Kritik an Edekas Tegut-Übernahme wächst – Unternehmen weist Vorwürfe zurück
Die geplante Übernahme von 178 Tegut-Märkten durch Edeka sorgt bei Wettbewerbsexperten weiter für erhebliche Skepsis. Tomaso Duso, Vorsitzender der Monopolkommission, sieht darin einen weiteren Rückschlag für den Wettbewerb im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Wenn erneut ein Anbieter vom Markt verschwinde, steige die Gefahr einer noch stärkeren Marktmacht weniger großer Konzerne – mit möglichen Nachteilen für Kundinnen und Kunden.
Duso forderte die Aufsichtsbehörden auf, die Entwicklung genau zu beobachten. Insbesondere müsse verhindert werden, dass die führenden Handelsgruppen ihre Stellung nutzen, um Preise anzuheben oder Innovationen auszubremsen. Zu diesen dominierenden Unternehmen zählen Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland.
Kartellamt genehmigt Übernahme in reduziertem Umfang
Das Bundeskartellamt hatte in dieser Woche grünes Licht für die Übernahme zahlreicher Tegut-Standorte durch Edeka gegeben – allerdings nur eingeschränkt. Statt der ursprünglich vorgesehenen 202 Filialen darf Edeka zunächst 178 Märkte übernehmen, also 24 weniger als geplant. Nach Ansicht der Behörde soll diese Reduzierung verhindern, dass sich die Wettbewerbssituation in den betroffenen Regionen zulasten der Verbraucher verschlechtert.
Die Wettbewerbshüter hatten die geplante Übernahme seit März geprüft. Dabei verwies Kartellamtspräsident Andreas Mundt bereits Ende Juli darauf, dass die hohe Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel allein kartellrechtlich nicht ausreiche, um einen solchen Zusammenschluss zu untersagen. Aus den Ermittlungen hätten sich demnach keine Hinweise auf fehlenden wirksamen Wettbewerb ergeben.
Edeka weist Kritik zurück
Edeka selbst wies die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher betonte, das Bundeskartellamt habe jeden einzelnen regionalen Absatzmarkt sorgfältig geprüft und für alle freigegebenen Tegut-Filialen festgestellt, dass der Wettbewerb vor Ort nicht beeinträchtigt werde. Nach Unternehmensangaben sei dabei ein strengerer Maßstab als in früheren Verfahren angelegt worden.
Zugleich verweist Edeka auf die Folgen für Beschäftigung und Versorgung: Mit der Übernahme würden rund 3.700 Arbeits- und Ausbildungsplätze gesichert und die wohnortnahe Nahversorgung erhalten.
Auch aus der Branche kommt Unterstützung für die Transaktion. Philipp Hennerkes, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, erklärte, Händler würden aus dem Markt ausscheiden, wenn sie wirtschaftlich nicht mehr tragfähig seien. Dann sei es im Interesse aller, wenn andere Unternehmen die Standorte weiterführten.
Zum Übernahmepaket gehören neben den Märkten auch das Tegut-Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach, die Bäckerei Herzberger sowie 41 personallose „Teo“-Minimärkte.
Monopolkommission warnt vor zu viel Marktmacht
Die Monopolkommission beurteilt die Lage dennoch deutlich kritischer. Nach ihren Angaben entfallen bereits heute mehr als 90 Prozent des Umsatzes im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf die vier größten Ketten. Damit liege ein zentraler Bereich der Grundversorgung faktisch in den Händen weniger Unternehmen, betonte Duso.
Hinzu komme, dass sich die Sortimente der großen Anbieter in Teilen stark ähnelten und die Preisgestaltung in einem sehr transparenten Markt leicht aufeinander abgestimmt werden könne. Gleichzeitig seien viele Lieferanten stark von den großen Handelsketten abhängig. Dadurch entstehe das Risiko eines Missbrauchs von Nachfragemacht. Weil Zulieferer Auseinandersetzungen mit den marktführenden Händlern häufig scheuten, sei es für Behörden zudem schwer, problematische Praktiken aufzudecken und zu unterbinden.
Bereits Ende 2025 hatte die Monopolkommission in einem Sondergutachten vor einer weiter zunehmenden Konzentration im Lebensmittelhandel gewarnt.
Weitere Verkäufe von Tegut-Filialen noch offen
Die Migros Zürich hatte im März angekündigt, sich von Tegut zu trennen. Die Supermarktkette betreibt in Deutschland rund 300 Standorte. Neben Edeka interessieren sich auch andere Handelsunternehmen für Teile des Filialnetzes. So erhielt die Smart-Store-Kette Tante Enso im Juni bereits die Freigabe für 36 Märkte. Auch Rewe möchte bis zu 40 Filialen übernehmen; eine Entscheidung darüber steht aber noch aus. Was mit den übrigen Tegut-Standorten geschieht, ist bislang unklar.
Tegut wurde 1947 in Fulda gegründet und gehört seit 2013 zur Migros-Gruppe. Das Unternehmen ist in sechs Bundesländern aktiv, mit einem Schwerpunkt in Hessen. Nach Angaben von Migros beschäftigt Tegut knapp 7.500 Menschen. Die Marke selbst soll künftig vom Markt verschwinden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber