Auch einen Monat nach der verheerenden Sturzflut in Nepal und Tibet ist das Ausmaß der Katastrophe für viele Überlebende kaum zu begreifen. Die 54-jährige Nepalesin Chameli Tamang sagt, sie versuche zwar, ihr Leben irgendwie neu zu ordnen. Doch der Schmerz über den Verlust ihrer Tochter, ihres Schwiegersohns und weiterer Angehöriger überlagere alles. Sie wurden am 26. August von den Fluten mitgerissen und gelten bis heute als vermisst. Ihre Enkelkinder, fünf und acht Jahre alt, wüssten noch immer nicht, was mit ihren Eltern geschehen sei. Es tue weh, wenn sie nach ihnen fragten, sagt Tamang.
Tamang selbst konnte sich retten, weil sie rechtzeitig auf einen Berghang flüchtete, als die Flut aus den Gletscherregionen des Himalaya heranraste. Von ihrem Besitz im Dorf Sallitar in der an Tibet grenzenden Provinz Bagmati blieb nichts übrig. Dort hatte sie unter anderem eine Ziegenfarm betrieben. „Wir sind jetzt ohne Land und Zuhause“, sagt sie.
Suche nach Vermissten
Wie viele andere Familien hofft Tamang vor allem, dass die Leichen der Vermissten gefunden werden. Erst dann könnten die Angehörigen Abschied nehmen, die Toten bestatten und emotional einen Abschluss finden. Seit der Katastrophe verbrächten viele ihre Tage damit, nach den Verschollenen zu suchen und in Klöstern Gedenklichter für die Toten anzuzünden, berichtet sie. „Was sollen wir jetzt tun?“
Nach Angaben des nepalesischen Katastrophenschutzes kamen mehr als 1.450 Menschen ums Leben. Allein in Nepal gelten mehr als 5.700 Menschen als vermisst. Laut Regierung wurde die Katastrophe durch eine Eis- und Felslawine etwa 20 Kilometer flussaufwärts des Grenzübergangs Rasuwagadhi ausgelöst. Im Grenzgebiet zwischen Nepal und China brach eine Bergflanke mit einem Gletscher ab und löste eine gewaltige Welle aus Wasser, Eis und Geröll aus. Besonders betroffen sind die Bezirke Rasuwa, Nuwakot, Dhading, Gorkha und Chitwan, in denen insgesamt rund 1,6 Millionen Menschen leben.
Psychisch schwer belastet
Während staatliche Stellen bereits über den Wiederaufbau beraten, kämpfen viele Überlebende mit schweren psychischen Belastungen. Yasoda Rijal, die in der Gemeinde Bidur psychosoziale Hilfe in Notunterkünften leistet, beschreibt die Lage als dramatisch. Alles sei völlig unerwartet geschehen. Schon deshalb und wegen des gewaltigen Ausmaßes der Katastrophe stünden viele Menschen unter Schock. Sie seien verstört, unruhig und psychisch völlig überfordert.
Noch immer litten zahlreiche Betroffene unter Angstzuständen. Schon Gespräche über Überschwemmungen, Flüsse, Bäche oder Schluchten könnten Panik auslösen. Rijal warnt zudem, dass sich posttraumatische Belastungsstörungen bei manchen auch erst Wochen nach dem Ereignis deutlich zeigen könnten.
Daher sei langfristige Unterstützung notwendig. Nach Angaben von Kaisang Nurpu Tamang, Leiter der Gemeinde Gosaikunda im Distrikt Rasuwa, erstellen die Behörden bereits Listen mit Menschen, die dauerhaft Hilfe brauchen werden. „Ein Monat ist vergangen, und dennoch gibt es noch immer Menschen, die nicht einmal wissen, wo sie sind oder was mit ihnen passiert ist“, sagt er.
Druck für schnellere Todeserklärungen
Für viele Familien ist Klarheit über das Schicksal der Vermissten von zentraler Bedeutung. Schon eine offizielle Todeserklärung könne helfen, sagt Gemeindechef Tamang. Die Regierung habe finanzielle Hilfen für Hinterbliebene zugesagt, unter anderem für Beerdigungen und Trauerrituale.
