Baden-Württemberg

Darum setzt Ryanair jetzt auf den Südwesten

Ryanair zieht Jets aus Berlin, Bremen und Hamburg ab – und setzt plötzlich auf den Südwesten. Was steckt dahinter?

19.10.2026, 04:20 Uhr

Wer von Deutschland aus preiswert in andere europäische Länder fliegen will, findet derzeit oft ein kleineres Angebot vor. Ryanair, gemessen an den Passagierzahlen Europas größte Fluggesellschaft, hatte Anfang Oktober deutliche Einschnitte für den deutschen Markt angekündigt. In Berlin wird das Angebot halbiert und die dortige Basis aufgegeben. Bremen verliert die Airline ab Sommer 2027 komplett, auch in Hamburg wird das Programm reduziert. Zudem wird Ryanair im kommenden Jahr trotz längerer Gespräche weiterhin nicht nach Leipzig/Halle und Dresden zurückkehren.

Im Südwesten Deutschlands zeigt sich dagegen ein anderes Bild. Dort baut Ryanair an einzelnen Standorten ihr Angebot sogar aus. In Memmingen soll die Kapazität um zwölf Prozent wachsen, in Karlsruhe/Baden-Baden sind zusätzliche Strecken geplant, und auch Friedrichshafen am Bodensee zählt zu den Standorten, die von der Verlagerung profitieren. Hinter dieser Entwicklung stehen mehrere Faktoren.

Warum Ryanair sich an vielen deutschen Flughäfen zurückzieht

Als Hauptgrund nennt Ryanair seit Längerem die hohen Kosten in Deutschland. Nach Darstellung der Airline haben vor allem die hohe Luftverkehrsteuer und weitere deutlich gestiegene Gebühren dazu geführt, dass Deutschland im Vergleich mit anderen EU-Staaten an Wettbewerbsfähigkeit verloren habe.

Ryanair hat dabei einen Vorteil, den stärker national gebundene Airlines wie Lufthansa mit ihren großen Drehkreuzen in Frankfurt und München nicht in gleichem Maß haben: Die Flugzeuge des irischen Unternehmens können relativ flexibel an andere Standorte in Europa verlegt werden, wo sich der Betrieb wirtschaftlich eher lohnt.

Erster Ryanair-Flug vom Flughafen Lübeck nach Mallorca
Auf teure Fluggastbrücken – sogenannte Gangways – verzichtet Ryanair. Passagiere müssen oft zu Fuß über das Vorfeld zur eigenen Bordtreppe laufen. (Archivbild) Quelle: Georg Wendt/dpa

Hinzu kommt der derzeitige weltweite Mangel an Flugzeugen. Wenn weniger Maschinen verfügbar sind, werden schwächere und weniger rentable Strecken eher gestrichen, während lukrativere Flughäfen zusätzliche Kapazitäten erhalten.

Weshalb vor allem der Südwesten profitiert

Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern profitieren Flughäfen wie Memmingen, Karlsruhe/Baden-Baden oder Friedrichshafen vor allem deshalb, weil sie sich gezielt auf Billigfluggesellschaften ausgerichtet haben. Luftverkehrsexperte Jörg Schwingeler verweist darauf, dass besonders Baden-Baden und Memmingen ihr Konzept stark auf Low-Cost-Verkehr zugeschnitten hätten.

Das zeigt sich vor allem an der Infrastruktur. Die Terminals sind funktional gehalten, auf große Einkaufsbereiche wird weitgehend verzichtet, und auch die Wartezonen sind eher schlicht. Teilweise warten Fluggäste nach dem Gate sogar im Freien auf das Boarding. Auf Fluggastbrücken verzichtet Ryanair ohnehin häufig und lässt Passagiere stattdessen über das Vorfeld direkt zur Bordtreppe laufen, was aus Sicht der Airline schneller und günstiger ist.

Große Flughäfen in Metropolregionen müssen dagegen oft auch die Ansprüche klassischer Netzwerk- und Premium-Airlines erfüllen. Dafür ist aufwendigere Infrastruktur nötig, die den Betrieb insgesamt verteuert.

Wie stark sich die Kosten zwischen deutschen Flughäfen unterscheiden

Die hohen Kosten in Deutschland setzen sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Für Airlines wie Ryanair sind besonders vier Posten wichtig. Dazu zählen zunächst die Luftverkehrsteuer des Bundes sowie die Flugsicherungsgebühr, mit der unter anderem die Arbeit der Fluglotsen finanziert wird. Beide Positionen gelten bundesweit einheitlich und liegen nicht im Einflussbereich der Flughäfen.

Gestaltungsspielraum gibt es dagegen bei der Luftsicherheitsgebühr für die Passagierkontrollen und bei den eigentlichen Flughafenentgelten. Genau dort zeigen sich laut einem Gutachten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erhebliche Unterschiede.

So lag das Flughafenentgelt in Karlsruhe/Baden-Baden im Jahr 2024 bei rund 1.780 Euro pro Flug. In Berlin-Brandenburg waren es etwa 3.225 Euro, in Bremen 3.882 Euro und in Leipzig/Halle 3.906 Euro – also mehr als doppelt so viel. Auch Memmingen war mit 3.079 Euro günstiger als viele andere deutsche Standorte.

Zusätzlich fällt in Memmingen laut Angaben des Bundesinnenministeriums mit 5,32 Euro die niedrigste Luftsicherheitsgebühr in Deutschland an.

Ein weiterer Kostenpunkt ist das sogenannte Ground Handling, also die Abfertigung der Flugzeuge am Boden. Diese Preise werden privatwirtschaftlich verhandelt und sind daher weniger transparent. Nach Einschätzung des DLR dürften sie an kleineren Flughäfen oft niedriger ausfallen, weil Abläufe einfacher sind und Passagiere teilweise direkt zu Fuß zum Flugzeug gelangen können, statt per Bus oder Bahn transportiert zu werden.

Ist der Südwesten damit dauerhaft im Vorteil?

Aus den aktuellen Ryanair-Plänen lässt sich das nicht sicher ableiten. Denn auch die Flughäfen im Südwesten gehören im europäischen Vergleich eher nicht zu den billigsten Standorten. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass Ryanair künftig auch dort Flugzeuge abzieht und ins Ausland verlagert, falls andere Märkte wirtschaftlich attraktiver erscheinen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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