Wissen

Studie: Hatte die Antike 10.000 Sprachen?

Heute gibt es noch 7.500 Sprachen – einst könnten es laut Studie unfassbare 50.000 gewesen sein. Was ist mit ihnen passiert?

24.07.2026, 04:00 Uhr

Studie zur Sprachgeschichte: Möglicherweise gab es einst viel mehr Sprachen als heute

Der biblischen Erzählung nach sprachen die Menschen beim Bau des Turms zu Babel zunächst alle dieselbe Sprache. Weil sie aus Übermut bis zum Himmel reichen wollten, habe Gott ihre Sprache verwirrt. So entstanden viele verschiedene Sprachen, die Menschen verstanden einander nicht mehr und zerstreuten sich über die Erde.

Als historisches Vorbild für diese Geschichte gilt häufig der babylonische Tempelturm Etemenanki aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Ausgerechnet in dieser Zeit könnte es nach einer neuen Untersuchung tatsächlich eine außergewöhnlich große sprachliche Vielfalt gegeben haben. Demnach könnte die Menschheit zwischen etwa 1000 vor Christus und 1000 nach Christus zeitweise Zehntausende Sprachen verwendet haben.

Zunächst mehr Vielfalt, später ein deutlicher Rückgang

Die im Fachjournal Science veröffentlichte Studie eines Forschungsteams aus Spanien, den USA und Deutschland spricht sogar von einem möglichen „goldenen Zeitalter“ der Sprachen. Zu Beginn des Holozäns vor rund 12.000 Jahren seien vermutlich deutlich weniger Sprachen verbreitet gewesen, schätzungsweise zwischen 4.500 und 6.200. Mit dem Wachstum der Bevölkerung habe auch die Zahl der Sprachen zugenommen.

Den Höhepunkt verorten die Forschenden in der Zeit vor etwa 1.000 bis 3.000 Jahren. Damals könnte es bis zu zehnmal mehr Sprachen gegeben haben als im frühen Holozän – also grob gerechnet rund 50.000. Mit dem Aufstieg großer Reiche und Staaten habe diese Vielfalt dann jedoch stark abgenommen.

Sprachvielfalt
Eine 3.500 Jahre alte Tontafel mit Teilen aus dem Gilgamesch-Epos. Quelle: Ameer Al Mohammedaw/dpa

Rekonstruktion mithilfe von Computermodellen

Die Studie beruht nicht auf einer direkten Zählung urgeschichtlicher Sprachen, sondern auf Modellrechnungen. Grundlage sind ethnographische Daten von 171 Jäger- und Sammlergruppen. Daraus leitete das Team ab, wie sich Gruppen mit jeweils eigener Sprache verteilt haben könnten, und verband diese Annahmen mit Schätzungen zur damaligen Weltbevölkerung.

Russell Gray vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bezeichnete vor allem einen Punkt als überraschend: Unmittelbar vor dem Beginn der Landwirtschaft habe es weltweit wohl keinen besonders hohen Sprachreichtum gegeben. Wahrscheinlich seien damals sogar weniger Sprachen gesprochen worden als heute.

Erst mit dem Bevölkerungswachstum über viele Jahrtausende hinweg sei auch die sprachliche Vielfalt gestiegen. Landwirtschaft, technische Neuerungen und eine bessere Nahrungsversorgung hätten dazu beigetragen, dass mehr Menschen auf der Erde leben konnten.

Warum sich einige Sprachen durchsetzten

Nach diesem Höhepunkt sei die Zahl der Sprachen schnell zurückgegangen. Mit der Expansion früher Imperien kamen zuvor getrennte Gruppen immer stärker miteinander in Kontakt. Dadurch konnten sich einzelne mächtige Sprachen verbreiten und andere verdrängen.

Besonders die Sprachen jener Gruppen, die sich ausdehnten, hätten bessere Überlebenschancen gehabt. Die Sprachen der Gemeinschaften, die in größere politische oder kulturelle Einheiten aufgenommen wurden, verschwanden dagegen häufiger.

Erstautor Damian Blasi von ICREA und der Harvard University sagt, die heute existierenden Sprachen seien im Grunde die Überlebenden dieser Entwicklung. Prozesse des Sprachensterbens könnten die sprachliche Landschaft der Menschheit viel stärker geprägt haben, als bisher angenommen wurde.

Fachleute mahnen zur Vorsicht

Der Passauer Sprachwissenschaftler Johann-Mattis List, der nicht an der Studie beteiligt war, weist darauf hin, dass derartige Rekonstruktionen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden seien. Wie die sprachliche Situation in vorgeschichtlicher Zeit tatsächlich aussah, lasse sich letztlich nicht sicher wissen. Dennoch hält er solche Untersuchungen für sinnvoll.

Blasi verteidigt die verwendeten Modelle als robust und die zugrunde liegenden Annahmen als plausibel. Zugleich räumt er ein, dass künftige, bessere Modelle auch zu anderen Ergebnissen führen könnten. Gerade für die Zeit vor der Entstehung der Schrift vor rund 6.000 Jahren gebe es keinerlei direkte Belege zur Sprachvielfalt. Aber auch für spätere Epochen sei die Quellenlage oft lückenhaft.

Heute dominieren wenige große Sprachen

Die Studie zieht schließlich eine Verbindung zur Gegenwart: Zurzeit gibt es weltweit etwa 7.500 Sprachen, doch die Vielfalt nimmt weiter ab. Gleichzeitig breiten sich einige wenige besonders große Sprachen immer stärker aus, darunter Englisch, Spanisch, Mandarin, Arabisch und Hindi.

Nach Angaben des Forschungsteams sprechen fast fünf Milliarden Menschen mindestens eine der zehn meistverbreiteten Sprachen. Zugleich gilt etwa die Hälfte aller Sprachen weltweit inzwischen als bedroht. Jedes Jahr verschwinden demnach rund vier Sprachen – und mit ihnen auch kulturelles Wissen und wissenschaftlich relevantes Erbe, das in kleinen Sprachgemeinschaften bewahrt wird.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen