäftigten
Die Kolleginnen und Kollegen der getöteten Mitarbeiter in Hannover wurden für diese Woche freigestellt. Jens Palandt, Erster Regionsrat der Region Hannover, sprach von einem schrecklichen und tragischen Einzelfall. Man werde alles tun, um Beschäftigte zu schützen, dürfe aber nicht in Aktionismus verfallen.
Mit Fragen des Kinderschutzes und mit Bedrohungslagen setze man sich regelmäßig auseinander. Gegen Einzeltäter gebe es jedoch keine Schutzstandards, die jede Tat verhindern könnten. Gleichwohl solle geprüft werden, was sich verbessern lasse.
Große Anteilnahme und hohe Spendensumme
Die Tat hat auch über Stade hinaus große Betroffenheit ausgelöst. Für zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren, deren Mutter bei der Gewalttat getötet wurde, wurden über die Plattform GoFundMe bis Wochenbeginn knapp 780.000 Euro gesammelt.
Dem Spendenaufruf zufolge hatten die beiden Kinder erst wenige Wochen zuvor bereits ihren Vater verloren. Über die getötete 32-Jährige heißt es dort, sie sei eine außergewöhnliche, liebevolle und starke Frau gewesen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber