Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm rechnet infolge des Niedrigwassers auf deutschen Flüssen und der daraus entstehenden Logistikprobleme mit steigenden Preisen. Dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte sie, bei einer ineffizienten Verteilung knapper Transportkapazitäten könne das Niedrigwasser die Kosten unnötig nach oben treiben. Betroffen seien unter anderem die Chemiebranche und der Energiemarkt, etwa weil der Transport von Öl zu Raffinerien durch die niedrigen Pegel erschwert werde. Wie stark einzelne Grundstoffe im Preis anziehen, hänge auch davon ab, über welche Lagerbestände die Unternehmen verfügen.
Mit Blick auf die Anpassung an den Klimawandel warf Grimm der Politik mangelnde Voraussicht vor. Die Lockerung des Sonntagsfahrverbots für Lastwagen sei zwar sinnvoll, komme aber zu spät. Solche Situationen seien absehbar gewesen, stattdessen werde nun wieder über kurzfristige Notmaßnahmen gesprochen. Es hinterlasse keinen guten Eindruck, wenn Politik lediglich von Krise zu Krise reagiere, statt systematisch Strategien zur Klimaanpassung zu entwickeln.
Eine einfache Lösung über die Vertiefung von Flüssen sieht Grimm nicht. Dieser Schritt müsse sorgfältig geprüft werden, auch mit Blick auf ökologische Folgen. Punktuelle Anpassungen an Fahrrinnen könnten sinnvoll sein, doch dadurch entstehe kein zusätzliches Wasser. Aus ihrer Sicht sollte die Politik deshalb auch Konzepte erarbeiten, nach denen Transporte im Ernstfall priorisiert werden.
Rhein in Düsseldorf auf historischem Tiefstand
Der Rhein hat in Düsseldorf unterdessen einen historischen Niedrigstand erreicht. Nach Daten des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein fiel der Pegel dort erstmals in den negativen Bereich. Am Sonntagmorgen lag er bei minus 1 Zentimeter. Die Fahrrinne selbst ist allerdings deutlich tiefer als der am Ufer gemessene Pegelstand.
Für die neue Woche wird zwar ein leichter Anstieg auf etwa 10 Zentimeter erwartet, dennoch bleibt der Wasserstand weiterhin außergewöhnlich niedrig. Nach Angaben der Behörde sind inzwischen kaum noch Schiffe unterwegs.
Nach Einschätzung der Deutschen Industrie- und Handelskammer trifft das Niedrigwasser vor allem die chemische Industrie. Zwar würden auf dem Rhein häufig Massengüter mit vergleichsweise geringem Wert wie Kohle, Sand oder Bergbauerzeugnisse transportiert, sagte eine Sprecherin der Rheinischen Post. Zugleich verbinde der Fluss aber viele große Standorte der Chemieindustrie, an denen petrochemische Vorprodukte weiterverarbeitet werden. Ohne Maßnahmen zur Stärkung der Wasserstraßen könne die Binnenschifffahrt ihre Vorteile künftig nicht mehr ausspielen.
DB Cargo prüft Reaktivierung alter Güterwagen
Um ausfallende Schiffstransporte teilweise aufzufangen, will die Bahn-Tochter DB Cargo nach Informationen der Rheinischen Post auch ältere Güterwaggons wieder in Betrieb nehmen. Laut einem Papier, das der Zeitung vorliegt, werde zusätzlich die Rückkehr dauerhaft abgestellter Güterwagen vorbereitet und geprüft. Unmittelbar könne DB Cargo demnach 900 Wagen mobilisieren, davon 300 sofort. Nach Angaben von DB-Cargo-Chef Bernhard Osburg könnten 900 Wagen die Ladung von 200 Binnenschiffen ersetzen.
Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt grundsätzlich die stärkere Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene, warnt jedoch vor möglichen Folgen für Reisende. Bundesvorsitzender Lukas Iffländer betonte laut Mitteilung: mehr Güter auf die Schiene sei richtig, weniger Züge für Fahrgäste aber nicht akzeptabel. Regional- und Fernverkehr dürften weder ausgedünnt noch unzuverlässiger werden. Wenn Güter- und Personenverkehr um dieselben knappen Trassen konkurrierten, sei das auch Folge eines zu lange verschleppten Infrastrukturausbaus.
Iffländer sieht zudem die Unternehmen in der Pflicht. Niedrigwasser am Rhein sei kein überraschendes Ereignis. Wer seine Lieferketten dennoch so organisiere, dass im Krisenfall hektisch zusätzliche Transportkapazitäten beschafft werden müssten, habe nicht ausreichend vorgesorgt. Eine langfristige Logistikstrategie lasse sich durch Ad-hoc-Maßnahmen nicht ersetzen.
Auch Noah Wand, Landesvorsitzender von Pro Bahn in Rheinland-Pfalz und im Saarland, kritisierte die politischen Prioritäten. Sobald wirtschaftliche Lieferketten unter Druck gerieten, komme es rasch zu Ministerrunden, während Fahrgäste oft vergeblich auf Gehör warteten. Was im Güterverkehr kurzfristig ermöglicht werde, dürfe im Personenverkehr nicht an fehlender Infrastruktur oder starren Vorgaben scheitern.
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) setzt sich wegen des Niedrigwassers dafür ein, mehr Schiffsfracht auf Schiene und Straße zu verlagern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber