Der Berliner SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach geht nach dem Bekanntwerden strafrechtlicher Ermittlungen weiter offensiv an die Öffentlichkeit. Auf einer Pressekonferenz wies der 47-Jährige den Verdacht persönlicher Bereicherung „mit aller Deutlichkeit“ zurück. Er habe „niemals privat Geld angenommen“ und auch als SPD-Vorsitzender in Berlin keine Spende angenommen. Zugleich bot er weitgehende Transparenz an und erklärte, Ermittler könnten bei Bedarf seine Konten einsehen. Er habe „nichts zu verbergen“.
Am späten Abend wies Krach die Vorwürfe erneut zurück. Sie träfen nicht zu, erklärte er. Er sei zuversichtlich, dass die Ermittlungen die Unbegründetheit der Vorwürfe ergeben würden. Nach seinen Angaben habe die Staatsanwaltschaft seinem Anwalt mitgeteilt, dass nur ein ihn betreffendes Ermittlungsverfahren geführt werde. Dabei gehe es nach seiner Darstellung um zwei Punkte: zum einen um eine Spende an den SPD-Landesverband Berlin, die er im Zusammenhang mit einem behördlichen Verfahren bei zwei Gelegenheiten gefordert haben soll, zum anderen um die behauptete unzulässige Weitergabe eines Bieterangebots als Geschäftsgeheimnis in einem Immobilienverfahren. Auch diese Vorwürfe nannte Krach unbegründet.
Wahlkampf soll unvermindert weitergehen
Trotz der Affäre will Krach seinen Wahlkampf ohne Abstriche fortsetzen. In den verbleibenden Tagen bis zur Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September werde er weiter um jede Stimme für die SPD kämpfen, kündigte er an. Nach seiner Stellungnahme trat er am Donnerstagabend zunächst bei einer Veranstaltung zur Berliner Bewerbung für die Expo 2035 auf. Später nahm er zudem an einer Podiumsdiskussion von „Fridays for Future“ mit Luisa Neubauer teil. Dort machte er deutlich, dass die Ermittlungen nichts an seinem Kurs änderten.
Zugleich räumte Krach ein, dass das Verfahren seinen inhaltlichen Wahlkampf massiv belastet. Eigentlich wolle er über politische Themen und die Herausforderungen für Berlin sprechen, sagte er. Das trete nun jedoch in den Hintergrund.
Unterstützung aus der Berliner SPD
Aus der eigenen Partei erhielt Krach Rückendeckung. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey sagte dem RBB, er habe die volle Solidarität und Unterstützung der Berliner SPD. „Wir stärken ihm in dieser Situation den Rücken“, machte sie deutlich.
Auch Fraktionschef Raed Saleh verteidigte ihn. Krach habe eine Geldspende aus Niedersachsen zurückgewiesen. Die Fraktion sehe darin weder politische noch strafrechtliche Relevanz und halte zudem den zeitlichen Zusammenhang mit demokratischen Wahlen für bedenklich.
Staatsanwaltschaft konkretisiert Vorwürfe
Die Staatsanwaltschaft Hannover hat sich inzwischen erstmals genauer zu den Vorwürfen geäußert. Nach Angaben der Behörde wird in zwei Fällen wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme ermittelt.
Darüber hinaus geht es in einem weiteren Fall um den Anfangsverdacht wettbewerbsbeschränkender Absprachen bei Ausschreibungen – in Tateinheit mit der Verletzung von Geschäftsgeheimnissen sowie der Verletzung der Geheimhaltungspflicht nach dem GmbH-Gesetz. Die mutmaßlichen Taten sollen sich während Krachs Zeit als Präsident der Region Hannover ereignet haben. Zugleich verweist die Behörde weiter auf die Unschuldsvermutung.
Durchsuchungen in Berlin und Hannover
Im Zuge der Ermittlungen wurden mehrere Objekte in Hannover und Berlin durchsucht. Betroffen waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft Krachs Büroräume in Hannover, seine Wohnung im Berliner Ortsteil Schöneberg sowie die SPD-Landesparteizentrale im Berliner Wedding. Die Behörde teilte nun auch mit, dass dabei Krachs Handy sichergestellt wurde.
Krach zeigte sich über den Zeitpunkt der Wohnungsdurchsuchung „überrascht“. Er wisse nicht, wonach dort gesucht worden sei, sagte er mit Blick auf Bereiche „unter den Betten“ seiner Kinder oder im Auto. Neben seinem Mobiltelefon seien auch ältere Handys der Familie sowie ein iPad mitgenommen worden. Einen vollständigen Überblick über die beschlagnahmten Gegenstände habe er derzeit nicht.
Spende im Fokus
Nach Darstellung Krachs geht es in der Sache um ein Vergabeverfahren zur Nachnutzung eines Klinikgeländes in der Region Hannover. In seiner Zeit als Regionspräsident war er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Klinik. Zwei Unternehmen bewarben sich um den Zuschlag. Eines davon überwies laut Krach noch während des laufenden Verfahrens 9.900 Euro an die Berliner SPD, deren kommissarischer Vorsitzender er damals bereits war.
Krach schilderte den Ablauf detailliert: Die Spende sei am 29. Dezember 2025 bei der Partei eingegangen. Am 7. Januar 2026 um 15.11 Uhr habe ihn der Landesgeschäftsführer darüber informiert. Bereits am 8. Januar um 6.45 Uhr, also keine 24 Stunden später, habe er per E-Mail angewiesen, die Spende nicht anzunehmen und sofort zurückzuüberweisen. Auf der Pressekonferenz hielt er dazu ein Schriftstück in die Kameras, das dies belegen solle.
Krach: Nicht an Vertragsverhandlungen beteiligt
Besonders heikel ist, dass Krach sich im Vergabeverfahren für genau dieses Unternehmen ausgesprochen hatte. Sein Ziel sei gewesen, auf dem Gelände ein Regionales Gesundheitszentrum aufzubauen, das er den Menschen vor Ort zugesagt habe. Das von ihm unterstützte Unternehmen habe dies garantiert und hohe Investitionen angekündigt. Am 19. Februar 2026 entschied der Aufsichtsrat jedoch anders und vergab den Zuschlag an den zweiten Bewerber. Krach erklärte, er habe sich bei der Abstimmung enthalten.
Direkt in die Vertragsverhandlungen sei er nie eingebunden gewesen, betonte er. Diese seien von der Geschäftsführung des Klinikums Region Hannover geführt worden. Mit dem Unternehmer selbst habe er keinen persönlichen Kontakt gehabt, versicherte Krach. Der letzte Austausch liege zwei bis zweieinhalb Jahre zurück. Während des laufenden Vergabeverfahrens habe es keinerlei persönlichen Kontakt gegeben; nicht einmal dessen Handynummer habe er.
Er unterstrich erneut, dass er keine Spende dieses Unternehmens angenommen habe. Der Vorwurf der persönlichen Bereicherung treffe ihn schwer, sagte Krach, weil er in seinen Jahren politischer Verantwortung stets klare Grenzen gezogen habe.
Behörde prüft mögliches Disziplinarverfahren
Neu hinzugekommen ist eine weitere Ebene: Die niedersächsische Kommunalaufsicht führt nach Angaben des Innenministeriums Vorermittlungen für ein mögliches Disziplinarverfahren gegen Krach. Ein Sprecher bestätigte, die Behörde habe am Mittwochnachmittag von den strafrechtlichen Ermittlungen erfahren. In solchen Fällen werde zunächst grundsätzlich geprüft, ob ausreichende Anhaltspunkte für weitere Schritte vorliegen.
Das Ministerium betonte, dass mit diesen Vorermittlungen keine Vorverurteilung verbunden sei und weiterhin die Unschuldsvermutung gelte. Sollte tatsächlich ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden, würde es nach Angaben des Sprechers voraussichtlich bis zum Abschluss der strafrechtlichen Ermittlungen und eines möglichen Urteils ruhen.
Wahlkampf unter Ermittlungsdruck
Die Ermittlungen treffen die Berliner SPD mitten im Wahlkampf. Krach war 2021 zum Präsidenten der Region Hannover gewählt worden und folgte im Sommer 2025 dem Ruf der Berliner SPD, um als Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl anzutreten. Seit dem 23. März dieses Jahres ist er von seiner Tätigkeit in Hannover beurlaubt. Inzwischen ist er auch Co-Vorsitzender der Berliner SPD.
Nach einer am Donnerstagabend veröffentlichten Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD kommt die SPD in Berlin auf zwölf Prozent – ein Punkt mehr als bei der vorherigen Erhebung vom 2. September. Die Daten wurden allerdings von Montag bis Mittwoch erhoben und damit zumindest überwiegend noch vor Bekanntwerden der Ermittlungen.
Auf Nachfragen vermied Krach eine direkte Bewertung des Vorgehens der Staatsanwaltschaft kurz vor der Wahl. Mehrfach betonte er, er wolle der Behörde nichts unterstellen. Zugleich bekannte er sich zur Unabhängigkeit der Justiz und bezeichnete sich als überzeugten Demokraten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber