Zwei starke Beben richten schwere Schäden an
In Venezuela haben sich innerhalb von nur 39 Sekunden zwei sehr starke Erdbeben ereignet und schwere Verwüstungen verursacht. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS erreichten die Erschütterungen die Magnituden 7,2 und 7,5. Die Regierung sprach von einer Tragödie und rief den Notstand aus. Rettungskräfte suchen an mehreren Orten weiter nach Verschütteten.
Opferzahl steigt deutlich
Nach Angaben der geschäftsführenden Präsidentin Delcy Rodríguez kamen mindestens 164 Menschen ums Leben. Zudem gebe es knapp tausend Verletzte. Wo genau alle Todesopfer geborgen wurden, war zunächst nicht vollständig bekannt.
Da aus einigen besonders betroffenen Gebieten weiter nur lückenhaft Informationen vorliegen, ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Opfer noch steigt. Rodríguez sprach von einem Erdbeben „noch nie dagewesenen Ausmaßes“ in Venezuela. Vergleichbar starke Erdstöße habe es zuletzt im Jahr 1900 gegeben.
La Guaira besonders schwer getroffen
Besonders hart getroffen wurde nach Angaben der Regierung der Küstenbundesstaat La Guaira an der Karibik. Dort liegen auch der internationale Flughafen sowie der wichtigste Seehafen des Landes. Allein in dieser Region stürzten Behördenangaben zufolge Dutzende Gebäude ein, zahlreiche Menschen wurden verschüttet.
Retter arbeiten teils mit bloßen Händen
Die Hilfe aus dem Ausland ist offenbar dringend nötig. Berichten zufolge war das Land auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes kaum vorbereitet. Einsatzkräfte des Zivilschutzes hätten teils mit bloßen Händen und sogar ohne ausreichendes Werkzeug gearbeitet. Erst nach und nach träfen Ausrüstung und Geräte ein.
Auch nach einer Nacht im Dauereinsatz gingen die Rettungsarbeiten weiter. Fernsehbilder zeigten Helfer auf Trümmerbergen, häufig ohne Schutzausrüstung, nur mit den Händen oder einfachen Schaufeln. Augenzeugen berichteten von Hilferufen aus den Trümmern. Eine Frau beschrieb die Lage als „wie in einem Horrorfilm“.
Es bebte an einem Feiertag
Die Beben ereigneten sich gegen 18.00 Uhr Ortszeit an einem Feiertag. Viele Menschen waren deshalb zu Hause oder im Freien. Am 24. Juni erinnert Venezuela an die Schlacht von Carabobo gegen die spanische Kolonialmacht im Jahr 1821.
„Es sind intensive Rettungsarbeiten zugange, um die Leben zu retten, die Gott uns retten lässt“, sagte Rodríguez.
Zwei schwere Erdbeben innerhalb einer Minute
Das erste Beben ereignete sich am Mittwoch um 18.04 Uhr Ortszeit (0.04 Uhr MESZ Donnerstag), rund 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite und stärkere Beben folgte nur wenige Kilometer weiter nördlich in einer Tiefe von nur etwa zehn Kilometern.
Gerade diese geringe Tiefe dürfte die Auswirkungen des zweiten Bebens verstärkt haben. In den vergleichsweise nahe gelegenen Städten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Auch dort war von eingestürzten Gebäuden und erheblichen Schäden die Rede.
Deutlicher Anstieg der Opferzahl befürchtet
Die USGS geht in einer automatisierten Modellrechnung von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit aus, dass mehr als 1.000 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Grundlage sind die Stärke der Beben und die Nähe mehrerer Städte.
Offizielle Zahlen zu Vermissten gab es zunächst nicht. Auf eigens eingerichteten Internetseiten und in sozialen Medien kursierten jedoch Listen mit Namen gesuchter Menschen. Dort galten am Tag nach der Katastrophe rund 12.000 Personen als vermisst. Verifizieren ließen sich diese Angaben zunächst nicht.
Caracas und andere Regionen betroffen
Auch aus Caracas und mehreren nördlichen Bundesstaaten wurden teils massive Schäden gemeldet. Die Hauptstadt liegt rund 200 Kilometer östlich der Epizentren. Dort und in anderen Regionen kam es nach Regierungsangaben zu erheblichen Zerstörungen.
Unterdessen lösten Dutzende Nachbeben immer wieder Panik aus. Die Erschütterungen waren auch in Brasilien und Kolumbien zu spüren, größere Schäden wurden dort zunächst aber nicht bekannt.
Verkehr, Flughafen und Versorgung beeinträchtigt
Der Zugverkehr wurde landesweit eingestellt, der internationale Flughafen wegen Schäden geschlossen. Auch die U-Bahn in Caracas stellte den Betrieb ein.
Nach den Beben fiel vielerorts nicht nur der Strom aus, sondern auch die Wasserversorgung wurde unterbrochen. Zudem funktionierten Mobilfunknetz und Internet zeitweise nicht. Schulen blieben geschlossen, viele nicht notwendige Aktivitäten wurden ausgesetzt.
Dramatische Lage in Tucacas
Besonders angespannt bleibt die Situation in der Küstenstadt Tucacas. Dort werden nach Angaben des Gouverneurs des Bundesstaates Falcón, Víctor Clark, 15 Menschen unter den Trümmern eines eingestürzten fünfstöckigen Gebäudes vermutet. Rund 22 Verletzte würden dort in Kliniken behandelt.
Verifizierte Videos aus sozialen Netzwerken zeigen Erschütterungen und herabstürzende Decken- und Gebäudeteile am internationalen Flughafen. Menschen fliehen daraufhin aus den Gebäuden ins Freie.
Augenzeugen schildern Angst und Zerstörung
Bewohner aus Caracas berichteten von schweren Verwüstungen. Eine 57-Jährige sagte, sie habe „noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt“. In ihrer Nähe seien zwei Hochhäuser eingestürzt, an einem Nachbargebäude fehlten Wände. In ihrer Wohnung seien Möbel umgestürzt und Bilder von den Wänden gefallen, überall hätten Scherben gelegen.
Auch ein Bewohner aus der Nähe von Maracay, rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt, schilderte heftige Erschütterungen. Sein Auto habe sich bewegt, „als handele es sich um ein Blatt Papier“.
Aus La Guaira berichtete ein Anwohner, sehr viele Häuser seien vollständig eingestürzt, sein eigenes Haus sei unbewohnbar. Auf den Straßen gebe es weinende Menschen, zugleich werde von Plünderungsversuchen berichtet. Er beklagte zudem fehlende Informationen und mangelnde staatliche Präsenz.
Internationale Hilfe angelaufen
US-Präsident Donald Trump sicherte Venezuela rasche Unterstützung zu. Er habe alle US-Behörden angewiesen, sich auf schnelle Hilfe vorzubereiten. Kurz darauf erklärte US-Außenminister Marco Rubio, die Regierung bringe umgehend Such- und Rettungsteams sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg.
Auch andere Länder boten Hilfe an oder kündigten die Entsendung von Rettungskräften an. Dazu gehört inzwischen auch Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, die Nachrichten vom schweren Erdbeben machten tief betroffen, Deutschland stehe an der Seite Venezuelas und werde helfen. Bereits zuvor hatten unter anderem El Salvador, die Dominikanische Republik, Brasilien, Mexiko, Panama und Katar ihre Unterstützung signalisiert.
Politisch angespannte Lage im Land
Venezuela befindet sich zudem in einer politisch unruhigen Phase. Nach der Festnahme von Nicolás Maduro durch das US-Militär im Januar führt Rodríguez die Amtsgeschäfte übergangsweise.
Behörden warnen vor weiterer Gefahr
Innenminister Diosdado Cabello sprach im Fernsehen von einer „äußerst alarmierenden Situation“. Er rief die Bevölkerung dazu auf, an sicheren Orten zu bleiben. Nach solch schweren Erdbeben seien weitere Nachbeben zu erwarten, die bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz bringen könnten.
Um Explosionen zu verhindern, hätten die Behörden außerdem angeordnet, die Gaszufuhr zu unterbrechen.
Solidarität aus der Opposition
Auch die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado äußerte sich. Auf X schrieb sie aus dem Ausland, ihr Herz, ihre Umarmung und ihre Gebete gälten in diesen Stunden der Not jeder venezolanischen Familie. Stärke, Ruhe und Solidarität sollten das Land nun tragen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber