Studie: Australiens indigene Bevölkerung vor der Kolonisierung wohl viel größer als bisher gedacht
Die indigene Bevölkerung Australiens war vor dem Eintreffen der Europäer offenbar deutlich zahlreicher als lange angenommen. Laut einer neuen Untersuchung lebten im Jahr 1788 auf dem Gebiet des heutigen Australien rund 2,22 Millionen Aborigines und Torres-Strait-Insulaner. Bereits bis 1861 soll diese Zahl infolge der Kolonisierung um 93 Prozent eingebrochen sein. Frühere Schätzungen hatten die Bevölkerungsgröße vor der Ankunft der Europäer meist nur auf 250.000 bis eine Million Menschen beziffert.
Veröffentlicht wurde die Studie von Forschenden mehrerer australischer Universitäten im Fachjournal „Nature Human Behaviour“. Für ihre Berechnungen nutzte das Team ethnographische Beobachtungen, archäologische Erkenntnisse und genetische Rekonstruktionen. Ergänzt wurden diese Daten durch Computermodelle, mit denen abgeschätzt wurde, wie viele Menschen der Kontinent damals versorgen konnte.
Demnach lag die durchschnittliche vorkoloniale Bevölkerungsdichte bei etwa 0,29 Menschen pro Quadratkilometer. Insgesamt ergibt sich daraus eine mittlere Schätzung von 2,22 Millionen Menschen – und damit ein Wert, der weit über bisherigen Annahmen liegt.
Krankheiten, Gewalt und Verlust des Landes
Lange Zeit stützten sich viele Schätzungen auf den Anthropologen Alfred Radcliffe-Brown, der in den 1930er Jahren von mindestens 250.000 Indigenen vor der Kolonisierung ausging. Nach Ansicht der aktuellen Forschenden ist dieser Wert jedoch deutlich zu niedrig. Ihrer Analyse zufolge war die Bevölkerung bereits massiv zurückgegangen, bevor verlässlichere Erhebungen überhaupt begonnen hatten. Laut Studie war sich Radcliffe-Brown dieser Unsicherheit selbst bewusst und hatte darauf hingewiesen, dass seine Zahlen vermutlich zu niedrig angesetzt seien. Trotzdem wurden sie später häufig übernommen.
Nach dem neuen Modell schrumpfte die indigene Bevölkerung bis 1861 auf nur noch etwa 155.000 Menschen. Das entsprach rund sieben Prozent der für 1788 angenommenen Zahl. Als Hauptursachen nennen die Forschenden eingeschleppte Krankheiten, Gewalt durch Siedler, Vertreibung sowie tiefgreifende Veränderungen der traditionellen Lebensweise.
Für viele indigene Gemeinschaften war die Bindung an ihr Land nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und spirituell zentral. Mit dem Verlust von Wanderwegen, Jagdgebieten und Lebensräumen brachen wichtige Grundlagen des Alltags weg. Teilweise führte das auch zu Hunger und weiterer Not.
Der australische Sender ABC verweist zusätzlich auf Massaker als wichtigen Faktor des dramatischen Bevölkerungsverlusts. Co-Autor Corey Bradshaw von der Flinders University sagte demnach, die Verringerung der indigenen Bevölkerung um 93 Prozent innerhalb von 70 Jahren könne nur als verheerend bezeichnet werden. Die indigene Professorin Larissa Behrendt von der University of Technology Sydney sprach von einer „demografischen Katastrophe im Zentrum der australischen Geschichte“.
Zahl der Indigenen nimmt wieder zu
Seit den 1950er Jahren wächst die indigene Bevölkerung Australiens wieder. Laut Volkszählung lebten 2021 rund 813.000 Aborigines und Torres-Strait-Insulaner im Land. Das entspricht etwa 37 Prozent der nun geschätzten vorkolonialen Bevölkerungszahl. Sollte sich dieses Wachstum fortsetzen, könnte das Niveau von vor 1788 nach Berechnungen der Forschenden um das Jahr 2047 wieder erreicht werden.
Die Studie soll nach Angaben des Forschungsteams dazu beitragen, die Folgen der Kolonisierung besser zu verstehen – darunter auch generationenübergreifende Traumata und die fortlaufende Aufarbeitung der australischen Geschichte. Denn die Auswirkungen der Kolonialzeit prägen das Leben vieler indigener Menschen bis heute.
Koloniale Folgen bis in die Gegenwart
Mit der Ankunft der britischen „First Fleet“ in Sydney Cove im Jahr 1788 begann für die indigene Bevölkerung Australiens eine Phase von Unterdrückung und Diskriminierung. Viele Menschen wurden vertrieben oder getötet, andere starben an aus Europa eingeschleppten Krankheiten. In der australischen Verfassung von 1901 wurden Indigene nicht einmal erwähnt.
Zudem wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein indigene Kinder gewaltsam aus ihren Familien genommen, um sie in christlichen Einrichtungen oder bei weißen Familien zu „assimilieren“. Diese Betroffenen sind heute als „Stolen Generations“ bekannt.
Nach Angaben des Australian Institute of Health and Welfare (AIHW) leiden viele indigene Australierinnen und Australier noch immer unter den langfristigen Folgen von Armut, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch gesundheitliche Belastungen und Alkoholprobleme sind in vielen Gemeinschaften weiterhin verbreitet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber