Wandern als Wirtschaftsfaktor: Das Erzgebirge setzt auf aktive Gäste
Natascha Heinrich kennt lange Wege aus eigener Erfahrung: Früher überquerte sie die Alpen zu Fuß, heute leitet sie ein familiengeführtes Hotel im Erzgebirge. Als eine Modernisierung anstand, wurde die frühere Baude am Fuß des Fichtelbergs abgetragen. An ihrer Stelle entstand für mehrere Millionen Euro das neue „Basislager“, das seit dem Frühjahr 2025 geöffnet ist. Mit 13 Zimmern und einem Wanderlager für zehn Personen richtet sich das Haus vor allem an sportlich orientierte Urlauber.
Viele Gäste nutzen das Hotel als Zwischenstopp auf dem Kammweg Erzgebirge-Vogtland oder als Ausgangspunkt für Touren im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, berichtet die 43-Jährige. Für Wanderer reiche ein Bett allein jedoch nicht aus. Wichtig seien praktische Angebote wie ein Schuhtrockner, Empfehlungen für weniger bekannte Routen oder auch ein Wellnessbereich mit Sauna und Infrarotkabinen zur Erholung nach einer langen Etappe. Hinzu komme gute Verpflegung. Gerade mehrtägig Reisende schätzten es außerdem, wenn sie Kleidung waschen und trocknen können.
Wandern bringt Milliarden in die Regionen
Das Wandern hat in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Bedeutung gewonnen. Nach Angaben von Bernd Hartmann, Geschäftsführer des Deutschen Wanderverbandes, gehen heute wieder deutlich mehr Menschen auf Tour. Rund zwei Drittel der Deutschen ab 16 Jahren seien zumindest gelegentlich wandernd unterwegs.
Davon profitiert nicht nur der Handel mit Outdoor-Ausrüstung. Auch Gaststätten, Hotels und Pensionen erzielen durch Wanderurlauber beachtliche Einnahmen. Laut Wanderverband summiert sich die jährliche Wertschöpfung in den Regionen auf etwa 7,8 Milliarden Euro. Vor allem ländliche Gegenden ziehen daraus Nutzen.

Vom gemütlichen Naturerlebnis zum Lifestyle-Thema
Heinz-Dieter Quack vom Forschungszentrum Wandern an der Ostfalia Hochschule erklärt, dass sich das Bild des Wanderns seit den 1990er Jahren stark verändert habe. Aus einer eher bodenständigen Freizeitbeschäftigung sei zunehmend ein lifestyleorientiertes Hobby geworden.
Sein Team veröffentlicht jährlich den Wandermonitor, der auch die wirtschaftlichen Effekte untersucht. Die Erhebung für 2025 zeigt, dass die Befragten in den zwei Jahren zuvor im Schnitt rund 445 Euro für Ausrüstung ausgegeben haben. Besonders gefragt waren Schuhe, Socken und Hosen. Daneben wurden auch Rucksäcke, Trinkflaschen, Apps und Karten gekauft. Vor allem Menschen zwischen 30 und 49 Jahren investieren vergleichsweise viel in ihre Wanderausstattung.
Auch unterwegs geben Wanderer Geld aus: Im Durchschnitt lagen die täglichen Ausgaben bei mehr als 60 Euro für Gastronomie, Einkäufe oder öffentliche Verkehrsmittel. Wer mehrere Tage unterwegs war, investierte mit Übernachtung im Schnitt noch einmal rund 100 Euro zusätzlich.
Großes Wegenetz, aber hohe Pflegekosten
Trotzdem bleibt Wandern im Vergleich zu vielen anderen Freizeitaktivitäten relativ günstig, betont Quack. Gute Schuhe, etwas Proviant und schon könne es losgehen. Die Nutzung der Wege sei kostenlos. Doch damit die Infrastruktur erhalten bleibt, investieren Kommunen und Ehrenamtliche viel Arbeit in Pflege und Beschilderung.
Deshalb wurde auch gefragt, ob Wanderer grundsätzlich bereit wären, für die Nutzung von Wegen zu bezahlen. Etwa 43 Prozent der Befragten konnten sich das vorstellen. Ob sich ein solches Modell in der Praxis durchsetzen ließe, sieht Quack jedoch skeptisch. Frühere Versuche mit freiwilligen Beiträgen hätten nur wenig eingebracht. Erfolgversprechender seien zusätzliche Serviceangebote entlang der Strecken, etwa Transfers, Verpflegung oder Parkgebühren.
Nach Angaben des Wanderverbandes umfasst das deutsche Wanderwegenetz mehr als 300.000 Kilometer. Damit ist es etwa siebeneinhalb Mal so lang wie der Äquator. Mit seinen sehr unterschiedlichen Landschaften wirbt Deutschland daher auch international als attraktives Wanderland.
Immer mehr suchen die sportliche Herausforderung
Zugleich wird Wandern vielfältiger. Manche Menschen suchen vor allem Ruhe in der Natur oder sind auf Pilgerwegen unterwegs. Andere entdecken beim Urban Hiking Städte, Parks und Architektur. Wieder andere wollen an ihre körperlichen Grenzen gehen.
So zieht der Wandermarathon im Frankenwald nach Veranstalterangaben Hunderte Teilnehmer aus dem In- und Ausland an und ist meist rasch ausgebucht. Im Harz gibt es regelmäßig lange Wandermärsche. In Sachsen wiederum absolvieren Extremwanderer beim Fichtelbergmarsch an nur einem Tag mehr als 60 Kilometer und rund 1700 Höhenmeter von Chemnitz bis auf den Fichtelberg.
Neue Angebote sollen Gäste ganzjährig anlocken
Der höchste Berg Ostdeutschlands ist zwar vor allem als Wintersportort bekannt. Doch wie in vielen Mittelgebirgen fällt auch dort der Schnee inzwischen häufiger aus. Um Hotels und Pensionen besser über das ganze Jahr auszulasten, setzt die Tourismusbranche verstärkt auf Alternativen wie Mountainbiking und Wandern.
Das Erzgebirge bietet dafür gute Voraussetzungen. In der als Unesco-Welterbe anerkannten Bergbauregion gibt es zahlreiche Wege auf deutscher und tschechischer Seite. Neu hinzugekommen ist der „Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun“. Dabei stehen Routen über 62 Kilometer für Wanderer und 86 Kilometer für Trailrunner zur Wahl, die an einem, zwei oder drei Tagen bewältigt werden können.
Hotelchefin Natascha Heinrich begrüßt solche Angebote. In diesen Tagen ist die Region zudem Schauplatz des europäischen Wanderfests Eurorando sowie des Deutschen Wandertags. Heinrich hofft darauf, dass viele Gäste nach einem ersten Besuch wiederkommen und dann Freunde oder Familie mitbringen. Ihrer Erfahrung nach gibt es noch zahlreiche Menschen, die das Erzgebirge bislang nicht kennen. Zudem lasse sich Wandern gut mit anderen Formaten verbinden, etwa mit Firmenveranstaltungen oder Kursen wie Yoga.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber