Die jüngsten Erdbeben in Venezuela gehören nach Einschätzung des Potsdamer Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) zu den stärksten in der Region seit rund 100 Jahren. Historisch seien dort allerdings auch ähnlich starke oder sogar noch heftigere Beben dokumentiert worden.
Besonders dramatische Szenen spielten sich am internationalen Flughafen unweit von Caracas ab. Von der Deutschen Presse-Agentur verifizierte Videos aus sozialen Netzwerken zeigen herabstürzende Deckenteile, von Trümmern übersäte Gänge und Menschen, die panisch ins Freie fliehen. Ein lautes Krachen, Schreie und eine große Staubwolke lassen die Wucht der Erdstöße nur erahnen.
Auch in der rund 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Caracas wurden schwere Schäden gemeldet. Bilder zeigen eingestürzte Hochhäuser am Fuße des Ávila-Gebirges, obwohl die Metropole etwa 200 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegt. Polizisten und Rettungskräfte suchten dort in den Trümmern nach Überlebenden.
Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez sprach im Staatsfernsehen von intensiven Rettungsarbeiten. Ihre Aussagen deuteten auf ein schweres Ausmaß der Katastrophe hin. Aus der Hauptstadt und anderen betroffenen Gebieten wurden zahlreiche Einsätze gemeldet.
Eine 57 Jahre alte Anwohnerin aus dem Osten von Caracas berichtete der dpa, in ihrer Nähe seien zwei Hochhäuser eingestürzt, an einem Nachbargebäude fehlten ganze Wände. In ihrer Wohnung in Chacao seien Möbel umgestürzt, Bilder von den Wänden gefallen und überall Scherben gelegen. Die Erschütterungen seien so stark gewesen, dass sie und ihr Mann zunächst nicht aus der Wohnung kamen. Erst später hätten sie zusammen mit Nachbarn auf die Straße fliehen können.
Hinzu kamen stundenlange Stromausfälle und Probleme im Mobilfunknetz. Nach Angaben des Bürgermeisters von Chacao, Gustavo Duque, stürzten in dem Gebiet vier Hochhäuser ein. 18 Menschen seien lebend aus den Trümmern gerettet worden.
Auch aus der Gegend um Maracay, rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt, wurden heftige Erschütterungen gemeldet. Ein Bewohner schilderte, sein Auto habe sich hin und her bewegt wie ein Blatt Papier. Mindestens zwei Häuser in seiner Umgebung seien eingestürzt, darunter auch ein vergleichsweise neues Gebäude. Er fühlte sich an das schwere Erdbeben von 1967 erinnert.
Am schlimmsten traf es nach Regierungsangaben den Küstenbundesstaat La Guaira an der Karibik, wo neben dem internationalen Flughafen auch der wichtigste Seehafen des Landes liegt. Dutzende Gebäude seien in der bei Touristen beliebten Region eingestürzt. Die Regierung erklärte das Gebiet zum Katastrophengebiet. Ein ebenfalls verifiziertes Video aus dem Küstenort Caraballeda zeigt mehrere große mehrstöckige Hotelgebäude, die entlang einer Straße kollabiert sind.
GFZ-Forscher Torsten Dahm verweist zum Vergleich auf ein Erdbeben der Stärke 7,7 im Jahr 1900 vor der nordöstlichen Küste nahe Caracas. Damals kamen 21 Menschen ums Leben, zahlreiche Gebäude wurden zerstört. Auch aus dem Jahr 1967 ist ein Beben der Magnitude 6,5 überliefert. Als womöglich stärkstes historisches Ereignis der Region gilt ein Beben von 1812 mit einer geschätzten Magnitude von bis zu 8.
Die aktuellen Erdstöße traten entlang einer Verwerfungszone auf, an der mehrere Erdplatten aufeinandertreffen. In der Region bewegen sich vor allem die karibische und die südamerikanische Platte gegeneinander, was immer wieder starke Beben auslösen kann.
Nach Einschätzung des GFZ gab es zwei starke Beben im Abstand von rund 30 Sekunden. Die US-Erdbebenwarte USGS meldete Magnituden von 7,2 und 7,5, das GFZ geht von 7,3 und 7,4 aus. In Fachkreisen wird weiter diskutiert, ob es sich tatsächlich um zwei getrennte starke Beben oder um einen einzigen Bruch handelte.
Wegen der hohen Stärke und der geringen Tiefe rechnen Fachleute mit erheblichen Schäden. Wie stark die Zerstörungen ausfallen, hängt laut Dahm auch von Bauweise und Bevölkerungsdichte ab. Nach frühen Erkenntnissen kamen mindestens 164 Menschen ums Leben, mindestens 971 weitere wurden verletzt. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Opfer weiter steigt.
Typischerweise folgen auf ein solches Ereignis zahlreiche Nachbeben. In den ersten acht Stunden wurde nach GFZ-Angaben bereits ein Nachbeben der Magnitude 4,6 registriert.
Einen Zusammenhang mit anderen jüngsten Beben etwa bei Neapel oder in Kalifornien sieht der Forscher nicht. Solche Ereignisse träten an weit voneinander entfernten Plattengrenzen unabhängig voneinander auf. Weltweit gebe es zudem jeden Tag viele Erdbeben; Ereignisse der Magnitude 4 bis 5 treten laut Dahm etwa 13.000 Mal pro Jahr auf.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber