Gamescom startet: Mehr Spieler, neue KI-Trends und alte Standortprobleme
Mit einer Bühnenshow vor rund 5.000 Fans ist die Gamescom in Köln eröffnet worden. Bis Sonntag präsentieren mehr als 1.600 Aussteller ihre Neuheiten, erwartet werden erneut Hunderttausende Besucher. Die Messe zeigt, welche Themen die Branche derzeit besonders bewegen.
Gaming gewinnt weiter an Bedeutung
Videospiele sind in Deutschland fest im Alltag vieler Menschen angekommen. Nach Schätzung des Branchenverbands Game spielen etwa sechs von zehn Menschen zwischen 6 und 69 Jahren. Auch andere Umfragen zeichnen ein ähnliches Bild: Laut Bitkom greifen 55 Prozent der Befragten ab 16 Jahren zumindest gelegentlich zu Computer- oder Videospielen. Der Trend zeigt nach oben.
Weltweit wächst der Markt ebenfalls. Das Marktforschungsunternehmen Newzoo geht davon aus, dass die Zahl der Spielerinnen und Spieler von 3,55 Milliarden im Jahr 2025 auf 4,07 Milliarden im Jahr 2029 zunimmt.
Besonders stark ist Gaming bei Jüngeren verbreitet. In der Altersgruppe von 16 bis 29 Jahren spielen laut Bitkom 89 Prozent, bei den über 65-Jährigen sind es 24 Prozent. Im Durchschnitt verbringen Gamer in Deutschland täglich rund 2 Stunden und 20 Minuten mit Spielen. Gleichzeitig gibt es eine besonders aktive Gruppe: Jeder zehnte Spieler kommt auf mehr als fünf Stunden pro Tag.
Am häufigsten wird auf dem Smartphone gespielt. Danach folgen Konsole und Laptop. Einen klassischen Desktop-PC nutzt nur etwa die Hälfte der Spielenden. Besonders beliebt sind Casual Games wie etwa "Candy Crush", außerdem Jump’n’Runs und Strategiespiele. Auch Shooter und Sporttitel haben weiterhin viele Fans.

Wirtschaftlich bleibt die Lage gemischt
Die langfristigen Perspektiven für die Games-Branche gelten grundsätzlich als gut. Während der Corona-Pandemie erlebte der Markt einen deutlichen Schub. Danach ließ die Nachfrage jedoch nach, und Investoren wurden vorsichtiger. Vor allem kleinere Studios gerieten dadurch unter Druck, manche mussten Personal abbauen oder ganz schließen.
Inzwischen stabilisiert sich die Lage zwar wieder, von einer rundum positiven Entwicklung kann aber keine Rede sein. Nach Angaben des Verbands Game sank der Umsatz mit Games in Deutschland im ersten Halbjahr um drei Prozent auf 4,2 Milliarden Euro. Vor allem teurere Hardware belastete die Kauflaune vieler Verbraucher.
Deutschland bleibt international nur ein Nebenschauplatz
Im globalen Games-Geschäft spielt Deutschland bislang nur eine eher kleine Rolle. Schätzungen zufolge fließen nur etwa fünf Prozent der Ausgaben, die hierzulande für Games anfallen, in Produktionen aus Deutschland, etwa in Titel von Studios wie Crytek aus Frankfurt.
Die Politik will daran etwas ändern. Der Bund stellt in diesem Jahr 125 Millionen Euro an Fördermitteln für die Branche bereit – deutlich mehr als noch vor einigen Jahren.
Ein zentraler Wettbewerbsnachteil bleibt jedoch bestehen: Steuerliche Erleichterungen, wie sie in Ländern wie Kanada längst üblich sind, sind in Deutschland weiterhin nicht in Sicht. Zwar wird das Thema im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD erwähnt, konkrete Schritte fehlen bislang. Aus Sicht der Branche sind die Produktionskosten hierzulande im internationalen Vergleich zu hoch. Das sorgt für Frust: Das Interesse an Gaming wächst, die Gamescom meldet einen Ausstellerrekord und erzielt online enorme Reichweiten – trotzdem hat der Standort Deutschland weiterhin Schwierigkeiten.
Künstliche Intelligenz verändert Spiele und Entwicklung
KI spielt inzwischen auch in der Games-Branche eine immer größere Rolle. Das betrifft zum einen die Entwicklung von Spielen, bei der sich Abläufe beschleunigen und automatisieren lassen. Das sorgt jedoch auch für Unsicherheit unter Beschäftigten und Selbstständigen. Petra Fröhlich vom Branchenmagazin "Gameswirtschaft" spricht von einem mulmigen Gefühl bei vielen Kreativen. Grafikdesigner, Übersetzer oder Marketingfachleute fragten sich, ob ihre Arbeit künftig noch in gleichem Maße gebraucht werde.
Zum anderen verändert KI das eigentliche Spielerlebnis. In modernen Spielen werden Mitstreiter oder Gegner zunehmend von intelligenten Systemen gesteuert. So können in Actiontiteln KI-Begleiter auftreten, denen Spieler per Mikrofon Anweisungen geben. Anders als früher folgen diese nicht nur festen Skripten, sondern reagieren flexibler auf das Verhalten des Menschen. Wer etwa bevorzugt mit einem Sturmgewehr kämpft, kann erleben, dass der KI-Partner eigenständig nach passender Munition oder einer solchen Waffe sucht.
Laut Fröhlich führt das zu individuelleren Reaktionen und macht Spiele glaubwürdiger sowie abwechslungsreicher. Statt immer gleicher Abläufe entstehen passendere Situationen, die das Erlebnis lebendiger wirken lassen.
Auch in Rollenspielen und Sportspielen übernimmt KI zunehmend die Steuerung von Figuren. Besonders interessant ist das für Online-Multiplayer-Titel. Wenn ein Spiel eigentlich 100 Teilnehmende benötigt, kann der Start künftig womöglich schon mit deutlich weniger echten Spielern erfolgen, weil fehlende Figuren nahtlos durch KI ersetzt werden. Das verkürzt Wartezeiten und erleichtert den Einstieg.
Bei den Spielerinnen und Spielern kommt diese Entwicklung offenbar gut an. In einer Bitkom-Umfrage sagten 65 Prozent, dass Spielwelten und Figuren durch KI realistischer wirkten. Mehr als die Hälfte empfindet das Spielerlebnis dadurch als individueller und gibt an, lieber gegen KI-gesteuerte Gegner anzutreten als gegen menschliche Kontrahenten.
Eine KI, die das Verhalten des Spielers analysiert, kann Spiele zudem spannender machen. Sie passt Reaktionen und Schwierigkeitsgrad an und sorgt dafür, dass der Verlauf weniger vorhersehbar wird. Gerade in Einzelspieler-Titeln kann das hilfreich sein: Erkennt die KI das Niveau eines Spielers, lassen sich Gegner entsprechend anpassen. So wird vermieden, dass ein Spiel zu leicht und langweilig oder zu schwer und frustrierend wird.
Spieler erschaffen immer häufiger eigene Inhalte
Ein weiterer wichtiger Trend ist sogenannter "User Generated Content". Dabei entwickeln Nutzer eigene Spielwelten, zusätzliche Kapitel oder sogar komplette Spiele – zum Beispiel auf Plattformen wie Roblox oder innerhalb des Fortnite-Kosmos.
Auch hier hilft KI. Wer Ideen hat, kann mit vergleichsweise einfachen Eingaben Inhalte entwerfen und kreativ experimentieren. Noch seien viele dieser von Privatpersonen gebauten Spiele eher schlicht, sagt Fröhlich. Doch die Qualität und Komplexität dürften weiter steigen.
Langfristig könnte das vor allem Anbieter einfacher kommerzieller Handyspiele unter Druck setzen, etwa bei Puzzle-, Tetris- oder Memory-Varianten. Wenn der Markt zunehmend mit kostenlosen Nutzerproduktionen überschwemmt wird, könnte das das Geschäftsmodell bestimmter Studios spürbar erschweren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber