Wirtschaft

VW-Belegschaft will Vorstand zum Showdown zwingen

VW baut radikal um, die Belegschaft ist alarmiert: Was steckt hinter dem Sparkurs – und wer sagt endlich die Wahrheit?

11.09.2026, 13:58 Uhr

Nach dem Beschluss des VW-Aufsichtsrats für einen verschärften Sparkurs drängt die Arbeitnehmerseite auf Verhandlungen mit dem Management. Die Tarifkommission der IG Metall hat dafür einstimmig beschlossen, eine Klausel aus dem Zukunftstarifvertrag von Ende 2024 zu ziehen. Das teilte die Gewerkschaft in Hannover mit. Volkswagen begrüßte den Schritt kurz darauf und erklärte, für Gespräche bereit zu stehen.

In dem vorgesehenen Überprüfungsgespräch will die Gewerkschaft klären, ob Volkswagen seine tariflich zugesagten Zukunftsversprechen einhält. Im Mittelpunkt stehen dabei Investitionen in neue Modelle, Zukunftsprodukte und moderne Produktionsverfahren. Der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger machte deutlich, dass die Beschäftigten weitere Unklarheiten nicht akzeptieren würden. Vertragstreue sei keine Einbahnstraße, sagte er sinngemäß. Wer von der Belegschaft Verzicht verlange, müsse selbst verlässlich liefern.

Gröger betonte zudem, es gehe nicht um neue Forderungen der IG Metall, sondern um die Einhaltung eines bestehenden Tarifvertrags. Volkswagen dürfe seine Seite des vereinbarten Pakets nicht nachträglich infrage stellen. Die Erwartung der Gewerkschaft ist, dass die Gespräche noch in diesem Quartal stattfinden – also bis Monatsende.

Nach Angaben der IG Metall ändert das Verfahren nichts an den geltenden Bestimmungen des Tarifvertrags und löst auch keine Kündigung aus. Die Beschäftigungssicherung bleibt davon unberührt. Der Zukunftstarifvertrag läuft bis zum 31. Dezember 2030.

Tarifabschluss mit weitreichenden Zugeständnissen

Der Tarifabschluss war Ende 2024 nach harten Auseinandersetzungen zustande gekommen. Erst nach Warnstreiks und einem einwöchigen Verhandlungsmarathon kurz vor Weihnachten wurde eine Einigung erzielt. Der Kompromiss sieht vor, bis 2030 in Deutschland 35.000 Stellen abzubauen. Außerdem wurden Bonuszahlungen und Zulagen gekürzt, Lohnerhöhungen ausgesetzt.

Im Gegenzug verzichtete Volkswagen auf betriebsbedingte Kündigungen und Werkschließungen und sagte Investitionen sowie neue Produkte für die deutschen Standorte zu. Genau an diesen Zusagen gibt es auf Arbeitnehmerseite inzwischen erhebliche Zweifel. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo betonte, die Zugeständnisse der Belegschaft seien nicht zum Nulltarif erfolgt, sondern im Vertrauen auf diese Vereinbarungen. Entsprechend erwarte sie, dass die Zusagen Bestand haben.

VW: Maßnahmen reichen nicht aus

Volkswagen kündigte an, sich dem Revisionsverfahren anzuschließen. Der Personalvorstand der Marke Volkswagen, Arne Meiswinkel, erklärte in einem internen Interview, dieses Recht auf ein solches Gespräch stehe nicht nur der IG Metall, sondern auch dem Unternehmen zu. Der Zukunftstarifvertrag sehe ein solches Verfahren ausdrücklich vor, wenn sich grundlegende Annahmen oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen wesentlich änderten – und genau das sei seit Ende 2024 geschehen.

Zur Begründung verweist VW auf ein deutlich verschärftes Umfeld in der Autoindustrie. Genannt werden geopolitische Spannungen, Belastungen für Lieferketten und Märkte, Handelsbarrieren, wachsender Preisdruck durch neue chinesische Hersteller sowie ein schneller und regional unterschiedlich verlaufender technologischer Wandel. All das erfordere mehr Flexibilität und zugleich hohe Investitionen.

Nach Darstellung des Konzerns ist das Gespräch deshalb notwendig, um die zusätzlichen Herausforderungen der Branche zu bewältigen. Vorstand und Aufsichtsrat seien sich einig, dass die Ende 2024 vereinbarten Maßnahmen nicht ausreichten, um die gemeinsam angestrebte operative Umsatzrendite von neun Prozent zu erreichen.

Den Vorwurf, Volkswagen verletze bestehende Verträge mit den Tarifparteien, wies Meiswinkel zurück. Aus Sicht des Unternehmens ist gerade im Tarifvertrag festgelegt, dass Gespräche aufgenommen werden können, wenn sich die Lage grundlegend verändert.

Konzern vor weiterem Umbau

Der Aufsichtsrat hatte sich in der vergangenen Woche einstimmig auf einen „Zukunftsplan“ des Vorstands verständigt. Finanzielle Kernvorgabe ist, dass von 100 Euro Umsatz bis 2030 neun Euro als operativer Gewinn übrig bleiben. Zum Halbjahr lag dieser Wert bei 3,80 Euro.

Das Management um Konzernchef Oliver Blume will deshalb weltweit rund 50.000 weitere Stellen streichen – zusätzlich zu bereits bekannten Plänen. Nach Konzernangaben könnte etwa die Hälfte davon auf deutsche Standorte entfallen. Die Marken und Gesellschaften sollen diese Maßnahmen nun im Detail ausarbeiten. Konkrete Abbauprogramme müssen allerdings noch mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt werden.

Zukunft von vier Werken ungewiss

Zugleich sieht der Vorstand derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung für die VW-Standorte Emden, Zwickau und Hannover sowie für das Audi-Werk in Neckarsulm. Der Aufsichtsrat hat dies zur Kenntnis genommen, konkrete Schließungen wurden jedoch nicht beschlossen. Stattdessen soll bis Mitte 2027 ein Konzept für eine wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur vorliegen. Parallel und ergänzend werden für die vier betroffenen Standorte alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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