Allerdings ist es nach der aktuellen Rechtslage in Nepal schwierig, Vermisste rasch offiziell für tot erklären zu lassen. Deshalb erhöhen Familien und lokale Behörden den Druck auf die Zentralregierung, die Verfahren zu beschleunigen.
Wiederaufbau wird Milliarden kosten
In den betroffenen Regionen dauern die Aufräumarbeiten an. Zahlreiche Orte und Straßen sind noch immer von Schlamm und Trümmern bedeckt. Manche abgelegenen Dörfer sind weiterhin nur zu Fuß erreichbar. Der Wiederaufbau dürfte Jahre in Anspruch nehmen. Die Hilfsorganisation Care spricht davon, dass Nepal einen Monat nach der Katastrophe nicht mehr in der akuten Rettungsphase sei, sondern in einem schwierigen Übergang zwischen Nothilfe und Wiederaufbau.
Für das wirtschaftlich schwache Land bedeutet die Flut eine enorme Belastung, ähnlich wie bereits das schwere Erdbeben von 2015. Nach einer ersten Schadens- und Bedarfsanalyse der Regierung werden fast 4,8 Milliarden Dollar, umgerechnet etwa 4,2 Milliarden Euro, für Wiederherstellung und Wiederaufbau benötigt. Mehr als 7.500 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Auch Straßen, Brücken sowie Energie- und Wassernetze haben massive Schäden erlitten. Zudem wird darüber nachgedacht, zerstörte Dörfer an weniger gefährdeten Orten neu zu errichten.
Nepal hofft auf Unterstützung aus dem Ausland
Die Regierung setzt nun auf weitere internationale Hilfe. Außenminister Shisir Khanal erklärte der Zeitung The Kathmandu Post, Nepal wolle die Verschuldung möglichst gering halten. Nach dem Erdbeben von 2015 sei der Schuldenanteil bereits deutlich gestiegen. Ganz ohne Kredite werde das Land aber wohl dennoch nicht auskommen.
Zudem hofft Kathmandu auf Mittel aus einem UN-Fonds für klimabedingte Schäden. Schon vor der Sturzflut hatte Nepal dort 20 Millionen Dollar beantragt. Selbst wenn eine Bewilligung nur einen kleinen Teil des tatsächlichen Bedarfs decken würde, hätte sie für das Land eine wichtige symbolische Bedeutung.
Regierungschef nennt Flut eine Warnung an die Welt
Nepals Regierungschef Balendra Shah bezeichnete die Katastrophe in seiner Rede bei der UN-Generaldebatte in New York als „Warnung an die Welt“. Die globale Erwärmung destabilisiere das empfindliche Ökosystem des Himalaya, das Teil des Lebenserhaltungssystems des gesamten Planeten sei. „Unsere Gletscher ziehen sich zurück. Unsere Berghänge werden instabiler. Unsere Flüsse werden unberechenbarer“, sagte Shah.
Für Nepal sei die Sturzflut nicht nur eine humanitäre Krise, sondern auch ein Entwicklungsnotstand. Shah forderte die internationale Gemeinschaft auf, seinem Land Zuschüsse und andere Finanzhilfen zu gewähren statt weiterer Kredite. Der Fonds für klimabedingte Schäden und andere bestehende Instrumente allein reichten aus seiner Sicht nicht aus.
Sorge vor wachsender Not
Nach Einschätzung von Beraterin Yasoda Rijal könnte sich die Lage in den kommenden Monaten sogar noch verschärfen. Der Bedarf an Hilfe werde nach sechs Monaten oder einem Jahr womöglich größer sein als jetzt. Zwar versorgen Hilfsorganisationen die Menschen derzeit mit Lebensmitteln und Kleidung. Doch diese Reserven seien endlich. Wenn Reis und Linsen aufgebraucht sind, werde die Not insbesondere für jene zunehmen, die Angehörige, Häuser und ihr Land verloren haben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber