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«Als alle wegschauten»: Dafür gibt’s jetzt eine Ehrung

Plötzlich attackiert er bei der Arbeit eine Kollegin. Zwei Männer greifen ein und riskieren ihr Leben – jetzt werden sie geehrt.

14.09.2026, 14:13 Uhr

Courage-Medaille für zwei Kollegen nach tödlicher Messerattacke

Was als ruhiger Sommertag begann, endete für Mitarbeitende des Überlandwerks Rhön in Mellrichstadt in einer Katastrophe. Kurz nach 7.00 Uhr am 1. Juli des vergangenen Jahres unterhielt sich Volker Schmitt in seinem Büro mit einer Kollegin, am Abend war ein gemeinsames Grillen geplant. Wenige Minuten später griff ein junger Kollege die 59-Jährige plötzlich mit einem Messer an.

Schmitt reagierte sofort. Der heute 57-Jährige rief um Hilfe und ging unbewaffnet auf den Angreifer los. Auch Walter Reininger kam aus einem Nebenraum hinzu und griff ein. Trotz des mutigen Einsatzes der beiden Männer konnte die Frau nicht mehr gerettet werden. Sie starb an den gezielten Messerstichen. Schmitt erlitt lebensgefährliche Verletzungen und überlebte nur dank einer stundenlangen Notoperation. Reininger wurde ebenfalls schwer verletzt.

Ehrung für beherztes Eingreifen

Mehr als ein Jahr nach der Tat werden Schmitt und Reininger gemeinsam mit 20 weiteren Bürgerinnen und Bürgern von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Courage-Medaille ausgezeichnet. Die Ehrung würdigt Menschen, die durch entschlossenes Handeln einen besonderen Beitrag zur Inneren Sicherheit geleistet haben.

Schmitt erinnert sich, dass er in dem Moment keine Zeit zum Nachdenken hatte. Als der damals 21 Jahre alte Täter auf die Kollegin losging, habe für ihn sofort festgestanden, dass er helfen müsse. Er wisse noch, dass er laut um Hilfe und nach der Polizei gerufen habe. Danach setze seine Erinnerung aus.

Prozess zur Messerattacke in Mellrichstadt
Die Tat geschah am 1. Juli vergangenen Jahres. (Archivbild) Quelle: Daniel Vogl/dpa

Auch Reininger zögerte nach eigenen Worten nicht. Er habe keine Sekunde überlegt, bevor er seinem Kollegen zu Hilfe eilte. Hätte er den Raum verlassen, wäre für ihn die Frage geblieben, ob sich die Tat vielleicht hätte verhindern lassen. Mit diesem Gedanken hätte er kaum leben können, sagte er.

Gemeinsam gelang es, den Täter zu stoppen

Erst mit Unterstützung eines weiteren Kollegen gelang es Reininger schließlich, dem Angreifer das Messer abzunehmen. Zusammen mit anderen herbeigeeilten Mitarbeitenden hielten sie den Mann fest, bis die Polizei eintraf. Für Schmitt ist klar: Nur durch das gemeinsame Eingreifen konnte der Täter gestoppt werden. Zusammen sei man stärker als allein.

Körperlich und seelisch bleiben die Folgen

Die Auswirkungen der Tat sind für beide bis heute spürbar. Schmitt kann eine Hand noch immer nicht richtig benutzen, nachdem bei dem Angriff eine Sehne durchtrennt wurde. Narben an der Hand und eine 25 Zentimeter lange Narbe am Bauch erinnern ihn täglich an das Geschehen. Reininger, der unter anderem einen tiefen Stich ins Bein erlitt, ist körperlich wieder genesen.

Psychisch aber kämpfen beide weiter mit den Folgen. Schmitt berichtet, dass ihn die Erinnerungen jeden Tag begleiten. Vor allem abends kämen die Bilder immer wieder hoch, sodass er oft lange nicht einschlafen könne. Er arbeitet inzwischen wieder in seinem früheren Beruf, auch um Ablenkung zu haben.

Reininger leidet ebenfalls weiterhin unter den Erinnerungen. Berichte über Messerangriffe lösen bei ihm Schweißausbrüche aus, teils schon der bloße Anblick eines Messers. Die Erlebnisse hätten bleibende Spuren hinterlassen, sagt er. Der bald 64-Jährige ist nicht an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Beide befinden sich nach wie vor in therapeutischer Behandlung.

"Wegschauen ist keine Lösung"

Trotz allem halten beide ihr Eingreifen für richtig. Für Reininger steht fest: Wegsehen könne niemals eine Antwort sein. Auch Schmitt ist überzeugt, dass es damals keine andere Möglichkeit gab.

Eine zusätzliche Belastung war für beide der Prozess gegen den Täter, der inzwischen wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In dem Verfahren war wiederholt von einer regelrechten Hinrichtung die Rede.

Schmitt blickt nach eigenen Worten noch immer mit Wut und Unverständnis auf den Täter. Besonders das Leid der Familie des Opfers beschäftige ihn. Die getötete Kollegin hinterließ ihren Ehemann und ihre Söhne, die bis heute trauern. Weshalb der junge Mann einen solchen Hass auf die Frau entwickelt hatte, blieb letztlich unklar. Genau diese offene Frage nach dem Warum beschäftigt Schmitt und Reininger bis heute.

Mit der Auszeichnung hatten beide nicht gerechnet. Dass der Preis ein Zeichen gegen Gleichgültigkeit und Wegsehen setzt, begrüßen sie ausdrücklich.

Die diesjährigen Trägerinnen und Träger der Courage-Medaille kommen aus ganz Bayern. Nach Angaben des Innenministeriums wurden Menschen geehrt, die in sehr unterschiedlichen Situationen eingegriffen haben – etwa bei Messerangriffen, zur Verhinderung von Sexualdelikten, bei Raubüberfällen, bei Betrugsversuchen durch Schockanrufe oder falsche Polizeibeamte sowie bei vereitelten Einbrüchen und Fällen illegaler Schleusung.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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