Ein nächtlicher Brand im Umspannwerk Reutlingen-West hat weite Teile der Region lahmgelegt und neue Spekulationen über die Ursache ausgelöst. Nach Angaben des Landeskriminalamts gibt es inzwischen Anzeichen dafür, dass ein Brandbeschleuniger eingesetzt wurde. Am Brandort seien entsprechende Spuren gesichert worden, die nun ausgewertet werden müssen.
Neu ist zudem, dass inzwischen Staatsschutz und Antiterrorzentrum beim Landeskriminalamt in Stuttgart die Ermittlungen übernommen haben. Das teilte Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) in Reutlingen mit. Außerdem wurde eine eigene Ermittlungsgruppe mit dem Namen Fischer eingerichtet. Zusätzlich wurde eine Einsatzhundertschaft der Polizei nach Reutlingen verlegt, um Präsenz an kritischer Infrastruktur und in den weiterhin vom Stromausfall betroffenen Bereichen zu zeigen.
Innenminister: Ermittlungen laufen mit Hochdruck
Hagel sagte, das Verfahren werde mit Hochdruck geführt – insbesondere wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandlegung und der Störung öffentlicher Betriebe. Zugleich betonte er, man ermittle ergebnisoffen in alle Richtungen. Die Ermittlungsgruppe werde jeden Stein umdrehen, kündigte der Minister an. Der Täter werde, falls sich der Verdacht bestätige, mit aller Härte zur Rechenschaft gezogen.
Nach Angaben des Landeskriminalamts gibt es derzeit noch keine Hinweise auf mögliche Tatverdächtige oder Motive. Die Spurensicherung sei noch nicht abgeschlossen. Dabei kommen neben Spezialisten auch Sachverständige und ein Brandmittelspürhund zum Einsatz.
Sicherheitskreise vermuten gezielte Brandstiftung
Aus Sicherheitskreisen heißt es, der Brand könnte gezielt gelegt worden sein. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und erinnere an ähnliche Angriffe auf die Energieversorgung in Berlin. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gibt es nach dpa-Informationen nicht.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte im ZDF, man gehe aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Brandanschlag aus. Zugleich werde weiter in alle Richtungen ermittelt, um Hintergrund und Täter zu klären.
Bestätigt ist ein Anschlag im engeren juristischen Sinne damit weiterhin noch nicht. Die Ermittler werten Spuren aus und halten sich offiziell alle weiteren Schritte offen.
Ursachenforschung läuft auf Hochtouren
Nach Angaben des Netzbetreibers Netze BW gab es bereits seit dem Morgen Hinweise auf Brandstiftung. Demnach wurden drei Brandstellen entdeckt, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt worden.
Die neue Einschätzung des Landeskriminalamts verschärft den Verdacht: Ein Sprecher sagte, es gebe Anzeichen für den Einsatz eines Brandbeschleunigers. Die am Brandort gesicherten Spuren würden nun kriminaltechnisch untersucht.
Ein Bekennerschreiben wurde bislang nicht bekannt. Auch das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg teilte mit, derzeit keine weiterführenden Erkenntnisse zur mutmaßlichen Brandstiftung in Reutlingen zu haben.
Stadtwerke-Chef wurde selbst zum Augenzeugen
Ausgerechnet der Geschäftsführer der Stadtwerke Reutlingen, Jens Balcerek, wurde in der Nacht selbst Zeuge des Feuers. Nach seinen Schilderungen wachte er gegen 1.40 Uhr auf, bemerkte den Stromausfall und filmte von seinem Balkon aus rund vier Kilometer Entfernung, wie das Umspannwerk brannte.
Auch in sozialen Netzwerken und auf der Plattform X kursiert ein Video, das den Vorfall zeigen soll. Darauf sind Lichtblitze und Explosionsgeräusche zu erkennen beziehungsweise zu hören.
Millionen-Schaden und weiter Probleme bei der Versorgung
In der Nacht hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt. Die Anlage fiel dadurch aus, außerdem wurde eine weitere Anlage in Mitleidenschaft gezogen. Die Folgen waren erheblich: Zehntausende Menschen waren zunächst ohne Strom, auch ein Krankenhaus war betroffen.
Nach dpa-Informationen beläuft sich der Schaden durch das Feuer und den anschließenden Stromausfall auf mehrere Millionen Euro.
Nach Angaben von Innenminister Hagel waren rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen von dem Stromausfall betroffen. Am Morgen wurden Teile der Kernstadt wieder versorgt, darunter auch das Krankenhaus. Am Nachmittag wurden nach Angaben der Stadt große Teile der Privathaushalte in Betzingen und Ohmenhausen wieder an die Stromversorgung angeschlossen. Auch Schulen und Kindergärten in diesen Gebieten hatten wieder Strom.
Bei den betroffenen Unternehmen in dem Bereich dauerten die Probleme zunächst aber an. Dort werde mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet.
Wann alle Betroffenen wieder zuverlässig mit Strom versorgt sein werden, bleibt offen. Eine belastbare Prognose gibt es bislang nicht.
Notfalltreffpunkt für die Nacht geplant
Wegen der Folgen des Stromausfalls sind weiterhin Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes im Einsatz. Nach Angaben der Stadt arbeitet ein Einsatzstab im Zentrum für Bevölkerungsschutz in Pfullingen, um Hilfen zu koordinieren. Auch ein leitender Notarzt unterstützt vor Ort.
Für die Nacht sollte ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagte Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen unter anderem Handys aufladen oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten.
Für einige Kitas ist zudem eine Notbetreuung vorgesehen. Weitere Informationen will die Stadt online veröffentlichen.
Etwa 20.000 Kunden waren zunächst betroffen
Betroffen ist nach Angaben von Netze BW das Umspannwerk Reutlingen-West. Die Anlage war demnach gegen 1.45 Uhr infolge des Brandes ausgefallen. Insgesamt waren rund 20.000 Kunden betroffen.
Netze BW und Fairnetz teilen sich das Umspannwerk. Netze BW unterstützt nach eigenen Angaben im Rahmen der Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung.
Großeinsatz der Feuerwehr
In der Nacht waren laut Feuerwehr knapp 200 Einsatzkräfte vor Ort. Am Vormittag befasste sich noch etwa die Hälfte davon mit den Folgen des Brandes. Nach Angaben des stellvertretenden Feuerwehrchefs war das Feuer gegen 5.00 Uhr gelöscht, bereits gegen 4.45 Uhr war eine außergewöhnliche Einsatzlage ausgerufen worden.
Erinnerungen an Berliner Brandanschläge
Der Vorfall weckt Erinnerungen an frühere mutmaßlich linksextremistische Angriffe auf die Energieversorgung in Berlin. Nach einem Brandanschlag auf zwei Strommasten am 9. September 2025 waren dort zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und etwa 2.000 Gewerbebetriebe von einem Stromausfall betroffen. Erst nach rund 60 Stunden waren wieder alle Haushalte versorgt.
Bei einem weiteren Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Damals dauerte es rund 100 Stunden, bis die Stromversorgung vollständig wiederhergestellt war. Hinzu kamen eisige Temperaturen und Schnee; viele Zentralheizungen fielen aus, und zahlreiche Menschen wichen zu Freunden, Bekannten oder in Hotels aus.
In Berlin läuft seit diesen Vorfällen eine intensive Debatte über den besseren Schutz kritischer Infrastruktur. Das Land verfolgt das Ziel, bis in die 2030er Jahre sämtliche Stromkabel unterirdisch zu verlegen; derzeit liegt die Quote bereits bei 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert in diesem Jahr zudem einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz. Außerdem sollen mehr georedundante Leitungen entstehen, also Ausweichverbindungen an anderen Standorten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion