Das Dresdner Ifo-Institut warnt vor der Gefahr, dass Ostdeutschland im bundesweiten Vergleich wirtschaftlich weiter zurückfällt. Im Wettbewerbsreport Ostdeutschland, den die Forscher im Auftrag ostdeutscher Wirtschaftsverbände erstellt haben, nennen sie vor allem zu geringe Investitionen, den Mangel an Fachkräften und die alternde Bevölkerung als zentrale Bremsfaktoren.
Zwar habe sich der Wohlstand in Ostdeutschland erhöht, doch ohne rasches Gegensteuern von Politik und Unternehmen drohe sich der Abstand zum Westen wieder zu vergrößern, sagte der stellvertretende Leiter der ifo-Niederlassung Dresden, Joachim Ragnitz. Bei der Vorstellung der Studie im Berliner Bundesfinanzministerium betonte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, wie wichtig jeder einzelne Arbeitsplatz in Ostdeutschland sei. Nötig seien Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft und verlässliche Perspektiven vor Ort, auch um dem schwindenden Vertrauen in die Politik entgegenzuwirken.
Investitionen und Vermögen bleiben Schwachpunkte
Nach Angaben der Studienautoren lagen die Bruttoanlageinvestitionen je Einwohner in den ostdeutschen Ländern von 2019 bis 2023 nur bei gut drei Vierteln des westdeutschen Niveaus. Ohne Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur erreichte der Osten teils sogar nur rund zwei Drittel. Als Ursachen nennt der Report unter anderem die oft geringe Größe ostdeutscher Unternehmen, eine schwächere Gründungsdynamik und niedrigere Ausgaben für Forschung und Entwicklung.
Hinzu kommen deutliche Vermögensunterschiede. Laut Bundesbank lag das Median-Nettovermögen ostdeutscher Haushalte einschließlich Berlin im Jahr 2023 bei 35.900 Euro, in Westdeutschland dagegen bei 143.200 Euro. Nach Einschätzung Kaisers erschwert fehlendes Eigenvermögen Investitionen und Unternehmensgründungen. Als Gründe gelten niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten, kleinere Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte sowie eine schwächere Beteiligung an renditestarken Vermögensformen.
Demografie bremst den Aufholprozess
Zusätzlichen Druck erzeugt der demografische Wandel. Bis 2035 dürfte die Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland im Durchschnitt um etwa sieben Prozent sinken, in einzelnen Regionen sogar um bis zu 25 Prozent. Ragnitz warnte, dass dadurch Produktion mancherorts nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Verschärft werde die Lage zudem durch die Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen.
Einen kleinen Fortschritt sieht die Studie bei der Produktivität: Das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigem in den ostdeutschen Flächenländern lag 2025 bei rund 85 Prozent des westdeutschen Durchschnitts, vor zehn Jahren waren es 78 Prozent. Nach Einschätzung der Autoren ist diese Kennziffer entscheidend für die Löhne der Beschäftigten und die Fähigkeit der Unternehmen, weitere Investitionen zu stemmen.
Sorge um die Standortattraktivität
Mit Blick auf bevorstehende Landtagswahlen und starke AfD-Umfragewerte in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern warnte Ragnitz zudem vor möglichen negativen Folgen für den Wirtschaftsstandort. Wenn Fachkräfte Regionen mit einer AfD-Regierung meiden oder Unternehmen dort vorsichtiger investieren, könnte das den wirtschaftlichen Aufholprozess zusätzlich dämpfen.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze forderte deshalb mehr Reformtempo aus Berlin. Nötig seien weniger Bürokratie und größere finanzielle Spielräume für Investitionen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig verwies dagegen auf die leicht wachsende Wirtschaft in ihrem Bundesland und verlangte mehr Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen, niedrigere Energiekosten und zeitweise einfachere Regeln.
Was aus Sicht der Experten helfen würde
Als möglichen Ausweg sieht das ifo-Institut eine stärkere Förderung von Innovationen. Ragnitz sprach sich dafür aus, den Technologietransfer deutlich stärker auszubauen. Auf diese Weise könne die strukturelle Innovationsschwäche vieler ostdeutscher Unternehmen verringert werden.
Darüber hinaus empfehlen die Autoren bessere Abschreibungsregeln und steuerliche Anreize für Betriebe, den Ausbau der Fachkräftebasis auch durch Zuwanderung, eine engere Bindung von Hochschulabsolventen an regionale Unternehmen sowie mehr Förderung von Forschung und Entwicklung. Auch die Ansiedlung forschungsintensiver Großunternehmen sollte aus Sicht der Experten gezielt unterstützt werden. Um die Gründungsdynamik zu erhöhen, müsse zudem der Zugang zu Wagniskapital verbessert werden. Mitherausgeber Frank Nehring regte an, weniger vom Aufholen zu sprechen und Ostdeutschland stärker als mögliche „Zukunftsregionen“ zu betrachten.
Grundlage der Untersuchung ist nach ifo-Angaben der Ifo-Faktenmonitor, der rund 250 Kennzahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung in allen Bundesländern umfasst.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion