Ein 42 Jahre alter Israeli, der in der Silvesternacht 2023/24 nach eigenen Angaben als einer der Fahrer an der gewaltsamen Rückführung der sogenannten Block-Kinder aus Dänemark beteiligt war, sieht sich heute als missbraucht.
Bei einer Videovernehmung vor dem Hamburger Landgericht sagte der Mann laut Übersetzung, er könne inzwischen klar sagen, dass David Barkay ihn ausgenutzt habe. Barkay, 69 Jahre alt und Chef einer israelischen Sicherheitsfirma, gilt nach Darstellung der Staatsanwaltschaft als Drahtzieher der Aktion.
Barkay selbst hatte vor Gericht erklärt, ihm sei die Rechtmäßigkeit des Einsatzes zugesichert worden. Eine gewaltsame Aktion sei eigentlich nicht geplant gewesen, er habe angenommen, im Interesse der Familie Block zu handeln. Nach seiner Darstellung sei Christina Block zwar über sein Vorhaben informiert gewesen, Einzelheiten habe er ihr jedoch nicht genannt.
Im Zentrum des Verfahrens steht die Hamburger Unternehmerin Christina Block. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, die Sicherheitsfirma im Zuge eines jahrelangen Sorgerechtsstreits mit ihrem Ex-Mann beauftragt zu haben, die beiden jüngsten Kinder damals im Alter von 10 und 13 Jahren aus dem Haushalt des Vaters in Süddänemark entführen zu lassen. Block, Tochter des „Block House“-Gründers Eugen Block, bestreitet das. Nach ihrer Darstellung habe die Sicherheitsfirma eigenständig gehandelt.
Mitangeklagt ist auch ihr Lebensgefährte Gerhard Delling wegen Beihilfe. Der frühere Sportmoderator hat erklärt, er habe nichts Unrechtes getan. Neben Block und Delling stehen fünf weitere Personen vor Gericht. Der Prozess läuft seit Juli 2025. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Zeuge: Angebliche Rettungsaktion war „ganz anders“
Nach den Ermittlungen wurden die Kinder beim Silvesterfeuerwerk im dänischen Gråsten in ein Auto gezerrt und anschließend nach Deutschland gebracht. Der Zeuge sagte, Barkay habe dem Team erklärt, es handle sich um eine mit Behörden abgestimmte Rettungsmission vor dem „bösen Vater“. Man habe ihm vertraut und nicht weiter nachgefragt. Tatsächlich habe sich die Lage aber als völlig anders dargestellt.
Der 42-Jährige berichtete außerdem, er sei wegen der Erlebnisse inzwischen in Behandlung. Nach seinen Worten habe er erst in Dänemark erfahren, welche konkrete Aufgabe ihm zugedacht war. Vorher habe er sich darüber keine Gedanken gemacht. Zugleich betonte er, er hätte dem Jungen und dem Mädchen niemals etwas Schlimmes angetan. Er habe selbst ein Kind und sei „ein sehr guter Vater“. Er habe sich auf das Fahren konzentriert und sonst kaum etwas mitbekommen.
Nach eigener Aussage sei er überrascht gewesen, dass die Kinder im Dunkeln durch einen Wald laufen sollten. In diesem Moment habe er verstanden, dass etwas schieflaufe. Zunächst sei er nach Hamburg zurückgekehrt. Dort habe er dann zu seiner Überraschung erfahren, dass die Kinder bereits nach Süddeutschland gebracht worden seien und er ebenfalls dorthin fahren solle.
Verteidigung thematisiert frühere Aussagen
Verteidiger Ingo Bott hielt dem Zeugen seine Angaben bei der Polizei vor. Dort habe der 42-Jährige gesagt, Barkay habe gezielt „einfache Leute“ für das Vorhaben ausgesucht, die sich leicht täuschen ließen. Über den 69-Jährigen sagte der Zeuge demnach auch: „Er kann andere Menschen lesen.“ Während der Aktion habe er zeitweise gedacht: „Wir sind hier wie in einer Mossad-Operation.“ Barkay hatte nach eigenen Angaben für den Geheimdienst gearbeitet.
Der 42-Jährige sowie weitere Beschuldigte aus Israel hatten sich erst mitten im laufenden Prozess gemeldet. Gegen sie könnten später ebenfalls Anklage erhoben und eigene Verfahren geführt werden.
Begegnung in Süddeutschland
Der Zeuge schilderte auch ein späteres Treffen mit Christina Block auf einem Bauernhof in Baden-Württemberg, wohin die Kinder gebracht worden sein sollen. Block hatte selbst ausgesagt, sie habe erst an Neujahr 2024 von den mutmaßlichen Entführern erfahren, was geschehen war. Der Zeuge sagte über die Begegnung, Block sei „voller Emotionen“ gewesen. Er selbst habe zu ihr gesagt, sie sei schön „wie eine Prinzessin“.
Streit um angebliches Treffen mit Christina Block vor der Tat
Christina Block hatte vor Gericht erklärt, sie habe vorab nichts von konkreten Tatplänen gewusst. Mehrere mutmaßliche Entführer, die bereits ausgesagt haben, berichteten allerdings von einem Treffen mit ihr kurz vor der Aktion. Auch der aktuelle Zeuge schilderte einen solchen Termin, der seinen Angaben zufolge am 30. Dezember in einem Konferenzraum des zur Block-Gruppe gehörenden Hotels Grand Elysée stattgefunden haben soll.
Nach seiner Aussage habe Block zu den maskierten Männern gesagt: „Nur ihr Israelis könnt meine Kinder zurückbringen.“ Außerdem habe sie sich bedankt und Gegenstände übergeben, die die Kinder an ihr früheres Leben bei der Mutter in Hamburg erinnern sollten.
Die Verteidigung von Block hat erneut bestritten, dass es ein solches Treffen gegeben habe. Anwalt Bott verwies im Gericht auf Widersprüche in den Aussagen der Israelis, etwa bei Datum und Uhrzeit. Als er den Zeugen zu Details wie Sitzordnung, Entfernung und der Farbe einer angeblich übergebenen Decke befragte, konnte sich der 42-Jährige daran nicht erinnern.
Unterschiedliche Bewertung der Aussage
Nach Abschluss der Vernehmung bewertete der Vertreter der Nebenklage die Aussage des 42-Jährigen als glaubhaft. Mehrere Verteidiger sahen das anders und betonten, die Schilderungen der Israelis passten nicht zusammen.
Aus Sicht der Verteidigung spricht die jüngste Aussage zudem gegen den Vorwurf, es habe monatelange Planungen zwischen den Angeklagten und Barkay gegeben. Demnach habe der mutmaßliche Kopf der Aktion erst am 31. Dezember 2023 spontan entschieden, die Kinder zu holen, nachdem er erfahren habe, dass sie das Feuerwerk am Hafen anschauen würden.
Der Prozess wird am 8. Juli fortgesetzt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber