Wirtschaft

Warum Ungarn jetzt Deutschlands Auto-Werkbank ist

Mercedes pumpt Milliarden nach Ungarn – wird dort jetzt die neue Auto-Macht geboren? Und was bleibt dann noch für Deutschland?

13.07.2026, 04:00 Uhr

Mercedes baut Werk in Ungarn zur größten Autofabrik des Landes aus

Kecskemét liegt gut 80 Kilometer südöstlich von Budapest und damit weit entfernt von Stuttgart. Dennoch ist die ungarische Stadt ein zentraler Baustein für das Geschäft der deutschen Autoindustrie. Mercedes-Benz hat dort nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Euro investiert und den Standort damit zur größten Autofabrik Ungarns ausgebaut.

In Kecskemét werden bereits die A-Klasse und der SUV GLB gebaut. Künftig soll dort unter anderem auch die vollelektrische C-Klasse vom Band laufen. Für die Erweiterung entstanden zwei Hallen für Karosserie- und Montagelinien, ein zusätzliches Presswerk, eine neue Lackiererei sowie eine Batteriemontage. Damit kann die Kapazität des Werks perspektivisch auf bis zu 400.000 Fahrzeuge pro Jahr steigen. Dann wäre Kecskemét nicht nur das größte Autowerk Ungarns, sondern auch der größte Mercedes-Standort Europas und weltweit die zweitgrößte Fabrik des Konzerns.

Mercedes-Chef Ola Källenius hob bei der Eröffnung die strategische Bedeutung des Werks hervor. Der weltweite Wettbewerb werde härter – technologisch ebenso wie bei Kosten, Tempo und Qualität. Werke wie Kecskemét seien deshalb ein Vorteil im Wettbewerb und zeigten, dass hohe Qualität und Kosteneffizienz zusammenpassen. Die Fabrikkosten dort setzten in Europa Maßstäbe, so Källenius.

Teil einer größeren Konzernstrategie

Der Ausbau ist Teil des Kurses des Managements um Källenius. Mercedes will den Produktionsanteil in europäischen Niedriglohnländern in den kommenden Jahren von 15 auf 30 Prozent verdoppeln. Gleichzeitig soll die maximal mögliche Produktion in Deutschland weiter sinken und auf 900.000 Fahrzeuge zurückgehen.

Warum Ungarn für Mercedes so attraktiv ist

Die deutschen Autobauer stehen unter hohem Druck. Vor allem Zölle und der intensive Wettbewerb in China belasten das Geschäft. Bei Mercedes sind Absatz, Umsatz und Gewinn zuletzt gesunken. Zugleich kritisiert der Konzern zunehmend die hohen strukturellen Kosten in Deutschland, vor allem bei der Arbeit. Diese seien im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig. In einem Schreiben an die Beschäftigten hieß es jüngst, jede Vergabe neuer Produkte und Aufgaben an deutsche Standorte verschlechtere die relative Kostenposition.

In Ungarn sieht die Lage aus Unternehmenssicht deutlich günstiger aus. Finanzchef Harald Wilhelm zufolge liegen die Produktionskosten dort rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau. Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, hält diese Größenordnung für plausibel. Deutschland habe in der Automobilindustrie weltweit die höchsten Produktionskosten, sagt sie.

Neben niedrigeren Löhnen lockt Ungarn die Konzerne auch mit staatlicher Unterstützung. Nach Einschätzung Wisberts bietet das Land Förderprogramme, hilft bei Ansiedlungen und Genehmigungen und unterstützt beim Aufbau der Infrastruktur. Hinzu kommt die zentrale Lage in Europa. Deshalb ist Ungarn nicht nur für deutsche Hersteller interessant, sondern auch für Unternehmen wie BYD oder den Batteriehersteller CATL.

Deutsches Autocluster im Herzen Europas

Mercedes ist mit seinem Ausbau nicht allein. Im ostungarischen Debrecen, rund zweieinhalb Autostunden entfernt, hat BMW erst im Herbst ein neues, stark auf Elektromobilität ausgerichtetes Werk eröffnet. Dafür investierte der Konzern gut zwei Milliarden Euro. Den Produktionsstart machte der neue SUV iX3.

Auch der Volkswagen-Konzern ist in Ungarn präsent. Im westungarischen Győr baut Audi unter anderem den SUV Q3, außerdem läuft dort auch ein Modell der Marke Cupra vom Band. Im Jahr 2025 wurden dort gut 200.000 Fahrzeuge gefertigt. Darüber hinaus produziert Audi an dem Standort Karosseriebauteile sowie fast 1,6 Millionen Benzin- und Dieselmotoren und elektrische Antriebe. Angesichts der Umbaupläne von VW-Chef Oliver Blume dürfte das Werk gemeinsam mit dem nahegelegenen Standort in Bratislava weiter an Bedeutung gewinnen.

Zulieferer folgen den Herstellern

Rund um die Fabriken hat sich inzwischen ein dichtes Netz deutscher Zulieferer gebildet. Branchenexperte Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands erklärt, Unternehmen mit langjähriger Bindung an einen Hersteller gingen häufig auch ins Ausland, um von neuen Werken direkt zu profitieren.

Das zeigt sich auch in Ungarn. Bosch produziert dort unter anderem Komponenten für Elektroautos und betreibt in Budapest sein größtes europäisches Entwicklungszentrum. ZF Friedrichshafen stellt unter anderem Getriebe her und produziert gemeinsam mit Foxconn E-Achsen. Auch Aumovio, die frühere Conti-Sparte, unterhält in der Hauptstadt ein KI-Entwicklungszentrum.

Produktionsverlagerung dürfte weitergehen

Die Werkseröffnung fällt in eine Phase großer Unruhe in der deutschen Autoindustrie. Zehntausende Beschäftigte sorgen sich um ihre Arbeitsplätze, Einkommen geraten unter Druck, die 35-Stunden-Woche wird infrage gestellt und selbst Werksschließungen sind kein Tabu mehr. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie werden inzwischen knapp sieben von zehn Pkw deutscher Hersteller im Ausland gebaut. Seit 2022 fließt auch die Mehrheit der Investitionen ins Ausland.

Professorin Wisbert geht davon aus, dass dieser Trend noch nicht abgeschlossen ist. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sei es nachvollziehbar, die elektrische C-Klasse in Ungarn zu fertigen. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland sei das jedoch ein schlechtes Signal. Besonders problematisch sei, dass nun auch Premiumhersteller wie Mercedes, die bei Preisen mehr Spielraum hätten als Volumenmarken, neue Elektroautos nicht mehr in Deutschland produzieren.

Hält der Kostenvorteil dauerhaft?

Nach VDA-Angaben haben deutsche Autokonzerne im vergangenen Jahr gut 300.000 Fahrzeuge in Ungarn produziert. Höhere Stückzahlen gab es nur in Tschechien, Spanien und der Slowakei. Mit dem Hochlauf der neuen Werke dürfte Ungarn in diesem Ranking weiter nach oben rücken.

Allerdings dürfte auch dort das Lohnniveau langfristig steigen. Wisbert betont jedoch, dass es noch ein weiter Weg sei, bis ungarische Kosten das deutsche Niveau erreichten – zumal auch dieses weiter zunehme.

Hinzu kommt die politische Dimension. Die Standortverlagerungen nach Ungarn standen wegen des zunehmend autoritären Kurses der Regierung von Viktor Orbán immer wieder in der Kritik. Gegner warfen den Konzernen vor, demokratische Defizite in Kauf zu nehmen, um von Subventionen und Steuererleichterungen zu profitieren. Schwope erwartet dennoch, dass Ungarn durch den Regierungswechsel für deutsche Autobauer noch interessanter werden könnte.

Ungarns neuer Ministerpräsident Peter Magyar würdigte das Mercedes-Werk bei der Eröffnung als starkes Symbol der deutsch-ungarischen Zusammenarbeit. Das Zusammenspiel von ungarischem und deutschem Know-how stärke die Position des Landes in der globalen automobilen Wertschöpfungskette, sagte er.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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