Im Verfahren gegen die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette wegen schwerer Raubüberfälle und Verstößen gegen das Waffengesetz hat ein Opferanwalt für einen einzelnen Tatkomplex eine Freiheitsstrafe von elf Jahren gefordert. Nach seiner Auffassung soll die 67-Jährige für den Überfall auf einen Geldtransporter am 6. Juni 2015 in Stuhr bei Bremen wegen versuchten schweren Raubes verurteilt werden. Eine Bewertung als versuchten Mord, wie sie die Staatsanwaltschaft vertritt, lehnt der Jurist ab und folgt damit der Linie, die das Landgericht Verden im Prozess bereits erkennen ließ.
Der Anwalt vertritt den Fahrer des Geldtransporters, in dem sich damals rund eine Million Euro befanden. Drei bewaffnete Täter versuchten, an die Beute zu gelangen, dabei fielen Schüsse. Der Fahrer habe Todesangst ausgestanden und miterlebt, wie von außen in den Innenraum des Fahrzeugs geschossen wurde. Nach Angaben des Juristen ist der Mann bis heute traumatisiert und arbeitsunfähig.
Nebenklage verweist auf das Leid zahlreicher Betroffener
In seinem Plädoyer betonte der Nebenklagevertreter, dass mehr als 20 Menschen unmittelbar von den Überfällen betroffen gewesen seien, einige von ihnen litten bis heute unter den Folgen. Die Serie bewaffneter Taten habe erhebliches Leid verursacht. Das Motiv sei aus seiner Sicht eindeutig gewesen: Das Trio habe mit den Überfällen das Leben im Untergrund finanzieren wollen.
Mehrfach wandte sich der Anwalt direkt an die Angeklagte und warf ihr vor, dem Verfahren einen politischen Anstrich geben zu wollen. In dem Prozess gehe es jedoch nicht um ihre RAF-Vergangenheit, sondern um gewaltsame Raubtaten. Reue, Einsicht und Mitgefühl mit den Opfern vermisse er weiterhin. Zugleich sagte er, Klette tue ihm fast ein wenig leid, weil sie auf ihn wirke, als sei sie in sich selbst gefangen.
Klette hält ungewöhnlich lange eigene Verteidigungsrede
Im Anschluss sprach Klette selbst vor Gericht – ein für Angeklagte eher ungewöhnlicher Schritt. Mehr als eine Stunde lang nutzte sie den Gerichtssaal für eine politische Erklärung. Sie schilderte ihre Sicht auf die vorgeworfenen Taten, die weltpolitische Lage und ihr früheres Leben in der Illegalität. Nur im Untergrund habe für sie und andere radikale Linke die Möglichkeit bestanden, weiter zu existieren, sagte sie.
Dabei machte Klette deutlich, dass sie sich selbst als Opfer des politischen Systems sieht. Ihre rund 40 Unterstützer im Zuschauerraum reagierten nicht nur bei ihrer Begrüßung, sondern auch nach ihrem Vortrag mit Applaus und Jubel.
Politischer Rundumschlag im Gerichtssaal
In ihrer Rede griff Klette den Kapitalismus scharf an und bezeichnete ihn als Ursache vieler Übel. Es brauche dringend einen "Systemchange", sagte sie. Dem Staat warf sie Unterdrückung vor, außerdem forderte sie die Abschaffung von Gefängnissen. Wirklich frei könne man erst sein, wenn alle frei seien, erklärte sie.
Eine direkte Beteiligung an den angeklagten Überfällen räumte sie nicht ein. Zugleich verteidigte sie die Taten aber als notwendig, um das Leben im Untergrund zu finanzieren. Die Überfälle hätten nichts mit "Abenteuerlust" zu tun gehabt.
Klette äußert Bedauern – stellt Folgen aber auch infrage
Klette sagte, es tue ihr "wirklich sehr leid" und es sei zu bedauern, dass einige Geschädigte bis heute schwer unter den Geschehnissen litten. Nach eigenen Worten habe sie nicht gewusst, dass Geldboten und Kassenpersonal von ihren Arbeitgebern nicht ausreichend psychologisch unterstützt würden.
Zugleich erklärte sie, sie habe nicht erwartet, dass Betroffene infolge der Überfälle schwere psychische Probleme entwickeln könnten. Indirekt stellte sie zudem die Frage, ob die vor Gericht geschilderten Belastungen tatsächlich allein auf die Taten zurückzuführen seien. Es gebe in der Gesellschaft viele Ursachen für Traumatisierungen, etwa Armut, Kriege, Rassismus, die Unterdrückung von Minderheiten und soziale Verhältnisse.
Prozess um acht Überfälle in Niedersachsen und NRW
Die in Berlin festgenommene Deutsche steht seit März 2025 in Niedersachsen vor Gericht. Nach Ermittlerangaben soll sie gemeinsam mit den mutmaßlichen Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub zwischen 1999 und 2016 maskiert und teils schwer bewaffnet Geldtransporter und Supermärkte überfallen haben. Insgesamt soll das Trio dabei mehr als 2,7 Millionen Euro erbeutet haben, um das Leben im Untergrund zu finanzieren.
Im Laufe des Prozesses wurden allerdings fünf Überfälle aus dem Verfahren herausgenommen. Verhandelt werden damit noch acht Taten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, bei denen laut Gericht insgesamt mehr als zwei Millionen Euro erbeutet wurden.
Die Staatsanwaltschaft fordert für Klette eine Haftstrafe von 15 Jahren wegen versuchten Mordes, schweren bandenmäßigen Raubes und Verstößen gegen Waffengesetze. Der Prozess wird an diesem Mittwoch fortgesetzt, dann sollen Klettes Verteidiger ihre Schlussvorträge halten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion