Massive Datenpanne nach Cyberangriff auf Berliner Verwaltung
Der Cyberangriff auf Teile der Berliner Verwaltung könnte deutlich größere Folgen haben als zunächst angenommen. Seit Freitag sind im Darknet rund 1,44 Millionen Dateien mit einem Gesamtvolumen von 5,8 Terabyte veröffentlicht worden. Beobachter sprechen von einem besonders schweren Vorfall, der nicht nur Berlin, sondern möglicherweise auch sicherheitsrelevante Bereiche in ganz Deutschland betrifft.
Zunächst war davon ausgegangen worden, dass vor allem persönliche Unterlagen betroffen seien, darunter gescannte Reisepässe, Arbeitsverträge, Bewerbungen und Krankmeldungen. Inzwischen mehren sich jedoch Hinweise, dass auch hochsensible Informationen abgeflossen sein könnten. Nach Medienberichten und Einschätzungen von IT-Experten geht es dabei womöglich um Daten mit Bezug zu kritischer Infrastruktur, Zivilschutz und Rüstungsunternehmen.
Scharfe Kritik aus der Politik
Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz bezeichnete den Fall im Handelsblatt als „echten Daten-Super-GAU“. Sollte sich herausstellen, dass Schutzmechanismen bewusst missachtet und notwendige Geheimschutzvorgaben nicht eingehalten wurden, seien aus seiner Sicht auch personelle Konsequenzen unvermeidbar.
Von Notz sieht in dem Vorfall womöglich den schwersten bislang bekannt gewordenen IT-Sicherheitsfall auf Landesebene. Er warnte vor erheblichen finanziellen Folgen und sagte, der Fall werde die Steuerzahler Millionen kosten. Zugleich warf er der Bundesregierung eine direkte Mitschuld vor.
Auch der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter äußerte sich alarmiert. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sprach er von einem Datenabfluss von gravierendem Ausmaß, der die nationale Sicherheit gefährde.
Hacker forderten 30 Bitcoin Lösegeld
Nach bisherigen Erkenntnissen verschafften sich die Täter zwischen dem 7. und 12. August unbemerkt Zugang zu Teilen des Berliner Landesnetzes und zogen dort Daten ab. Betroffen waren die Senatsverwaltungen für Bauen und Verkehr. Entdeckt wurde der Angriff am 14. August, drei Tage später informierte die Verwaltung die Öffentlichkeit.
Die Gruppe Rhysida forderte anschließend 30 Bitcoin als Lösegeld, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Berliner Senat zahlte nicht. Nach Ablauf ihres Ultimatums stellten die Angreifer die Daten online. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte, die Gruppierung gelte als kriminell und handele aus finanziellen Motiven.
Überblick über das Ausmaß fehlt weiter
Wegen der enormen Datenmenge ist bislang unklar, was genau veröffentlicht wurde. Jochim Selzer, Sprecher des Chaos Computer Clubs, erklärte, die Auswertung sei nicht einfach per Stichwortsuche möglich. Nach seinen Recherchen finden sich unter den Dateien neben personenbezogenen Daten auch sensible Angaben zur Berliner Wasserversorgung.
Der Tagesspiegel berichtet darüber hinaus von möglichen Informationen zu Heizkraftwerken, Tanklagern, Notstromanlagen, Umspannwerken, Gefängnissen, Wasserwerken sowie zu Rüstungsunternehmen und der Bundeswehr.
Experten warnen vor Identitätsdiebstahl und Missbrauch
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt, dass Betroffene nun Ziel von Identitätsdiebstahl und gezielten Phishing-Angriffen werden könnten. Noch schwerer wiegt die Gefahr, dass sicherheitsrelevante Informationen von fremden Mächten oder Terroristen missbraucht werden. Angaben zu kritischen Infrastrukturen, Unternehmen und Organisationen könnten je nach Sensibilität die Bedrohungslage deutlich verschärfen.
Der IT-Experte Manuel Atug wirft dem Land Berlin schwere Versäumnisse vor. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, Berlin habe grob fahrlässig gehandelt und Geheimschutzvorgaben vorsätzlich missachtet. Er zeigte sich darüber schockiert und verwies darauf, bereits 2023 und 2025 als Sachverständiger im Berliner Innenausschuss auf eklatante Sicherheitslücken hingewiesen zu haben.
Behörden und Sicherheitsorgane arbeiten an der Aufklärung
In Berlin wurde inzwischen eine zusätzliche Steuerungseinheit eingerichtet, die die Sichtung und Bewertung der veröffentlichten Daten koordiniert. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sind außerdem das BSI, das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Verfassungsschutz in die Aufarbeitung eingebunden. Im Gemeinsamen Cyberabwehrzentrum sollen die Erkenntnisse gebündelt und ausgetauscht werden.
Betroffene Bürgerinnen und Bürger, Beschäftigte und Unternehmen sollen laut Senatskanzlei je nach Risiko per Brief oder E-Mail kontaktiert und beraten werden.
Welche konkreten Datensätze im Einzelnen veröffentlicht wurden, teilte die Senatskanzlei zunächst nicht mit. Die forensischen Untersuchungen sowie die Ermittlungen laufen weiter. Die Bundeswehr kündigte an, nach Prüfung möglicher Risiken Maßnahmen zum Schutz der militärischen Sicherheit einzuleiten.
Auch die Berliner Landesregierung hat nach eigenen Angaben ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht. In zwei Wochen wird in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Die Wahlumgebung ist nach aktuellem Stand nicht betroffen, sagte Landeswahlleiter Stephan Bröchler.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber