Bayreuth zwischen Familienerbe und Staatsbetrieb
Am Grünen Hügel in Bayreuth verdichten sich die Zeichen, dass sich die Machtverhältnisse bei den Richard-Wagner-Festspielen verschieben. Zwar steht mit Katharina Wagner weiterhin eine Urenkelin des Komponisten an der Spitze des Festivals. Doch im Jubiläumsjahr stellt sich mehr denn je die Frage, wie lange das noch so bleibt — und ob Bayreuth nicht längst stärker von Bund und Freistaat Bayern geprägt wird als von der Familie Wagner selbst.
Nur „noch“ künstlerisch in Familienhand
In ihrer Festrede zum 150. Jubiläum rückte Nike Wagner, Cousine von Katharina Wagner und frühere Konkurrentin um die Leitung, die Zukunft der Festspiele in den Mittelpunkt. Ihrer Ansicht nach wandelt sich Bayreuth immer deutlicher von einem Familienunternehmen zu einem staatlich geprägten Kulturbetrieb.
Sie sprach von einem grundlegenden Umbruch und bezeichnete den wachsenden Einfluss von Bund und Land als endgültigen Übergang vom Familientheater zum Staatstheater. Die öffentlichen Geldgeber hätten mittlerweile so viel Einfluss, dass sie sogar die Leitung der Festspiele bestimmen könnten. Das familiäre Element der Festivalgeschichte werde dadurch ausgehöhlt. Lediglich der künstlerische Bereich befinde sich aus ihrer Sicht „noch“ in Familienhand.
Ungewöhnliche Szenen auf dem roten Teppich
Auch beim Auftakt der Festspiele zeigte sich die veränderte Rollenverteilung symbolisch. Üblicherweise begrüßt der Bayreuther Oberbürgermeister am Eröffnungstag die Ehrengäste am roten Teppich vor dem Festspielhaus. In diesem Jahr jedoch standen neben dem neuen Oberbürgermeister Andreas Zippel und seinem Partner Luca Maaß plötzlich auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer aus Berlin mit Ehefrau sowie Bayerns Kunstminister Markus Blume mit vor dem Portal — und übernahmen sichtbar Mitverantwortung bei der Begrüßung.

Weimer hieß die Gäste mit den Worten „Willkommen zum Jubiläum“ willkommen. Katharina Wagner blieb zunächst direkt am Eingang des Königsportals und trat erst nach draußen, als Angela Merkel eintraf.
Später erklärte Zippel auf Nachfrage, dass dieses Vorgehen kurzfristig zustande gekommen sei und man künftig noch darüber sprechen müsse. Weimer äußerte sich dazu nicht, während Blume sagte, die Situation habe sich so ergeben, zeige aber zugleich die wichtige Rolle von Bund und Land als Gesellschafter.
Mehr Geld von Bund und Bayern
Tatsächlich wächst der Einfluss der öffentlichen Hand nicht nur politisch, sondern auch finanziell. Trotz Sparzwängen in vielen Bereichen wollen Bund und Freistaat ihre Zuschüsse für die Festspiele jeweils um eine Million Euro erhöhen. Künftig sollen damit von beiden Seiten jeweils mehr als 5,2 Millionen Euro pro Jahr fließen.
Blume betonte, Ministerpräsident Markus Söder habe klar gemacht, dass bei Kunst und Kultur nicht gekürzt werde. Kultur verstehe man auch als Schutzschild gegen autoritäre Tendenzen.
Zugleich verwies Blume auf steigende Tarif- und Sachkosten, die auch an Bayreuth nicht vorbeigingen. Die zusätzlichen Mittel seien deshalb ein wichtiges Signal für die Zukunft der Festspiele.
Vor einigen Jahren hatten Bund und Freistaat bereits Anteile an der Festspielgesellschaft von den Mäzenen der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ übernommen. Seitdem halten beide jeweils 36 Prozent und sind damit die wichtigsten Anteilseigner. Weitere Gesellschafter sind die Stadt Bayreuth und die Freunde von Bayreuth.
Beobachter sehen die Familie weitgehend entmachtet
Der Autor Bernd Buchner, der sich intensiv mit der Geschichte Bayreuths beschäftigt hat, erklärte kurz vor Beginn der Festspiele, Katharina Wagner werde zwar weiterhin als prägendes Gesicht wahrgenommen. De facto sei Bayreuth jedoch inzwischen ein Staatstheater. Die Familie Wagner habe dort kaum noch echte Macht.
150 Jahre Macht am Grünen Hügel
Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie stark Bayreuth über lange Zeit von der Familie bestimmt wurde. Nach Richard Wagners Tod im Jahr 1883 übernahm zunächst seine Witwe Cosima die Führung. Sie gab dem Festival eine feste Struktur, grenzte dabei aber jüdische Künstlerinnen und Künstler gezielt aus.
Später ging die Leitung an den gemeinsamen Sohn Siegfried über. Nach dessen Tod prägte Winifred Wagner das Festival und machte Bayreuth zu einem Ort, der eng mit Adolf Hitler verbunden war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten Wieland und Wolfgang Wagner für den Neubeginn. Nach Wielands Tod führte Wolfgang die Festspiele allein weiter. Später entbrannte ein langer Streit um die Nachfolge. Schließlich übernahmen zunächst seine Töchter Eva und Katharina gemeinsam die Leitung, bis Katharina Wagner 2015 alleinige Chefin wurde. Immer wieder forderte sie eine Modernisierung der komplizierten Strukturen.
Neuer General Manager soll Reformen vorantreiben
Nun schaffen Bund und Land offenbar weitere Fakten. Ende August soll der lange angekündigte General Manager Matthias Rädel seine Arbeit aufnehmen.
Blume erklärte dazu, Bayreuth entwickle sich künstlerisch ständig weiter. Dieser Anspruch müsse sich nun auch in den Strukturen widerspiegeln. Die Reform der Führung und Zuständigkeiten sei inhaltlich vorbereitet, nun erwarte man, dass die zuständigen Gremien noch im August die erforderlichen Beschlüsse fassen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber