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Schock-Bericht: Beim Start wurden plötzlich Bremsen betätigt

Schock in München: Eine Vietnam-Airlines-Maschine schießt über die Startbahn hinaus – jetzt kommen brisante Details ans Licht.

29.09.2026, 09:44 Uhr

Rätsel um Beinahe-Unglück mit Vietnam-Airlines-Maschine in München

Beim Beinahe-Unglück einer Maschine von Vietnam Airlines am Flughafen München sind nach Erkenntnissen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) während des Startlaufs die Bremsen betätigt worden. Die Boeing 787-9 mit fast 290 Menschen an Bord war Mitte August über das Ende der Startbahn hinausgeraten und konnte erst im letzten Moment abheben. Verletzt wurde niemand.

Warum es dazu kam, ist weiter offen. Nach Angaben der BFU ist bislang unklar, ob der Pilot beim Start tatsächlich auf die Bremse trat, ob ein technischer Defekt vorlag oder ob mehrere Faktoren zusammenwirkten. Der Leiter der Arbeitsgruppe Accident Analysis & Prevention der Pilotenvereinigung Cockpit, Sebastian Kloth, sagte, der Zwischenbericht zeige zwar Auffälligkeiten, liefere aber noch keine abschließende Erklärung. Entscheidend sei, wodurch der registrierte Bremsvorgang ausgelöst wurde.

Für die weitere Untersuchung wurden unter anderem Teile der Bremssysteme sichergestellt. Die BFU betont, dass der Zwischenbericht ausschließlich den bisherigen Sachstand festhält. Eine Bewertung der Ursache soll erst im Abschlussbericht erfolgen, der voraussichtlich etwa ein Jahr nach dem Vorfall vorliegt. Zuvor hatte der Spiegel über den Ermittlungsstand berichtet.

Unterschiedliche technische und menschliche Szenarien denkbar

Laut Kloth ist grundsätzlich nicht vorgesehen, während eines Starts zu bremsen. Bei einem Startabbruch komme normalerweise die automatische Bremse zum Einsatz, alternativ könne auch manuell über Pedale gebremst werden. Über diese Pedale würden zugleich Heck- und Seitenruder gesteuert. Deshalb sei in Einzelfällen nicht völlig auszuschließen, dass Bremsen versehentlich betätigt werden.

Neu hinzu kommt der Hinweis, dass veröffentlichten Aufzeichnungen zufolge die Pedale auf der Pilotenseite bewegt wurden. Ob dahinter ein Bedienfehler oder ein technisches Problem steckt, bleibt aber offen.

Bremsen laut Bericht Sekunden nach Beginn des Startlaufs aktiviert

Nach Angaben der BFU erhielt das Flugzeug am 15. August um 13.55 Uhr die Startfreigabe. Kurz darauf begann der Startlauf. Sekunden später seien die Bremspedale ausgelöst und anschließend dauerhaft gedrückt worden. Kurz vor dem Abheben erhöhte der Copilot den Schub der Triebwerke zusätzlich manuell.

Den Ermittlern zufolge führte der Vorfall dazu, dass die Maschine über das Bahnende hinausschoss, auf die Grasfläche dahinter geriet und erst dort noch rechtzeitig abhob. Dabei kollidierten Heck und Fahrwerk mit 20 Lampen der Startbahnbefeuerung. Auch der Rumpf wurde beschädigt. Nach der späteren Landung stellten die Ermittler zudem Schäden an vier Reifen fest.

Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt hatte nach dem Vorfall davon gesprochen, dass der Flughafen nur knapp einer Katastrophe mit Hunderten möglichen Todesopfern entgangen sei.

Auffällige Phase ohne weitere Beschleunigung

Auffällig ist nach Einschätzung von Kloth zudem, dass die Maschine während des Starts über etwa 18 Sekunden ihre Geschwindigkeit gehalten habe, statt weiter zu beschleunigen. Er sprach von einer bei diesem Tempo sehr langen Strecke. Welche technischen Informationen der Besatzung in dieser Phase vorlagen und wie die Lage im Cockpit wahrgenommen wurde, ist bislang nicht bekannt. Bei der Deutung des Zwischenberichts sei deshalb Vorsicht geboten.

Hinzu kommt, dass in dem Zwischenbericht nach seinen Angaben eine Stellungnahme der Piloten fehlt, die für die Untersuchung von Bedeutung wäre. Vietnam Airlines äußerte sich zunächst nicht zu dem Bericht.

Funkspruch mit „Pan Pan“ und Pilotenwechsel werfen Fragen auf

Im BFU-Bericht wird außerdem darauf hingewiesen, dass der Pilot im Funkverkehr mit dem Tower das Kürzel „Pan Pan“ verwendete. Dabei handelt es sich im internationalen Luftverkehr um ein Dringlichkeitssignal unterhalb des Notsignals „Mayday“, das keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben anzeigt.

Im Cockpit befanden sich dem Bericht zufolge vier Piloten. Einer von ihnen übernahm nach dem Start in der Luft den Platz des Kollegen, der für den Start verantwortlich gewesen war. Dabei handelte es sich laut Bericht um einen 64 Jahre alten Piloten mit deutlich mehr Flugstunden als sein Nachfolger am Steuer.

Die Crew entschied anschließend, den Flug nach Vietnam nicht fortzusetzen. In Abstimmung mit der Flugsicherung ließ die Besatzung 62 Tonnen Kerosin ab, weil die voll betankte Maschine für eine sofortige Landung zu schwer gewesen wäre. Danach überflog das Flugzeug den Flughafen zweimal mit ausgefahrenem Hauptfahrwerk, damit das Bodenpersonal eine Sichtkontrolle vornehmen konnte.

Schließlich landete die Maschine nach rund zwei Stunden wieder in München. Laut BFU kam es am Hauptfahrwerk zu einer Rauchentwicklung, Hinweise auf ein Feuer gab es jedoch nicht.

Der Wechsel im Cockpit wirft nach Einschätzung von Kloth zwar Fragen auf, muss aber nicht zwingend ein Hinweis auf Fehlverhalten sein. Gerade bei einem längeren Wartemanöver mit mehreren Piloten an Bord könne auch entschieden werden, wer sich für die anspruchsvolle Landung in der besten Verfassung fühlt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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