Kultur

Nostalgie im Wirtekrug – stirbt hier Tradition?

Neuer Wiesn-Krug, altes Signal: Warum das Motiv jetzt für Wirte und Gäste zum brisanten Symbol im Traditionsstreit wird

13.07.2026, 19:11 Uhr

Historischer Wirte-Krug erinnert an frühere Wiesn-Zeiten

Auf dem Oktoberfest fließt zwar wie immer das Bier und in den Zelten herrscht Feststimmung, doch das Motiv des neuen Wirte-Krugs zeigt eine ungewohnte Wiesn: Münchnerinnen und Münchner in eleganter Kleidung, Frauen mit Stola, Männer im Anzug mit Krawatte, dazu Bier aus Steinkrügen. Abgebildet ist das Oktoberfest, wie es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aussah.

Steinkrüge verschwanden bereits 1955 von der Wiesn, seitdem wird das Bier in Glasmaßkrügen serviert. Auch Dirndl und Lederhose wurden erst deutlich später zum prägenden Erscheinungsbild des Volksfests.

Erinnerung an eine lange Tradition

Wiesnchef Christian Scharpf lobte das diesjährige Motiv. Es mache sichtbar, wie weit die Geschichte des Oktoberfests zurückreiche und wie sich auf der Wiesn Tradition und Wandel stets miteinander verbunden hätten. Der Krug sei damit auch ein Stück gelebter Erinnerung, das Vergangenheit und Gegenwart zusammenbringe.

Die historischen Darstellungen wirken zugleich wie ein Signal in einer aktuellen Debatte um die Zukunft des Fests. Hintergrund ist der Streit um die Vergabe der Wiesn-Zelte. Ein Festwirt sorgt mit seiner Forderung nach einer Ausschreibung nach europäischem Vergaberecht für Diskussionen. Über die dazu eingereichte Klage soll im September, kurz vor dem Anstich, verhandelt werden.

Petition zum Erhalt der Wiesn

Aus Sorge um die traditionelle Prägung des Oktoberfests hat Stammgast Armin Jumel die Online-Petition „Rettet die Wiesn“ gestartet. Nach eigenen Angaben hat der 55-Jährige bereits rund 5.000 Unterschriften gesammelt. Jumel sitzt seit 36 Jahren an jedem Wiesn-Tag an seinem festen Platz im Schottenhamel-Zelt.

Bierkrug der Wiesn-Wirte 2026
Der Bierkrug der Wiesn-Wirte zeigt ein besonders traditionell-historisches Motiv. Quelle: Peter Kneffel/dpa

Er warnt davor, dass das Fest seinen Charakter verlieren könnte. Das Oktoberfest müsse so traditionsnah wie möglich erhalten bleiben. Veränderungen seien zwar grundsätzlich nötig, doch eine vollständige Ausrichtung auf Gewinnmaximierung dürfe es nicht geben. Es dürfe nicht passieren, dass am Ende anonymerweise irgendwo in einem Konzern entschieden werde, wie lange Gäste an einem Tisch sitzen dürfen, nur um Abläufe noch stärker zu optimieren.

Seine Familie besitzt den Tisch nach seinen Angaben bereits seit der Wiedereröffnung der Wiesn im Jahr 1949. Nach fünf Monaten will Jumel die gesammelten Unterschriften an die Regierung von Oberbayern übergeben.

Auch die Sprecher der Wiesn-Wirte, Peter Inselkammer und Christian Schottenhamel, hatten wiederholt vor einem Verlust von Tradition und einer grenzenlosen Kommerzialisierung durch eine europaweite Ausschreibung gewarnt. Die Wiesn dürfe, so ihre Position, nicht internationalen Konzernen überlassen werden, die allein auf Rendite ausgerichtet seien.

Symbole der großen Festzelte

Der neue Krug greift außerdem die bekannten Erkennungszeichen der Wirte auf. Zu sehen sind unter anderem die Symbole der 15 großen Zelte: eine gekrönte Hopfendolde für das Hofbräu-Festzelt, die Armbrust für das Armbrustschützenzelt und ein weißer Hammel für den Schottenhamel.

Limitierte Auflage und höhere Bierpreise

Den Wirte-Krug gibt es seit fast 25 Jahren. Er erscheint jedes Jahr nur in begrenzter Stückzahl und gilt inzwischen als begehrtes Sammlerstück.

Wer ihn auf der Wiesn mit Bier füllen lassen möchte, muss in diesem Jahr erneut mehr bezahlen. Die Maß kostet 2026 je nach Zelt zwischen 14,80 Euro und 15,90 Euro. Im Vorjahr lagen die Preise noch zwischen 14,50 Euro und 15,80 Euro. Damit steigen die Bierpreise im Schnitt um 2,38 Prozent.

Während der gut zweiwöchigen Festzeit werden auf dem Oktoberfest jedes Jahr rund sieben Millionen Maß Bier ausgeschenkt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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