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Venezuela: Darum singen Retter zu Verschütteten

Nach dem Venezuela-Beben graben Helfer mit bloßen Händen nach Überlebenden – und ein Lied gibt plötzlich Hoffnung.

27.06.2026, 13:25 Uhr

Erdbeben in Venezuela: Zahl der Toten steigt auf 1.430 – Hoffnung auf Überlebende schwindet

Drei Tage nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Nach Angaben des Präsidenten der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, ist die vorläufige Zahl der Todesopfer auf 1.430 gestiegen. Mehr als 3.200 Menschen wurden verletzt. Noch immer werden Tausende Menschen unter den Trümmern vermutet, während der Verbleib von Zehntausenden weiter unklar ist.

Zugleich gibt es weiterhin Momente, die Hoffnung machen: Immer wieder werden Menschen lebend aus eingestürzten Gebäuden gerettet. In sozialen Netzwerken werden freiwillige Helfer für einen ungewöhnlichen Rettungseinsatz gefeiert. Während sie in den Trümmern nach Verschütteten suchen, singen sie gemeinsam: „Beruhige dich, Verletzter, wir sind gleich bei dir.“ Die Melodie orientiert sich an dem in Venezuela bekannten Weihnachtslied „El burrito sabanero“. Der Gesang soll Eingeschlossenen Mut machen und ihnen zeigen, dass Hilfe unterwegs ist.

Überlebende unter Beton entdeckt

Aufnahmen zeigen zudem, wie Helfer Menschen unter schweren Betonteilen entdecken, darunter auch ein eingeklemmtes Kind. Ein Retter sagt dem Jungen, dass man ihn nun befreien werde, damit ein Hubschrauber ihn abtransportieren könne. Das Kind antwortet: „Aber alles ist zerstört.“

Trotz der dramatischen Lage werden noch immer Überlebende gefunden. Doch mit jeder Stunde sinken die Chancen. Experten gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, Verschüttete nach 72 Stunden noch lebend zu bergen, deutlich abnimmt.

430 Nachbeben seit dem Doppelbeben

Am Mittwoch hatten zwei kurz aufeinanderfolgende Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden und das Zentrum des Landes erschüttert. Seitdem wurden nach Angaben von Jorge Rodríguez 430 Nachbeben registriert.

Besonders schwer getroffen wurden der Bundesstaat La Guaira sowie die Hauptstadt Caracas. Teilweise wurden ganze Straßenzüge mit Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht.

In Chacao kaum noch Hoffnung in eingestürztem Gebäude

Der Einsatz internationaler Rettungsteams hat die Suche zwar beschleunigt, Angehörigen aber teils auch bittere Gewissheit gebracht. So schlossen mexikanische Rettungskräfte nach Erkundungsarbeiten in einem eingestürzten Wohngebäude im Stadtbezirk Chacao in Caracas die Möglichkeit aus, dort noch lebende Menschen zu finden.

Der Bürgermeister von Chacao, Gustavo Duque, sagte in einem Video vor dem Wohngebäude Petunia, wegen des enormen Gewichts der Konstruktion sei es sehr unwahrscheinlich, dort noch Überlebende zu entdecken. Das eingesetzte Rettungsteam habe nach einer ersten Inspektion festgestellt, dass die Betonplatten vollständig zusammengedrückt seien.

Hauptstadtbezirk Chacao besonders schwer betroffen

Der Bezirk Chacao im Osten von Caracas zählt zu den am stärksten zerstörten Gebieten. In den modernen Vierteln Los Palos Grandes und Altamira stürzten mehrere Gebäude ein – ähnlich wie beim schweren Erdbeben von 1967, bei dem rund 250 Menschen ums Leben kamen.

Die Straßen rund um die Unglücksorte werden seit Mittwoch von Polizei und Soldaten abgesperrt. Damit sollen verzweifelte Angehörige daran gehindert werden, die gefährlichen Einsatzstellen zu betreten.

Vor den schweren Baumaschinen der Rettungskräfte wartete auch Silvia D’Avino, deren Schwester und Neffe in einem der eingestürzten Wohnkomplexe lebten. Sie berichtete, sie sei sofort gekommen, nachdem sie von dem Unglück erfahren hatte – und habe nur noch Trümmer vorgefunden.

Buhrufe bei Besuch von Delcy Rodríguez

Als die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez am Freitag Chacao besuchte, wurde sie Medienberichten zufolge ausgebuht. In veröffentlichten Videos wirft ihr eine Frau vor, die Tragödie für politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Rodríguez führt die Regierungsgeschäfte, seit der langjährige Machthaber Nicolás Maduro nach Regierungsangaben im Januar in Caracas vom US-Militär festgenommen wurde, um sich in den USA wegen Drogendelikten vor Gericht zu verantworten.

Viele Häuser unbewohnbar, Zehntausende ohne Kontakt

Nach Angaben von Delcy Rodríguez wurden mehr als 380 Wohnhäuser sowie 13 Krankenhäuser zerstört oder schwer beschädigt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude seien eingestürzt.

Viele Menschen haben weiterhin kein festes Dach über dem Kopf. Familien könnten wegen der anhaltenden Risiken und Schäden nicht in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren, erklärte Rodríguez auf X. Für sie seien provisorische Unterkünfte und umfassende Betreuung bereitgestellt worden. Nach Regierungsangaben wurden inzwischen mehr als 70.000 Familien unterstützt.

Erschwert wird die Lage zusätzlich dadurch, dass Stromversorgung und Mobilfunknetz noch immer nicht flächendeckend wiederhergestellt sind. Viele Angehörige können Vermisste deshalb weiterhin nicht erreichen.

Mehr als 55.000 Vermisste auf Online-Portal erfasst

Auf einem eigens für die Suche nach Vermissten eingerichteten Internetportal gelten nach Angaben der Betreiber derzeit mehr als 55.000 Menschen als vermisst. Auf der inoffiziellen Plattform können Angehörige und Bekannte Fotos sowie weitere Hinweise hochladen. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.

Hilfe aus dem Ausland – auch aus Deutschland

Internationale Hilfe ist inzwischen in Venezuela eingetroffen. Rettungskräfte aus zahlreichen Ländern unterstützen die Suche mit Spezialgerät und Suchhunden. Auch ein 48-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) ist in Venezuela angekommen. Nach Angaben des THW landeten die Einsatzkräfte in der Nacht am Flughafen von Caracas und begannen gemeinsam mit internationalen Partnern mit der Lageerkundung. Ziel sei es, so schnell wie möglich die Suche nach Vermissten aufzunehmen – ein Wettlauf gegen die Zeit.

Auch Hilfsgüter aus Deutschland werden bereitgestellt. Das Deutsche Rote Kreuz hatte mitgeteilt, gemeinsam mit dem Kolumbianischen Roten Kreuz Material nach Venezuela zu bringen, darunter Erste-Hilfe-Materialien, Traumakits, medizinische Verbrauchsgüter sowie Funk- und Telekommunikationstechnik. Weitere Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf, um Überlebende mit Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kleidung zu versorgen.

Rettungshund „Tsunami“ wird zum Symbol der Hoffnung

In sozialen Netzwerken werden neben den singenden Helfern auch Bilder von „Tsunami“, einem speziell ausgebildeten Border Collie, vielfach geteilt. Der Rettungshund ist für viele zum Symbol der Hoffnung geworden.

Trotz aller Rückschläge setzen Einsatzkräfte, freiwillige Helfer und Anwohner die Suche unermüdlich fort – oft unter schwierigen Bedingungen und mit nur wenigen Werkzeugen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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