Bayreuth stellt sich zum 150. Jubiläum gegen den Rechtsruck
Einst war Adolf Hitler regelmäßiger Gast auf dem Grünen Hügel, heute kommt von dort ein demonstrativer Appell für Freiheit, Demokratie und eine kritische Erinnerungskultur. Beim Festakt zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele haben Festspielleiterin Katharina Wagner und der jüdische Publizist Michel Friedman deutliche Worte gegen Rassismus, Antisemitismus und den politischen Rechtsruck gefunden.
Katharina Wagner sagte, es gehe darum, in Bayreuth klar „Nein“ zu sagen – gegen Rassismus, Antisemitismus, Chauvinismus und jede Verharmlosung der Geschichte. Das gelte gerade auch wegen der engen persönlichen Verflechtung ihrer Familie mit dem NS-Regime.
Katharina Wagner warnt vor der „Finsternis der Vergangenheit“
Die Urenkelin Richard Wagners betonte, die Festspiele seien nie losgelöst von ihrer Zeit gewesen. Das Jubiläum sei deshalb weit mehr als ein Anlass zum Feiern. Tradition müsse ernst genommen werden, ohne sie zu verklären, sagte sie sinngemäß – damit die Zukunft nicht erneut in der Dunkelheit der Vergangenheit ende.
Bei einer Gedenkveranstaltung für jüdische Musikerinnen und Musiker, die in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, rief Michel Friedman mit großer Eindringlichkeit zu mehr persönlichem Einsatz für die Demokratie auf. Im Festspielhaus fragte der 70-Jährige, was eigentlich noch geschehen müsse, damit Menschen die Demokratie selbst verteidigten.
Mit Blick auf die politische Entwicklung sagte Friedman, man habe den Anfängen nicht entschlossen genug widersprochen und befinde sich inzwischen längst mitten in einer gefährlichen Lage. Als Beispiel nannte er Sachsen-Anhalt, wo die AfD rund sechs Wochen vor der Landtagswahl laut Umfragen mit mehr als 40 Prozent klar vorne liegt.
Menschen, die heute gern über Politik klagten, müssten sich klarmachen: Nur wer demokratisch wähle, könne auch künftig in Freiheit Kritik üben. Hass auf Juden, Muslime, Frauen oder Homosexuelle sei immer Menschenhass. Eine Diktatur verachte den Menschen nicht nur, sie nehme ihn gar nicht mehr wahr, sagte Friedman. Deshalb müssten Demokratinnen und Demokraten ihre Stimme erheben und offensiv für die Demokratie werben – für das „bessere Produkt“.
Friedman verwies dabei auch auf die eigene Familiengeschichte: Nach seinen Angaben wurden 50 Angehörige seiner Familie von den Nationalsozialisten ermordet.
Aufregung vor dem Auftritt
Friedmans Rede war auch deshalb mit Spannung erwartet worden, weil es im Vorfeld Streit um seine Einladung gegeben hatte. Er hatte öffentlich gemacht, zunächst eingeladen und später wieder ausgeladen worden zu sein, und seinem Ärger darüber Luft gemacht.
Daraufhin gab es scharfe Kritik an den Festspielen, auch aus der Politik. Katharina Wagner entschuldigte sich dafür und wiederholte diese Entschuldigung bei der Jubiläumseröffnung noch einmal. Vor seiner Rede dankte sie Friedman für seine Teilnahme an der Veranstaltung, die sich ausdrücklich mit dem „Ungeist“ befassen sollte, der einst vom Grünen Hügel ausgegangen sei. Gerade heute sei diese Auseinandersetzung wichtiger denn je.
Vor seinem Auftritt besuchte Friedman gemeinsam mit Wagner die Dauerausstellung „Verstummte Stimmen“, die an verfolgte jüdische Mitwirkende der Bayreuther Festspiele erinnert. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem Paradigmenwechsel auf dem Grünen Hügel, nannte Katharina Wagner inzwischen „meine Freundin“ und lobte sie dafür, die Bayreuther Erinnerungskultur zu verändern. Zugespitzt formulierte er, nun habe er das Wort, während der antisemitische Richard Wagner zuhören müsse.
Belastete Geschichte der Festspiele
Richard Wagner, der Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich wiederholt judenfeindlich. Später wurden die Festspiele eng mit nationalistisch-völkischem Denken und schließlich mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Adolf Hitler war mehrfach in Bayreuth zu Gast. Winifred Wagner, die Großmutter von Katharina Wagner und damalige Leiterin der Festspiele, galt als glühende Verehrerin Hitlers.
Nach dem Ende des NS-Regimes sei es aus Friedmans Sicht vor allem darum gegangen, dieses dunkle Kapitel zu schließen, statt es offen zu behandeln. Er erinnerte an die Wiedereröffnung der Festspiele 1951 durch Wieland und Wolfgang Wagner, die ihre Gäste ausdrücklich gebeten hatten, politische Gespräche und Debatten zu vermeiden.
Friedman kritisierte, Bayreuth habe sich über viele Jahre zu wenig mit der eigenen Vergangenheit befasst. Auch Medien und Politik hätten lieber den Musikgenuss gefeiert, als sich der Geschichte des Ortes zu stellen. Sinngemäß warf er dem Kulturbetrieb vor, oft liebevoll vom Grünen Hügel zu sprechen und dabei den braunen Boden darunter zu übersehen.
Weimer spricht von historischem Moment
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Friedmans Rede und die Neuausrichtung der Bayreuther Erinnerungskultur als historisch. Friedman habe einen wunden Punkt der deutschen Erinnerungspolitik offengelegt und zugleich eine große versöhnliche Geste gesetzt, sagte Weimer. Katharina Wagner habe sich entschieden, die Erinnerungspolitik der Festspiele und der Familie Wagner neu zu definieren.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz erinnerte bereits am Vortag an die dunkle Seite der Festspielgeschichte und an den Antisemitismus Richard Wagners. Unter Bezug auf Thomas Mann empfahl er, Wagners Musik zu genießen – aber nicht ohne Misstrauen. Eine kritische Auseinandersetzung sei der richtige Weg, sagte Merz: spät, aber sie finde nun statt.
Bayerns Kunstminister Markus Blume erklärte, das neue Gesicht, das Bayreuth mit diesen Festspielen zeige, könne weit über den Grünen Hügel hinaus Vorbild sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber