Immer mehr Eltern lesen ihren Kindern regelmäßig vor
In Deutschland greifen Eltern beim Vorlesen offenbar deutlich häufiger zum Buch als noch vor einigen Jahren. Nach Angaben des aktuellen Vorlesemonitors der Stiftung Lesen lesen rund 77 Prozent der befragten Mütter und Väter ihrem Kind regelmäßig vor – also mehrmals täglich, einmal am Tag oder mehrmals pro Woche. Zum Vergleich: In der vorherigen Erhebung 2024 lag dieser Anteil noch bei knapp 68 Prozent, zwei Jahre zuvor bei etwa 61 Prozent.
Timm Albers, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn und an der Auswertung beteiligt, sprach von einer erfreulichen Entwicklung. Damit setze sich der positive Trend fort, der seit 2022 zu beobachten sei. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Eltern, die ihren Kindern nie vorlesen: Lag dieser Wert 2022 noch bei etwa 20 Prozent, sind es inzwischen nur noch 12 Prozent.
Besonders bei kleinen Kindern gibt es Zuwächse
Der Vorlesemonitor ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung. Die Untersuchung gibt es seit 2007. Nachdem zunächst jährlich Daten erhoben wurden, erfolgt die Befragung seit 2024 im Zweijahresrhythmus. Für die aktuelle Ausgabe wurden 914 Eltern repräsentativ befragt.
Auffällig ist laut Albers vor allem, dass auch den ganz kleinen Kindern heute öfter vorgelesen wird. Von den befragten Eltern einjähriger Kinder sagten rund 75 Prozent, dass sie dies regelmäßig tun. Zwei Jahre zuvor waren es noch 59 Prozent. Bei den Eltern von Zweijährigen liegt der Anteil regelmäßiger Vorleser sogar bei 93 Prozent – nach 78 Prozent in der Erhebung von 2024.

Vorlesen fördert Sprache und Austausch
Frühes Vorlesen ist nach Einschätzung von Albers besonders wichtig für die Entwicklung von Sprache und Wortschatz. Wenn das Vorlesen Teil des Alltags werde, entstünden dabei oft Gespräche mit den Kindern, die zusätzliche sprachliche Anreize schafften. Möglicherweise sei das Thema auch deshalb stärker in den Mittelpunkt gerückt, weil Bildungsstudien zuletzt schwächere Ergebnisse gezeigt hätten.
Stiftung warnt trotz positiver Zahlen
Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, sieht einen Grund für die günstige Entwicklung auch im bundesgeförderten Programm „Lesestart 1-2-3“. Dabei erhalten Familien in Kinder- und Jugendarztpraxen sowie in Bibliotheken Buchgeschenke.
Allerdings endet die Förderung nach seinen Angaben mit Ablauf dieses Jahres. Maas kritisierte das scharf und warnte davor, dass dadurch der positive Trend wieder gebremst werden könnte. Zudem dürfe nicht übersehen werden, dass noch immer etwa ein Viertel der Kinder gar nicht oder nur selten vorgelesen bekomme.
Bildungsstand bleibt ein Einflussfaktor
Aus dem Bundesbildungsministerium heißt es dazu, Projektförderungen seien grundsätzlich zeitlich begrenzt. Seit 2011 seien mehr als 40 Millionen Euro in das Programm geflossen. Der Stiftung stehe es frei, künftig erneut eine Projektskizze oder einen Förderantrag einzureichen. Darüber hinaus umfasse das Engagement des Ministeriums in der Sprach- und Leseförderung deutlich mehr als nur die „Lesestart“-Initiative.
Bei der Frage, wie häufig vorgelesen wird, zeigen sich laut Umfrage nur geringe Unterschiede zwischen Familien mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Deutlicher bleibt dagegen der Einfluss des Bildungsniveaus: In Familien mit formal höherer Bildung lesen 80 Prozent der Eltern regelmäßig vor, bei Eltern mit formal niedrigerer Bildung sind es 70 Prozent.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber