Studie: Nach Cannabis-Freigabe mehr Klinikfälle in Deutschland
Zwei Jahre nach der Freigabe von Cannabis für Erwachsene verzeichnen deutsche Krankenhäuser mehr Behandlungen im Zusammenhang mit der Droge. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Hamburg und Leipzig in einer im „Deutschen Ärzteblatt International“ veröffentlichten Analyse. Demnach stiegen sowohl akute Cannabis-Vergiftungen als auch durch den Konsum ausgelöste Psychosen. Insgesamt sei der Zuwachs jedoch moderat und liege nur im einstelligen Prozentbereich.
Mögliche Ursachen für den Anstieg
Die Wissenschaftler nennen zwei denkbare Erklärungen. Zum einen könnte die Legalisierung dazu geführt haben, dass mehr Menschen Cannabis ausprobiert haben, weil die rechtlichen Hürden gesunken sind. Für diese Annahme gebe es bislang aber nur wenig wissenschaftliche Hinweise, auch Umfragen stützten sie kaum.
Als wahrscheinlicher bewerten die Autoren eine andere Entwicklung: Immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten könnten auf besonders starkes medizinisches Cannabis aus Online-Apotheken ausweichen, das inzwischen vergleichsweise leicht erhältlich sei – auch außerhalb einer klassischen medizinischen Nutzung.
Höherer THC-Gehalt bei Medizinalcannabis
Laut Studie liegt der THC-Gehalt bei verschriebenem Cannabis im Durchschnitt bei 24 Prozent. Auf dem Schwarzmarkt seien es im Mittel etwa 15 Prozent. THC ist der psychoaktive Hauptwirkstoff der Hanfpflanze und verantwortlich für den berauschenden Effekt.
Die Autoren warnen, dass Cannabis mit mehr als 10 bis 15 Prozent THC mit einem höheren Risiko für psychische Probleme verbunden sei. Der Wechsel zu starkem Medizinalcannabis könne daher selbst für erfahrene Konsumierende sowie für Patientinnen und Patienten problematisch sein.

Erleichterter Zugang seit 2024
Seit 2024 ist Cannabis in Deutschland für Erwachsene nicht nur legaler Besitz- und Anbaugegenstand. Gleichzeitig wurde die Substanz aus dem Betäubungsmittelgesetz herausgenommen. Dadurch ist es für Ärztinnen und Ärzte deutlich einfacher geworden, medizinisches Cannabis zu verordnen.
Auswertung von mehr als 70.000 Krankenhausfällen
Für ihre Untersuchung analysierten die Forschenden um Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und vom Universitätsklinikum Leipzig Daten aus mehr als 70.000 Krankenhausaufnahmen.
Im ersten Jahr nach Inkrafttreten der neuen Regelung wurden demnach 1.395 zusätzliche Erwachsene wegen cannabisbezogener Probleme stationär aufgenommen. Das entspreche einem Plus von 7 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Legalisierung. Bei Jugendlichen registrierten die Wissenschaftler 91 zusätzliche Einweisungen, also einen Anstieg um 3,9 Prozent.
Psychiater warnt vor langfristigen Folgen
Der Augsburger Psychiater Alkomiet Hasan, der nicht an der Studie beteiligt war, hält die Ergebnisse für bedeutsam. Auch ein begrenzter Anstieg könne erhebliche gesellschaftliche Auswirkungen haben, sagte er. Mit den Jahren könnten einzelne Fälle in schwere psychische Erkrankungen übergehen, etwa in Schizophrenie oder mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sein.
Schon vor der Teillegalisierung hatten Fachleute davor gewarnt, dass die Zahl cannabisbedingter Psychosen steigen könnte. Solche Erkrankungen gehen häufig mit Halluzinationen oder Wahnvorstellungen einher und sind für Betroffene oft stark belastend.
Autoren nennen auch mögliche Verzerrungen
Die Studienautoren weisen darauf hin, dass mehrere Faktoren die Ergebnisse beeinflusst haben könnten. So könnten Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern infolge der öffentlichen Debatte gezielter nach Cannabiskonsum fragen und entsprechende Diagnosen häufiger stellen. Ebenso sei denkbar, dass Betroffene eher medizinische Hilfe suchen, weil sie weniger Angst vor Stigmatisierung haben.
Hasan meint jedoch, diese Effekte könnten den gesamten Anstieg nicht vollständig erklären. Den vermuteten Zusammenhang mit dem Konsum von medizinischem Cannabis hält er daher für plausibel. Aus seiner Sicht müsse die Politik Konsequenzen ziehen, wenn Medizinalcannabis zunehmend auch zu Freizeitzwecken genutzt werde.
Deutschland mit großem Markt für Medizinalcannabis
Eine im April veröffentlichte Bewertung der Folgen des Cannabisgesetzes kam zu dem Schluss, dass Deutschland inzwischen über den größten grundsätzlich legal-kommerziellen Markt für medizinisches Cannabis in Europa verfügt. Im Jahr 2025 wurden demnach 200 Tonnen Medizinalcannabis legal importiert. Das entsprach einem Zuwachs von 198 Prozent gegenüber 2024.
Inzwischen hat das Bundeskabinett strengere gesetzliche Vorgaben für den Zugang zu medizinischem Cannabis auf den Weg gebracht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber