Die Deutsche Bahn hat den Zustand ihres teils stark sanierungsbedürftigen Schienennetzes im vergangenen Jahr trotz hoher Investitionen nicht verbessern können. Im neuen Netzzustandsbericht bekam das rund 33.000 Kilometer lange Netz – wie schon im Vorjahr – erneut die Schulnote 3,0. Bahnchefin Evelyn Palla räumte ein, dass die erhoffte Trendwende weiter ausgeblieben ist. Viele Anlagen und Bahnhöfe seien weiterhin in keinem guten Zustand.
Für Fahrgäste zeigt sich das im Alltag vor allem durch Verspätungen. Nach Bahnangaben bremsen unter anderem Langsamfahrstellen, Weichenstörungen und Oberleitungsschäden den Verkehr immer wieder aus. Die angeschlagene Infrastruktur zählt damit weiter zu den wichtigsten Ursachen für die schwache Pünktlichkeit.
Hohe Ausgaben verhindern bislang vor allem weiteren Verfall
Im vergangenen Jahr flossen laut Bahn rund 19,9 Milliarden Euro in die Infrastruktur. Dazu kamen etwa 26.000 Baustellen im Netz. Nach Einschätzung des Konzerns reichte das aber im Wesentlichen nur aus, um zu verhindern, dass der Sanierungsstau weiter anwächst.
Für das laufende Jahr plant die Bahn Investitionen von rund 23 Milliarden Euro und etwa 28.000 Baustellen. Das Management verbindet damit die Hoffnung auf erstmals messbare Verbesserungen beim Netzzustand. Palla machte zugleich deutlich, dass es dafür nicht bei einem einmaligen Ausgabensprung bleiben dürfe: Nur wenn das hohe Investitionsniveau dauerhaft gehalten werde, könne die Sanierung erfolgreich sein.
Der gesamte Sanierungsstau im Netz beläuft sich nach Angaben von DB InfraGo weiterhin auf rund 130 Milliarden Euro.
Unterschiede zwischen Hochleistungs- und Flächennetz
Die Bahn unterscheidet in ihrem Bericht zwischen einem rund 9.000 Kilometer langen Hochleistungsnetz und einem etwa 24.000 Kilometer umfassenden Flächennetz. Das Hochleistungsnetz erhielt die Note 3,04, das Flächennetz die Note 2,96.
InfraGo-Chef Philipp Nagl betonte, dass für einen wirklich stabilen Betrieb auf dem Hochleistungsnetz eher ein Wert von 2,5 bis 2,6 nötig wäre. Anlagen mit einer Note von 4 oder schlechter gelten im Bericht als erneuerungsbedürftig.
Stellwerke bleiben größtes Problem
Besonders kritisch ist weiterhin der Zustand der Stellwerke. Im Gesamtnetz wurden sie mit der Note 4,02 bewertet – das ist zwar 0,1 Punkte besser als im Vorjahr, bleibt aber im mangelhaften Bereich. Nach Bahnangaben ist jedes zweite der rund 4.000 Stellwerke erneuerungsbedürftig.
Stellwerke sind für den Bahnbetrieb besonders wichtig, weil über sie unter anderem Weichen und Signale gesteuert werden und damit ein sicherer Zugverkehr erst möglich wird. Viele Anlagen sind bereits mehrere Jahrzehnte alt und lassen sich oft nicht mehr sinnvoll mit moderner Technik nachrüsten.
Etwas besser fällt die Bewertung der Brücken aus. Sie erhielten die Note 2,64, nachdem es im Vorjahr noch 2,78 gewesen waren.
Generalsanierungen sollen den Durchbruch bringen
Als zentrales Instrument setzt die Bahn auf sogenannte Generalsanierungen wichtiger Strecken. Dabei werden Abschnitte meist für mehrere Monate komplett gesperrt, um sie grundlegend zu erneuern.
Als erstes großes Beispiel nennt der Konzern die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim. Die fünfmonatige Generalsanierung im zweiten Halbjahr 2024 verbesserte die Zustandsnote der Strecke nach Bahnangaben von 3,7 auf 2,19.
Derzeit laufen weitere Generalsanierungen auf den Strecken Hamburg–Berlin, Köln–Hagen–Wuppertal und Nürnberg–Regensburg. Ihre Ergebnisse sollen sich im nächsten Netzzustandsbericht niederschlagen. Insgesamt plant die Bahn bis 2036 rund 40 Generalsanierungen.
Die Strategie gilt in der Branche zwar weitgehend als unvermeidlich, steht aber auch in der Kritik. Beanstandet werden unter anderem teils sehr lange Umleitungswege – besonders im Güterverkehr – sowie der Umstand, dass bei den ersten Projekten nicht alle technischen Versprechen umgesetzt wurden.
Pünktlichkeit dürfte sich nur langsam verbessern
Wie schnell sich die Lage für Reisende spürbar bessert, hängt nach Einschätzung der Bahn vor allem davon ab, ob in den kommenden Jahren ausreichend Geld für die Sanierung bereitsteht. Klar ist schon jetzt: Eine rasche Wende bei der Pünktlichkeit ist nicht zu erwarten.
Die Bahn hat ihre Ziele inzwischen vorsichtiger formuliert. Im Herbst senkten Palla und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) das Pünktlichkeitsziel für den Fernverkehr auf 70 Prozent im Jahr 2029. Zuvor hatte der frühere Bahnvorstand noch 75 bis 80 Prozent bis 2027 angepeilt.
Im April 2026 erreichten die Züge des Fernverkehrs nur 64,4 Prozent ihrer Halte pünktlich, also mit höchstens 5:59 Minuten Verspätung. Schon für das laufende Jahr dürfte es schwierig werden, im Jahresdurchschnitt überhaupt auf mehr als 60 Prozent zu kommen.
Auch Bahnhöfe wurden bewertet
Der Bericht betrachtet nicht nur das Schienennetz, sondern auch die Bahnhöfe. Große Fortschritte gab es dort ebenfalls nicht. Die Zustandsnote für 2025 liegt bei 2,96 und damit 0,07 Punkte unter dem Vorjahreswert.
Besonders schlecht schneiden die Empfangsgebäude mit der Note 3,55 ab, nach 3,58 im Jahr zuvor. Auch Personenaufzüge bleiben mit 3,56 in schwachem Zustand. Bei den Rolltreppen fiel die Bewertung ebenfalls schlecht aus: Von 1.025 bewerteten Anlagen wurden 489 als erneuerungsbedürftig und 112 sogar als dringend erneuerungsbedürftig eingestuft.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion